Aktuelle Nummer 02 | 2021
17. Januar 2021 bis 30. Januar 2021

Schwerpunkt

Woher kommt der St. Nikolaus

von Kuno Schmid

Der Advent gehört zu den besonderen Zeiten des Jahres. Weil die Nächte immer länger werden und die Dunkelheit uns zu verschlingen droht, werden überall Kerzen und Lichter angezündet. Schmuck und Glanz, Gebäck und Gebräuche steigern die Erwartung auf das Weihnachtsfest. Mitten drin St. ­Nikolaus – doch den können viele Kinder in diesem Jahr nur auf Distanz sehen. Wegen der ­Corona-Massnahmen darf er nicht zu nahe kommen. Aber wer bringt dann die Geschenke? 

Geschenke und Leckereien passten ursprünglich nicht recht in die Adventszeit. Der kirchliche Advent diente der Besinnung und der inneren Vorbereitung auf Weihnachten und war früher wie die Zeit vor Ostern eine vierzigtägige Fastenzeit. Sie begann nach Martini. Der Martinstag am 11. November war deshalb der letzte Festtag des Kirchenjahres. Die Ernte war abgeschlossen, die Waren auf den letzten (­Martins-)Märkten verkauft, das Schwein geschlachtet (Metzgete), der Zins und die Abgaben beglichen sowie Knechte und Mägde ausbezahlt. Das wurde gefeiert. Auch die Kinder hatten ihren Spass und bekamen ihre Bescherung. Manche sprachen von der Martinifasnacht vor dem Adventsfasten.  

Martin und Nikolaus – Heilige einer neuen Zeit
Seit dem frühen Mittelalter war Martin, der spätere Bischof von Tours (316–397), einer der beliebtesten Heiligen der westlichen Kirche. Das Sinnbild der Teilung seines Mantels mit einem Bettler wurde zum Modell für das Christsein. Vorher, in der Zeit der Christenverfolgung, wurden jene Frauen und Männer bewundert und verehrt, die als Märtyrer in den Tod gingen. Seit dem Jahre 313 war das Christentum jedoch geduldet und wurde später zur römischen Staatsreligion. Jetzt wurde das Christsein an der tätigen Nächstenliebe gemessen, wie es Martin vorgelebt hatte. 

Dasselbe lässt sich von Nikolaus, dem Bischof von Myra (heute Demre, Türkei) erzählen. Er verkörpert diesen neuen Heiligentypus in der Ostkirche. Legenden erzählen, wie er Kirchenschmuck gegen Getreide eintauschte, um die Hungersnot zu lindern; oder wie er die Töchter beschenkte, damit der Vater sie nicht verdingen musste und damit sie heiraten konnten. Er ist im Jahre 270 geboren worden und könnte jetzt seinen 1750. Geburtstag feiern. 

Nikolaus kommt aus dem Süden
Nikolaus verstarb im Jahr 324 und wurde in Myra begraben. 1087 raubten italienische Kaufleute die Gebeine des Heiligen und überführten sie in die süditalienische Hafenstadt Bari. Dieser Raubzug verschärfte die Konflikte zwischen der lateinischen Westkirche und der griechisch-slawischen Ostkirche. Von Bari aus verbreitete sich die Verehrung des Heiligen Nikolaus in ganz Italien. Auf den Viehmärkten Norditaliens lernten die Bauern der alten Eidgenossenschaft die Legenden vom Heiligen Nikolaus kennen. Sie brachten diese zusammen mit Öl und Getreide, aber auch mit Datteln, Mandarinen und anderen Früchten des Südens nach Hause. Der Gedenktag des Heiligen Nikolaus am 6. Dezember gewann zunehmend an Beliebtheit. Dieser Nikolaus aus dem Süden war ein heiliger Bischof und brachte die besonderen Früchte des Südens als Geschenke. Die Kinder wurden nun nicht mehr am Martinstag, sondern am Nikolaustag beschenkt.  

Nikolaus kommt aus dem Norden
In Skandinavien, Norddeutschland und Russland erzählte man sich schon immer Mythen und Geschichten von einem strengen Herrn des Winters, der Elemente vorchristlicher Gottheiten auf sich vereinigte. Als bärtiger Mann war er in einen warmen, roten Kapuzenrock gehüllt und wohnte im hohen Norden. Rentiere zogen seinen Schlitten. Die Rute war sein Symbol der Fruchtbarkeit. Sie diente nicht der Züchtigung, sondern vermittelte die Hoffnung auf einen neuen Frühling. Ähnlich wie die Barbarazweige konnten sie eingestellt und zum Austreiben gebracht werden. Als die Reformation die Heiligenverehrung abschaffte und die Kinderbescherung auf das Weihnachtfest verlegte, wurde manches Nikolausbrauchtum auf diese Figur übertragen und es entstand der «Weihnachtsmann». Als säkularisierter Nikolaus wurde der Mann aus dem Norden zu einer beliebten Werbefigur des modernen Weihnachtsgeschäfts. 

