ACN / Maria Lozano
Christen in China im Gottesdienst
Schwerpunkt
Religionsfreiheit und Christenverfolgung
von Felix von Sury
Christenverfolgung erinnert uns an das alte Rom, als viele für ihr Bekenntnis zu Jesus Christus getötet wurden. Religionsfreiheit ist heute stärker bedroht als vor zweitausend Jahren und mehr Christen werden im Jahre 2025 diskriminiert, bedrängt und verfolgt als je zuvor.
Religionsfreiheit
Die Generalversammlung der UNO verabschiedete 1948 den Artikel 18 zur Religionsfreiheit als Teil der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: «Jede Person hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schliesst die Freiheit ein, seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.» Diese von westlichen Wertvorstellungen geprägte Erklärung wird von vielen Staaten nicht in ihrer Gesamtheit akzeptiert. So lehnt China individuelle Rechte weitgehend ab und für viele islamische Staaten ist die Scharia alleinige Grundlage der Menschenrechte.
Die westlichen Gesellschaften hingegen beziehen ihre Vitalität und Anziehungskraft aus der Respektierung der Menschenrechte, einschliesslich der Religionsfreiheit. Papst Leo XIV. im Oktober 2025: «Die Religionsfreiheit ermöglicht es, die Wahrheit zu suchen, sie frei zu leben und offen zu bezeugen. Sie ist daher ein Eckstein jeder gerechten Gesellschaft, da sie den moralischen Raum schützt, in dem das Gewissen gebildet und respektiert werden kann.»
Die Religionsfreiheit kommt im Namen des Säkularismus auch bei uns zunehmend unter Druck. Lehrkräften wird verboten, ein Halskreuz, die Kippa oder das Kopftuch zu tragen, Weihnachtslieder oder Gipfelkreuze werden als Provokation empfunden. Gegenüber neuen Ideologien und heidnischen Bräuchen sind westliche Gesellschaften hingegen tolerant. Religion aber soll privat bleiben. Öffentlich zur Schau gestellter Glaube wird als Bedrohung angesehen und nicht als Bereicherung und Aufforderung zum Dialog.
Christenverfolgung
Gemäss dem Religionsfreiheitsbericht 2025 (siehe Kästchen) ist die freie Religionsausübung in vielen Ländern massiv eingeschränkt, nicht nur, aber besonders stark für Christen. Aufgrund eingehender Recherchen stuft der Bericht 24 Länder in die Kategorie «Verfolgung» ein, mit schwerwiegenden und systematischen Verstössen gegen die Religionsfreiheit, Festnahmen und Unterdrückung; 38 Länder fallen in die Kategorie «Diskriminierung», wo Glaubensgemeinschaften systematisch an der freien Glaubensausübung gehindert werden.
In vier Situationen ist die Religionsfreiheit besonders bedroht und Christen werden verfolgt:
- Autoritarismus: China, Nordkorea, Eritrea, Iran, Kuba, Nicaragua, Venezuela u. a.
- Ethnonationalismus: Indien, Myanmar, Nepal, Sri Lanka u. a.
- Islamismus und Jihadismus: Indonesien, Pakistan, Afghanistan, die meisten Staaten des Nahen Ostens und von Nordafrika und zunehmend viele Länder in Schwarzafrika.
- Organisierte Kriminalität: Mexiko, Haiti, Nigeria u. a.
In China leben etwa 100 Millionen Christen; Kinder und Jugendliche sind von der Teilnahme am religiösen Leben in der Öffentlichkeit und in den Gemeinden weitgehend ausgeschlossen. Von den Religionen wird erwartet, dass sie ihre Lehren mit den sozialistischen Werten chinesischer Prägung in Einklang bringen. Jede religiöse oder katechetische Unterweisung kann als «Einmischung» in das staatliche Bildungssystem betrachtet und verboten werden.
