Schwerpunkt

Vater der Migranten

von Christiane Lubos

Die prophetische Sicht von Giovanni Battista Scalabrini, der bereits von Pius XII. zum «Vater der Migranten» ernannt und vor 25 Jahren seliggesprochen wurde, ist aktueller denn je. Darum will ihn Papst Franziskus noch in diesem Jahr heiligsprechen. 

 «In Mailand – einige Jahre ist es nun her – wurde ich Zeuge einer Szene, die in meinem Herzen eine grosse Traurigkeit zurückliess. Ich kam am Bahnhof vorbei und sah die grosse Halle, die seitlichen Bogengänge und den Platz vor dem Bahnhof, belagert von drei- bis vierhundert Menschen: arm gekleidet und in verschiedenen Gruppen aufgeteilt. Ihre Gesichter waren von der Sonne gebräunt, von verfrühten Falten zerfurcht, wie nur Entbehrung und Armut sie verursachen können. Auf ihren Gesichtern war der ganze Aufruhr der Gefühle ablesbar, der in diesem Moment ihre Herzen bewegte … Es waren Emigranten … Angesichts einer so herzzerreissenden Situation stellte ich mir oft die Frage: Wie kann man Abhilfe schaffen …?» (G.B. Sca­labrini, 1887).

Diese Beobachtung, die G.B. Scalabrini tief berührte, hinterliess tiefe Spuren in seinem Leben und Handeln. Er analysierte die Situation der Migration, erstellte Statistiken, untersuchte Ursachen und Auswirkungen, schrieb Artikel und sensibilisierte die öffentliche und kirchliche Meinung. 

WER WAR G.B. SCALABRINI? 
Giovanni Battista Scalabrini wurde am 8. Juli 1839 in Como geboren. Früh wurde er Priester und bereits mit 36 Jahren zum Bischof von Piacenza geweiht. Er lebte in der Epoche der Industrialisierung, als Hunderttausende, getrieben von Hunger und Armut, aus Europa in die Neue Welt flohen. Zeitgenossen beschrieben ihn als lebhaften und hoffnungsvollen Brückenbauer, als einen Mann der Tat und des Gebets, einen politischen und zugleich mystischen Menschen. Als Bischof setzte er sich mit einem ganzheitlichen Ansatz für seine Diözese ein. Regelmässig besuchte er sämtliche Pfarreien. Besonders am Herzen lagen ihm alle Menschen in Not, wie z. B. die Taubstummen und vor allem die Migranten und Migrantinnen, denn für ihn war klar: «Dort, wo die Menschen arbeiten und leiden, dort ist die Kirche.» Am 1. Juni 1905 verstarb er im 66. Lebensjahr in Piacenza.  

SICH BERÜHREN LASSEN UND ­HANDELN
Immer wieder ging Bischof Scalabrini von konkreten Begegnungen aus, er sah, was um ihn herum geschah, er liess sich tief berühren und handelte. Er wusste die Zeichen der Zeit zu deuten und übernahm persönlich Verantwortung. So verkaufte er sogar den Kelch, den er von Papst Pius IX. als Geschenk erhalten hatte. Seine Überzeugung war: Wenn ein Armer Hunger hat, dann bevorzugt Christus für die Feier der Eucharistie einen Kelch aus Blech statt aus Gold. Scalabrini lebte für eine Kirche, die «… in ihrer Offenheit keine Grenzen kennt», eine pilgernde Kirche, die sich mit den Menschen auf den Weg macht.

SCALABRINIS HALTUNG
Sein Scharfsinn machte ihn zu einer kritischen und unbequemen Stimme in seiner Zeit. Unermüdlich drängte er darauf, dass es zu den Pflichten des Staates gehöre, Gesetze für die Aus- und Einwanderung zu schaffen. Aber auch auf allen kirchlichen Ebenen setzte er sich dafür ein, eine Migrationspastoral zu entwickeln. Kurz vor seinem Tod schrieb er an Papst Pius X. und legte dem Vatikan ein «Memorandum» vor für die Errichtung einer zentralen kirchlichen Organisation zur Koordination der Seelsorge zugunsten aller Auswanderer.

