Aktuelle Nummer 05 | 2021
28. Februar 2021 bis 13. März 2021

Schwerpunkt

Suchen und Finden – Bewahren und Entwickeln

Vor zehn Jahren, am 16. Januar 2011, wurde Felix Gmür zum Bischof geweiht und steht seither der Diözese Basel vor. Weil damals die Kathedrale in Solothurn wegen eines Brandanschlags geschlossen war, fand die Bischofsweihe in der St. Martinskirche in Olten statt. Zu diesem zehnjährigen Jubiläum hat der Bischof einen programmatischen Hirtenbrief verfasst, der sich auf das Evangelium des ­zweiten Sonntags im Jahreskreis bezieht. Aus dem Gespräch Jesu mit den ersten Jüngern lässt sich einiges für das Christsein in der Gegenwart lernen.  

Liebe Schwestern und Brüder
Wer sucht, der findet. Viele von uns sind richtige Such- und Findeprofis. Suchmaschinen gehören zu den meistbesuchten Seiten im Internet. Von einer einfachen Information bis zu einer Partnerin oder einem Partner: Wir suchen heute online. Einiges lässt sich mit Geschick und ein bisschen Glück finden. Und doch – wir bleiben Suchende. Wer findet, sucht weiter. Finden wir denn keine Ruhe? Schon der Heilige Augustinus war ein umtriebiger Suchender. Er schrieb: «Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Gott.» Die Unruhe entspringt der Suche, ja der Sehnsucht nach Erfüllung, Zufriedenheit, Glück, Lebenssinn. Wir Christinnen und Christen glauben, dass sich der Sinn unseres Lebens letztlich nur in der Begegnung mit Gott erfüllen kann.  

Was sucht ihr?
Wir glauben. Aber was genau? Die beiden Jünger im Evangelium horchen auf, als Johannes der Täufer auf Jesus zeigt und in ihm das Lamm Gottes sieht. Denn mit dem kühnen Bild vom Lamm Gottes aus den Heiligen Schriften verbinden sie die Hoffnung, dass alles Böse besiegt und das Leben gelingen wird. Von ihm erwarten sie Erlösung und Glück. Sie glauben daran. Deshalb interessieren sie sich für Jesus. Sie folgen ihm nach. Jesus will es genauer wissen und fragt: «Was sucht ihr?» Es ist das erste Wort, das Jesus im Johannesevangelium spricht. Das erste Wort von Jesus an die Glaubenden ist keine Unterweisung, keine Aufforderung, kein Gebet. Es ist eine Frage: «Was sucht ihr?» Alles beginnt mit der Suche. Wer sucht, hat eine Sehnsucht. Die Jünger suchen Glück und inneren Frieden. Sie sehnen sich nach einer Verbundenheit, die trägt, sie suchen eine Bleibe. Können sie das von Jesus erwarten? Wer ist er eigentlich? So antworten sie dann auch nicht wirklich auf die Frage, sondern stellen eine Gegenfrage: «Wo wohnst du?» – wörtlich übersetzt: «Wo bleibst du?» 

Kommt und seht
Die Suche offenbart eine Spannung. Auf der einen Seite ist das Interesse, das Nachfolgen, die Bewegung und Dynamik, der Aufbruch ins Neue. Auf der anderen Seite haben die Jünger Sehnsucht nach Ruhe, Sicherheit, Sinn. Sie suchen das, was bleibt und trägt. Diese Spannung ist typisch für uns und unsere Kirche heute. Wir brauchen Neues und spüren, dass die Welt sich ändert und wir uns ändern und sich die Lebensbedingungen verändern und wir deshalb Aufbrüche wagen müssen. Und doch wollen wir auch, dass gleichzeitig alles gleich bleibt: Die Kirche bleibt im Dorf, die Kirche bleibt der ruhende Pol in der ständigen Veränderung, die Kirche bleibt, wie sie vermeintlich immer schon war. Was bleibt? Was soll sich ändern? Jesus gibt den beiden Jüngern einen Tipp: «Kommt und seht!» Die Kirche in unserem Bistum kann daraus für die Seelsorge einiges lernen. 

