Editorial

Eine Kirche von unten

Papst Franziskus hat gleich zu Beginn seines Pontifikats durch seine Gesten und Äusserungen ein Thema angesprochen, das ihm besonders wichtig ist: die Frage der Armen. Gut eine Woche nach seiner Wahl führte er an einer Audienz aus: «Wie Sie wissen, gibt es mehrere Gründe, warum ich bei der Wahl meines Namens an Franziskus von Assisi gedacht habe – eine Persönlichkeit, die über die Grenzen Italiens und Europas hinaus und auch bei denen, die nicht den katholischen Glauben bekennen, wohlbekannt ist. Einer der ersten Gründe ist die Liebe, die Franziskus zu den Armen hatte.» Seither propagiert Franziskus – im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern – eine kirchliche Perspektive «von unten». Eine Position, die in ähnlicher Form auch schon von Johannes XXIII. deklariert wurde, als er wenige Tage vor der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65) erstmals von der «Kirche der Armen» gesprochen hatte. Diese Aussage des Konzilspapstes ist nicht allein deswegen so wichtig, weil er einen inneren Zusammenhang zwischen der realen Armut und der Kirche zum Ausdruck bringt. Genauso bedeutsam ist die darin enthaltene grundsätzliche Ausrichtung der Kirche auf alle Menschen, egal, wo sie gesellschaftlich anzusiedeln sind.

Franziskus ist seiner Linie treu geblieben, denn auch die aktuellen Kardinalsernennungen zeugen von dieser «Kirche von unten». Er hat dabei Bischöfe ausgewählt, die weit weg von kirchlichen Machtpositionen wirken. Auch der italienische Ordensgründer Giovanni Battista Scalabrini, der am kommenden 9. Oktober in Rom heiliggesprochen wird, hatte sich in seinem heilvollen Wirken ganz der Perspektive «von unten» verschrieben. Ihm ist der Schwerpunkt in dieser Ausgabe gewidmet. Der aus der Region des Comer Sees stammende Priester hat sich der grossen Schar der Ein- und Auswanderer seiner Zeit angenommen. Dieser Einsatz hat ihm den Ehrentitel «Vater der Migrantinnen und Migranten» eingetragen. Die von ihm gegründeten Ordensgemeinschaften, wie seit 1961 das Säkularinstitut der Missionarie Secolari Scalabriniane in Solothurn, sind bis heute in der Auswandererseelsorge aktiv. So passt es ausgezeichnet, dass Papst Franziskus, der Scalabrini heiligsprechen wird, selbst aus einer ursprünglich italienischen Familie stammt, die in den 1930er-Jahren nach Argentinien ausgewandert ist.  

Reto Stampfli