Indien, von seiner Verfassung her ein säkularer Staat, wird von nationalistischen Bewegungen als hinduistisch verstanden. Diese Haltung richtet sich gegen die fast 200 Millionen Muslime im Land, aber auch gegen die etwa 30 Millionen Christen. Unter dem Vorwand von Antikonversionsgesetzen werden schulische und soziale Aktivitäten christlicher Kirchen von radikalen Gruppen denunziert und tätlich angegriffen.
Im Nahen Osten lebte während vielen Jahrhunderten die muslimische Mehrheit harmonisch mit religiösen Minderheiten wie Christen, Juden, Alawiten, Jesiden und Drusen zusammen. Mit der Islamisierung dieser Gesellschaften werden die Minderheiten zunehmend bedrängt. Hunderttausende haben seit der Jahrtausendwende ihre angestammte Heimat verlassen. Im Jahr 2000 lebten im Irak 1,5 Millionen Christen, heute sind es noch 150 000 bis 200 000. In Syrien hat die Anzahl Christen im gleichen Zeitraum von fast 2 Millionen auf 500 000 abgenommen.
Nigeria ist in einen hauptsächlich christlichen Süden und in einen vorwiegend muslimischen Norden geteilt. Im Norden werden gemässigte Muslime und insbesondere christliche Gemeinschaften regelmässig von jihadistischen Gruppen wie Boko Haram angegriffen; Gotteshäuser werden zerstört, Geistliche ermordet und junge Frauen entführt und zwangsverheiratet; Schariagerichte in 12 Bundesstaaten des Nordens urteilen strikt nach islamischem Recht. In Pakistan machen strenge Blasphemiegesetze den 3 Millionen Christen das Leben schwer. Konvertiten werden geächtet und schikaniert.
In Lateinamerika ist das Christentum seit Jahrhunderten heimisch. Der Einsatz der Kirchen für die Armen und Freiheitsrechte wird vielerorts gewaltsam unterdrückt. In Kuba, Venezuela und Nicaragua greifen die autoritären Regimes besonders Bischöfe und Geistliche an.
Zeichen der Hoffnung
Paulus schreibt: Bedrängnis bringt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung und ‹Hoffnung lässt nicht zuschanden werden› (Römer 5, 3–5).
Trotz Diskriminierung und Bedrängnis ist die verfolgte Kirche vital und ein Zeichen der Hoffnung in unserer Welt. Wo Gotteshäuser fehlen, treffen sich die Gläubigen in Hauskirchen, oft im Untergrund. Laien übernehmen wichtige Aufgaben, wo es an Priestern mangelt oder wo diese nicht öffentlich auftreten dürfen.
Was können wir hier tun, als Kirche und Einzelpersonen? Informieren wir uns über das Leiden unserer bedrängten Glaubensschwestern und -brüder, beten wir für sie und unterstützen wir sie tatkräftig. Das mutige und kämpferische Christentum der Verfolgten konfrontiert uns mit der Bequemlichkeit unseres eigenen religiösen Engagements. Der Sichtbarkeit des Islams bei uns ist nicht mit Verboten beizukommen, sondern mit einem selbstbewussten, auch öffentlichen christlichen Auftreten, einem neuen «Coming-out».
Antisemitismus ist eine besonders schlimme und uralte Form der religiösen und rassistischen Diskriminierung, die in diesem Übersichtsartikel nicht behandelt wird.
Der Bericht zur Religionsfreiheit weltweit wird von der päpstlichen Stiftung «Kirche in Not (ACN)» alle zwei Jahre publiziert. Eine deutsche Zusammenfassung der Ausgabe 2025 kann kostenlos bei Kirche in Not, Cyatstr. 6 in 6004 Luzern, mail@kirche-in-not.ch, 041 410 46 70, bezogen werden. Der Gesamtbericht ist im Internet abrufbar unter: www.kirche-in-not.ch
Dr. sc. tech. Felix von Sury war während seines Berufslebens in Asien, Afrika und Lateinamerika für die Entwicklungszusammenarbeit tätig. Er ist im Vorstand von «Kirche in Not (ACN)» Schweiz/Liechtenstein.