Zur stützenden Begleitung der Migranten gründete er 1887 die Kongregation der Missionare und 1895 die Schwesternkongrega­tion der Missionarinnen des Heiligen Karl Borromäus. Durch seine Initiative entstand auch 1889 der nach deutschem Vorbild entwickelte Verein «San Raffaele», der sich der Migranten in den Abfahrts- und Ankunftshäfen annahm. 

EINE VISION VON MIGRATION
Scalabrini sah in der Geschichte der Migration nicht nur eine grosse soziale, kulturelle, wirtschaftliche und politische Frage seiner Zeit, sondern ein Phänomen, das die Menschheit in der Zukunft dauerhaft beschäftigen würde. Mit der Zeit wuchs in ihm das Vertrauen, dass auch die Migration zum Plan Gottes für die Welt beitragen könne. In der Verbindung von Glauben und Kultur, beziehungsweise Sprache, bemerkte er eine Wechselwirkung. Die eigene Herkunft nicht zu verneinen, kulturelle und sprachliche Eigenheiten nicht aufzugeben, das durfte aber auch nicht zu einer Abkapselung von der Aufnahmegesellschaft und -kirche führen. Es galt einen Weg zu finden, wie man seiner Herkunft verbunden bleiben und im Gastland Fuss fassen konnte.  

SEIN TRAUM LEBT WEITER
Scalabrini liess sich in jeder Situation, die er erlebte, vom Plan Gottes für die Welt leiten. Sein Traum war es, dass die Menschen lernen, einander in der Vielfalt der Sprachen und Kulturen wertzuschätzen, damit alle Völker wie eine einzige Familie zusammenleben konnten. Diese Vorstellung lebt weiter in der Kirche und natürlich in den beiden Kongregationen der Scalabrini-Missionare und Missionsschwestern. Sie setzen sich heute in über 30 Ländern für ein Miteinander in der Verschiedenheit der Kulturen und Sprachen ein.

Und auch unser Säkularinstitut der Missionarie Secolari Scalabriniane, das 1961 in Solothurn entstand, lehnt sich an den Geist von Bischof Scalabrini an. Unterwegs mit Migrierten und Geflüchteten leben wir eine «Spiritualität des Exodus» – zusammen mit allen, die sich für diesen Traum einsetzen. In den unterschiedlichsten ­Berufen, in der Sensibilisierungs- und ­Bildungsarbeit sowie an den Brennpunkten von Migration und Flucht, wirken wir zurzeit in Brasilien, Mexiko, Vietnam, Deutschland, Italien und der Schweiz. In Solothurn stehen uns dank der früheren Franziskanerinnengemeinschaft und des Bistums Basel die Räumlichkeiten des ehemaligen Klosters St. Josef zur Verfügung. Das dortige Internationale Bildungszen­trum (IBZ) Scalabrini steht vor allem jungen Leuten offen: Einheimischen, jungen Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchteten. In dieser «Werkstatt der Begegnung» versuchen wir den Traum Sca­labrinis umzusetzen, dass jeder Mensch – gleich welcher Herkunft, Kultur, Sprache und Religion – wertvoll ist und aus jedem Fremden ein Freund werden kann.  

Am 4. Oktober 2022 wird in Rom ­heiliggesprochen. Wer bei der Heiligsprechung in Rom mit dabei sein möchte, kann sich an das IBZ-Scalabrini in ­Solothurn wenden: ibz-solothurn@scala-mss.net

«Behaltet, alte Küsten, euren Schein», ruft sie stumm.

«Gebt mir nur eure Armen, ­Entwurzelten, voll Sehnsucht, frei zu sein,

die Seelen, die eure Ufer flohen.

Jener Schwachen will ich mich ­erbarmen.

An dem gold’nen Tor soll mein Licht lohen!»

 

Aus dem Gedicht «The New Colossus» (1883) von Emma Lazarus, eingraviert im Innern des Podests der Freiheitsstatue in New York