Einladen 
Jesus lädt ein. Seine Türen stehen offen. Er ist zugänglich. Unsere Pfarreien und kirchlichen Dienste tun gut daran, die Menschen, die uns suchen, einzuladen statt abzuwimmeln, erreichbar zu sein, statt auf spätere Termine zu vertrösten, offene Pfarrhäuser und Kirchen zu haben, statt verschlossene Türen anzubieten. Wir suchen nach dem richtigen Mass, verfügbar und zugänglich zu sein. Das ist in unserer durchgetakteten Welt und mit dem grossen Engagement des Personals mitunter schwierig. An manchen Orten gibt es einen Accueil, einen Empfangsbereich, einen Ort und Zeiten, wo Kirche für alle unkompliziert zugänglich ist. 

Erleben 
Wer Jesus nachfolgt, will Jesus erleben. Anders als die Jünger können wir Jesus nicht unmittelbar Fragen stellen und ihm in seine irdische Bleibe folgen. Und dennoch gibt es Möglichkeiten, ihm wirklich zu begegnen. Die Sakramente sind wunderbare Schätze der Christusbegegnung. Im Sakrament der Eucharistie nehmen wir ihn ganz in uns auf. Damit diese Erfahrung sich weiter schenken kann, tun wir gut daran, komplementär zur Feier der Sakramente Begegnungen zu ermöglichen, bei denen Menschen sich selber einbringen und von ihrem persönlichen Zugang zu Jesus berichten können. Der Austausch wird zum gemeinsamen Erlebnis. In der Kinder- und Jugendarbeit oder auch im Bereich der Senioren werden wir vielerorts durch erstklassige Begegnungsmöglichkeiten beschenkt. Denn schöne Erlebnisse und gute Erfahrungen in der Kirche stärken und vertiefen den Glauben. Und doch suchen wir nach stimmigen Formen, über den Glauben auszutauschen. Wir suchen nach Räumen, in denen junge Eltern, Singles, Menschen in unterschiedlichen Beziehungsformen Gott erfahren und Erlebnisse damit verbinden können. Hier ist die Kirche besonders herausgefordert. Es öffnet sich Raum für Kreativität. 

Versöhnen 
Leider gab und gibt es Einladungen und Erlebnisse, die bei Menschen tiefe Wunden und einen grossen Schmerz hinterlassen haben. Manche leiden ein Leben lang darunter. Einladen, zuhören, Leid anerkennen, um Entschuldigung bitten: Das sind wichtige Schritte auf dem Weg zu einer erhofften Versöhnung, unumgängliche Schritte in der Nachfolge Jesu – für die ersten Jünger, die auf das Lamm Gottes schauen, und erst recht für uns. Im Umgang mit der eigenen Schuld sucht die Kirche weiter. Eine griffige Prävention ist zukunftsgerichtet und zielt darauf ab, jede Art von übergriffigem Verhalten zu verhindern. Das Bewusstsein zu schärfen, ohne selbst übergriffig zu werden oder vorzuverurteilen oder Überdruss zu provozieren, ist eine Suche nach dem richtigen Mass. 

Integrieren 
Die beiden Jünger im Evangelium stammen aus demselben Kulturkreis wie Jesus. Die Kommunikation scheint einfach zu sein. Lebenswelt und Lebensstil decken sich weitgehend. In unserer Kirche heute sind wir am Suchen, weil mehr als ein Drittel der Gläubigen in unserem Bistum Migrantinnen und Migranten sind. Sie haben verschiedene kulturelle Hintergründe, unterschiedliche religiöse Bedürfnisse und Erwartungen, vielleicht andere Vorstellungen vom geglückten Leben. Und doch sind sie in der Kirche nicht Fremde, sondern ebenso Einheimische wie alle anderen katholischen Gläubigen auch. Wie können wir uns gegenseitig einpassen, so dass wir spüren, dass wir zusammengehören und denselben Glauben miteinander teilen? Es ist die stete Suche nach einer gelungenen Integration, ohne dass jemand den eigenen kulturellen Charakter aufgeben muss. 