Nikolaus kommt aus dem Wald
In der Zeit vor den Tiefkühlanlagen und Lebensmittelketten war das Überleben im Winter eine harte Sache. Reichten die haltbar gemachten Nahrungsmittel aus bis zum Frühling? Auch sonst bedrohten viele Gefahren der Natur das Leben und die Gesundheit der Menschen, gerade bei Nässe, Kälte und Dunkelheit. Um mit diesen Sorgen und Ängsten umgehen zu können, war das gemeinsame Brauchtum hilfreich. Mit Schellen, Glocken und Treicheln, mit Geiselklöpfen und Räbenlichtern konnten diese dunklen Wintergeister symbolisch von den Siedlungen ferngehalten und hinaus in die Wälder getrieben werden. Wenn der Nikolaus nun mit dem Schmutzli aus dem Wald kommt, ist das ein starkes Zeichen dafür, dass er diese dunklen Kräfte gebändigt und christianisiert hat. Mit dem Nikolaus soll das Brauchtum in das christliche Glaubensverständnis integriert und die gegenseitige solidarische Hilfe gestärkt werden. Der Nikolaus aus dem Wald verteilt seine Güte und seine guten Gaben den Kindern. Er möchte, dass sie auch untereinander und mit Menschen in Not teilen. 

Nikolaus kommt als Prophet 
Damit wird der Nikolaus auch zu einem Vorboten von Weihnachten. Es übernimmt die Rolle des biblischen Johannes des Täufers, des Rufers aus der Wüste, der mit den Propheten auffordert, dem Herrn die Wege zu bereiten, umzukehren zu einem Leben nach dem Evangelium. Dieser Weckruf wurde im vergangenen Jahrhundert pädagogisiert und an die Kinder delegiert. Ihnen soll der Nikolaus sagen, wie ein braves, gutbürgerliches Leben aussehen soll. Aus seinem goldenen Buch soll er ihnen ihre Fehler vorhalten und so die Eltern in ihrem erzieherischen Bemühen unterstützen. Die Geschenke für Weihnachten werden zwar in Aussicht gestellt, aber an moralische Bedingungen geknüpft. Das galt allerdings nur für die Kinder. Die moralische Forderung an die Erwachsenen für eine Umkehr zu einem Leben und Handeln in Gerechtigkeit und Nächstenliebe wird vom Nikolaus nicht erwartet. 

Nikolaus kommt durch den Kamin
Nicht alle Kinder bekommen ihre Geschenke zu Weihnachten. Einige müssen sich noch gedulden bis Neujahr oder bis zum 6. Januar. Am 6. Januar wird das zweite Weihnachtsfest gefeiert, «Epiphanie», Erscheinung des Herrn. Es wird heute meist als Dreikönigstag begangen. Die Magier aus dem Osten bringen dem Kind in der Krippe ihre Geschenke, Weihrauch, Myrrhe und Gold. So sollen sich auch die Menschen beschenken, besonders die Kinder. In Süd­europa wurde in manchen Gegenden aus dem Festnamen Epiphanie der Name der guten Hexe Befana. Sie verteilt ihre Geschenke durch die Schornsteine und die Kinder müssen dazu einen Stiefel zum Kamin hängen. In Übersee ist dieses Brauchtum auf den Nikolaus übertragen worden, der nun die Weihnachtsstiefel füllt.  

Nikolaus kommt auch in Coronazeiten
Der Nikolaus und seine Bräuche sind interkulturell und kommen aus verschiedenen Richtungen und Traditionen. Sie wurden und werden immer wieder neu kombiniert und lokal unterschiedlich gestaltet. So bleibt das Brauchtum lebendig, und so wird die Kernbotschaft immer wieder neu an die nächste Generation weitergegeben. Gerade unter den diesjährigen Coronabedingungen werden wieder neue Formen gesucht und variiert werden. Auch über den Sinn des Schenkens lässt sich neu nachdenken. Als Ausdruck der Güte Gottes, als Form von Sympathie, Anerkennung und Zuwendung, als Stärkung des Zusammenhalts untereinander und als Zeichen von Freundschaft oder Dankbarkeit können Geschenke zu unterschiedlichen Zeiten bedeutsam sein und Freude bereiten.