Aktuelle Nummer 25 | 2022
04. Dezember 2022 bis 17. Dezember 2022

Wie lange hält Kurt Koch dem Druck stand?

Bis vorgestern hatte der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch einen guten Lauf. Letzte Woche sonnte er sich beim Benedikt-Schülerkreis unter Gleichgesinnten. Die «NZZ am Sonntag» widmete Kurt Koch ein doppelseitiges Interview, in dem er gegen den Synodalen Weg stichelte.

Schwäbisch Gmünd lädt Kurt Koch aus

Der gute Lauf sollte so weitergehen. Am morgigen Samstag wollte Kurt Koch sich ins Goldene Buch der Stadt Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg) eintragen. Doch daraus wird nichts.

Aufgrund seiner umstrittenen Vergleiche zum Nationalsozialismus hat ihn die Stadt Schwäbisch Gmünd ausgeladen: «Im Rahmen der Äusserungen des kirchlichen Würdenträgers und die Diskussionen dazu ist eine solche Veranstaltung derzeit aus Sicht der Stadt nicht durchführbar», teilte die Pressestelle mit.

Zu Gast bei der konservativen «Fundatio Christiana Virtus»

Die anderen Programmpunkte seiner Deutschland-Reise hingegen sollen wie geplant stattfinden. Am Sonntagabend steht für Kurt Koch ein Referat für ein konservatives Publikum auf dem Programm. Gastgeber ist die Stiftung «Fundatio Christiana Virtus».

Erst im Juni hatte die Stiftung Kritikerinnen und Kritiker des Synodalen Wegs nach Rom eingeladen.

Der Synodale Weg und die «Deutschen Christen»

Mit einem Interview in der «Tagespost» hatte Kurt Koch seinen guten Lauf jäh beendet. Am Donnerstagabend versuchte er, mit einer schriftlichen Erklärung die Wogen zu glätten. Er wehrte sich gegen den Vorwurf, den Synodalen Weg mit der Tradition der «Deutschen Christen» im Dritten Reich verglichen zu haben.

Er habe keineswegs den Reformdialog der katholischen Kirche in Deutschland mit der Nazi-Ideologie verglichen, «und ich werde dies auch nie tun», schrieb Koch in seiner Erklärung.

Bätzing weist Kochs partielle Entschuldigung zurück

Zugleich bekräftigte er seine Kritik am Synodalen Weg: Er habe eine theologische «Mit-Sorge um die Zukunft der Kirche in Deutschland». Ihm gehe es um die Frage, «was unter Offenbarung zu verstehen ist. Diese Frage sehe ich in den Texten des Synodalen Weges nicht in genügender Weise geklärt».

Doch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, gab sich am Freitag mit Kochs Erklärung und partieller Entschuldigung nicht zufrieden. «Die Antwort auf meine öffentlich geäusserte Kritik kann ich nicht als zufriedenstellend akzeptieren», teilte Bätzing mit. Koch habe sich nicht entschuldigt, sondern seine Äusserungen «verschlimmert».

Koch ist auch für den Dialog mit dem Judentum zuständig

Vom Vatikan gab es bislang keine Reaktion. Doch das kann sich ändern, denn mittlerweile sind auch staatliche Stellen aktiv geworden – und von denen lässt sich das Staatssekretariat eher beeindrucken als von innerkirchlichen Diskussionen.

Kurt Koch ist nicht nur Ökumene-Minister, sondern auch für den Dialog mit dem Judentum zuständig. Umso verwunderter zeigten sich zwei Antisemitismus-Beauftragte über die Äusserungen des Schweizer Kardinals.

Kritik vom Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung

Mit Felix Klein hat sich der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung zu Wort gemeldet: «Dass der Vergleich mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte herhalten muss, um zu einem innerkirchlichen Konflikt Stellung zu beziehen, ist irritierend. Die so genannten «Deutschen Christen» dienten sich sehenden Auges dem mörderischen nationalsozialistischen Regime an und unterstützten dessen Antisemitismus», teilte Klein kath.ch mit.

«Der Synodale Weg mag zwar innerkirchlich umstritten sein, doch ist er in seinem Wesen grundverschieden von der durch den Kardinal in seiner Analogie bemühten Verurteilung der «Deutschen Christen». Der Kardinal belässt es nicht bei der Kritik am Zeitgeist, wenn er insinuiert, dass in Deutschland «wieder» etwas geschehe, sagte Klein.

Michael Blume: «Papst Franziskus muss Konsequenzen ziehen»

Alarmiert zeigte sich auch der Antisemitismus-Beauftragte von Baden-Württemberg, Michael Blume: «Die Gleichsetzung des um Reformen ringenden, Synodalen Weges mit NS-Unterstützern zeigt, dass die Verrohung in Denken und Sprache auch Kardinäle erfasst hat. Papst Franziskus muss hier klare Konsequenzen ziehen, damit sein Kampf gegen Antisemitismus weiterhin glaubwürdig erscheint.»

Während in Deutschland der Druck auf Kurt Koch zunimmt, halten sich Schweizer Würdenträger bislang zurück. Der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, Bischof Felix Gmür, wollte sich ebenso wenig äussern wie Bischofsvikar Georges Schwickerath. Dieser beobachtet für die Schweizer Bischofskonferenz den Synodalen Weg in Deutschland. Anders als Kardinal Kurt Koch lobt Georges Schwickerath den Synodalen Weg in den höchsten Tönen.

Kritik aus Zürich, Rückenwind aus Luzern

Kritische Äusserungen aus der Schweiz kamen bislang von der Zürcher Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding, vom Zürcher Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist und vom NS-Experten Mario Pinggera.

Rückenwind erhielt Kurt Koch bislang vom Dekan seiner alten Wirkungsstätte, der Theologischen Hochschule Luzern. Robert Vorholt findet, Koch spreche eine «offene Flanke» an, «die es meines Erachtens sorgsam im Blick zu behalten gilt».

Martin Werlen hofft auf Kurt Kochs alte «theologische Frische»

Mit dieser Einschätzung steht Robert Vorholt bislang aber alleine da: Viele in der Schweiz blicken verwundert auf das Abdriften des einst aufgeschlossenen Theologie-Professors Kurt Koch.

Der frühere Abt von Einsiedeln, Martin Werlen, bringt die Kritik wie folgt auf den Punkt: «Wenn ein grosser Theologe von der Tagespost, dem Ratzinger-Schülerkreis, kath.net und der Weltwoche gelobt wird, dann steht es nicht mehr gut um ihn.»

Werlen hofft, «dass Kardinal Kurt Koch wieder zur theologischen Frische seiner Zeit als Theologieprofessor zurückfindet und nicht mehr – aus welchen Gründen auch immer – die Gunst vergangenen Zeitgeists sucht.» (kath.ch)