Persönlich 
Echte Erfahrungen und Begegnungen kann man nicht delegieren. Das geht nur persönlich. Jesus lädt zum persönlichen Kennenlernen ein: «Kommt und seht!» Wir werden uns einmal mehr bewusst, dass Glaube im Kern nicht das richtige Aufsagen von dogmatischen Sätzen oder das Vollbringen guter Werke ist. Glaube ist zunächst immer persönliche Begegnung mit der Person Jesus. Deshalb ist auch die Glaubensweitergabe etwas ganz Persönliches. Petrus kommt durch Andreas zu Jesus. Er erzählt ihm, dass er gesucht und den Messias gefunden habe. Heute sind wir auf der Suche, wie wir den Glauben unter neuen Lebensbedingungen weitertragen. Es lohnt sich, Neues auszuprobieren und im Suchen nicht aufzugeben, gerade auch im Vertrauen, dass Gott den ersten Schritt macht und Jesus als Erster einlädt.  

Gemeinschaftlich 
Wenn wir persönliche Erfahrungen miteinander erleben, werden sie zu geteilten Erfahrungen. Es entsteht Gemeinschaft. Kirche ist immer Gemeinschaft, Christsein geht nicht allein. Es ist eine grosse Herausforderung, das gemeinschaftliche kirchliche Leben zu fördern, weil die vielen individuellen Lebensstile und Bedürfnisse und das Denken, alle seien ein Sonderfall, diesem Ansinnen viele Steine in den Weg legen. Wir suchen in den Pfarreien Formen von Gemeinschaften, die sich nicht abkapseln, sondern sich für neue Menschen öffnen, die sich nicht als exklusive Elite verstehen, sondern ihre Eigenart für alle einbringen, die sich nicht um sich selber drehen, sondern Jesus im Blick haben, der alle einlädt und sich für alle interessiert. Nachdem viele kirchliche Vereine nicht mehr wie früher existieren, ist diese Suche umso drängender und spannender. Das betrifft auch die einzelnen Menschen in der Gemeinschaft. Das heutige Evangelium spricht nur von zwei Jüngern. Aber schon sehr früh gehörten Frauen dazu. Wir suchen nach einer Kirche, in der Frauen und Männer gleichermassen ihren Platz haben. 

Öffentlich
Über das Treffen von Jesus mit den zwei Jüngern berichtet das Evangelium nichts. Das ist gut so, denn der Glaube ist persönlich und hat etwas Intimes und braucht auch einen geschützten Rahmen. Es ist gut, dass unsere Kirche diesen Schutz respektiert und anbietet. Gleichzeitig ist der Glaube aber auch öffentlich, und zwar gerade deswegen, weil er lebensrelevant ist. Das soll und darf die Öffentlichkeit wissen. Deswegen ist die Kirche immer öffentlich, bis hin zu öffentlichen Meinungsäusserungen zu gesellschaftlichen Fragen. Hier ist freilich eine grosse Sensibilität gefordert, denn das Engagement für alle, welche die biblische und kirchliche Tradition Arme nennt, steht nicht zur Disposition. Es ist eine Gratwanderung, weil man sowohl klar sein muss als auch niemanden mutwillig verletzten will und darf. In jeder Zeit ist die Kirche auf der Suche nach der richtigen Balance, auch heute. 

Seit zehn Jahren darf ich mit Ihnen Christ und für Sie Bischof von Basel sein. Gemeinsam suchen wir, wie die Begegnung mit Jesus Christus, dem Messias, in unserem Bistum Formen annehmen kann, die dem Evangelium entsprechen und den Menschen Kraft geben. Gemeinsam suchen wir nach dem Willen Gottes für die Kirche in unserer Zeit. Ein Mass, an dem wir messen können, ob wir den Messias gefunden haben, ist Andreas: Er kann nicht anders und führt Petrus zu Jesus. Missionarische Kirche nennen wir das. Kirche, die einlädt. Suchen wir sie, in der Nachfolge von Jesus, der uns dazu einlädt.  

Ihr
+ Felix Gmür, Bischof von Basel

 

Johannesevangelium Kapitel 1, Verse 35–39 
Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, sagte er zu ihnen: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heisst übersetzt: Meister –, wo wohnst du? Er sagte zu ihnen: Kommt und seht! 

Johannesevangelium Kapitel 1, Verse 40–42  
Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden – das heisst übersetzt: Christus. Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heissen, das bedeutet: Petrus, Fels.

FELIX GUMR

Felix Gmür hat in Philosophie und Theologie promoviert. Er wurde 1999 zum Priester und 2011 zum Bischof geweiht. (Bild: Hanspeter Baertschi / Bistum Basel)