Aktuelle Nummer 19 | 2021
12. September 2021 bis 25. September 2021

Schwerpunkt

Zerbrochene Krippenidylle

Der Text entstand nach einem Gespräch mit Heinz Bader, Seelsorger in Balsthal und ­Mitglied der Redaktionskommission des ­Kirchenblattes.

von Kuno Schmid

Vor einigen Jahren ist es in Balsthal passiert. Im Hinblick auf den Dreikönigstag mussten die Krippenfiguren umgestellt werden, damit die Könige dazu gestellt werden konnten. Eine kleine Unachtsamkeit liess ein Brett kippen, die Krippenfiguren fielen hinunter und zersprangen in unzählige Scherben. Doch der Scherbenhaufen wurde zum Anlass, neu über die Bedeutung der Krippe und über das Weihnachtsfest nachzudenken, und er wurde zu einem Sinnbild für das eigene Leben.  

Die Krippenfiguren von 1914
Vor rund zwanzig Jahren begannen in Balsthal die Diskussionen über die Krippe, die jährlich in der Kirche aufgestellt wurde. Einige fanden die bemalten Gipsfiguren aus dem Jahre 1914 nicht mehr zeitgemäss. Andere machten aber geltend, dass ihnen diese Figuren viel bedeuten würden. Emotionen und Kindheitserinnerungen seien mit diesen Krippenfiguren verbunden. Auch Fachleute der Denkmalpflege empfahlen, die Krippe zu erhalten. Sie stammte aus der Zeit, in der die Pfarrkirche in Balsthal gebaut wurde und passte zu diesem Gebäude. Die Marienkirche in Balsthal wurde 1912–1914 vom Architekten August Hardegger aus St. Gallen im Stil des «Historismus» gebaut. Dieser Baustil orientierte sich an den grossen romanischen Kirchen und gotischen Kathedralen des Mittelalters. Mit neugotischen und neuromanischen Elementen wollten die Architekten an den historischen Vorbildern anknüpfen und die gute alte Zeit wieder auferstehen und neu erstrahlen lassen. Diese Sehnsucht nach der verlorenen guten alten Zeit zeigte sich auch in den Krippenfiguren. Sie gaben einer lieblichen, demütigen Volksfrömmigkeit Ausdruck und konzentrierten sich auf die schlichte Familienidylle im Stall. Durch die serienhafte Produktion wurden die einheitlichen Gipsfiguren so preisgünstig, dass sich auch Landpfarreien und manche Familien eine solche Krippe leisten konnten. Mit den Krippen wurde ein christlicher Gegentrend zu den aufkommenden bürgerlichen Weihnachtsbäumen geschaffen. Auch wenn an ihrem künstlerischen Wert oft auch gezweifelt wird, sind die Krippenfiguren von 1914 doch typische Zeugen des Zeitgeistes des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Deshalb wollte die Kantonale Denkmalpflege das Balsthaler Krippenensemble erhalten und stellte eine finanzielle Unterstützung für die Renovation in Aussicht. Die Pfarrei Balsthal machten sich diese Einschätzung zu eigen und plante die Restaurierung und Neuerrichtung der Krippe an einer neuen, gut sichtbaren Stelle vorne links in der Kirche.   

Die Scherben von 2002
2002 wurde die Krippe zum letzten Mal vor der geplanten Restaurierung am alten Ort aufgebaut. Die Mitglieder des Seelsorgeteams halfen dem Sakristan beim Aufstellen des Stalls sowie bei der Platzierung der Figuren. Durch die Diskussionen der letzten Monate hatten viele wieder eine Beziehung zu diesen altgedienten Figuren erhalten. Der Stall war wacklig und allen war klar, dass die Erneuerung dringend notwendig war. Heinz Bader erzählt: «Nach den Weihnachtsfesttagen wollten wir die Hirten im Stall etwas wegrücken und für die Könige Platz schaffen, die sich nun der Krippe nähern sollten. Plötzlich, aller Sorgfalt zum Trotz, passierte es! Der Krippenboden stürzte in sich zusammen und die Krippenfiguren zerbrachen in hunderte von Einzelteilen. Nach dem Knall die Stille – und vor uns Stroh, Holzsplitter und unzählige Scherben.» War das die Entscheidung, die alten Krippenfiguren endlich zu entsorgen? Doch Heinz Bader machte eine Entdeckung: «Schaut, das Jesuskind blieb unversehrt!» Er sammelte die Scherben mühsam zusammen und sortierte diese aufgrund der Farbspuren, hier die Schafe, dort die Hirten, Maria hat es besonders stark getroffen. Für den Rest der Weihnachtszeit blieb in der Kirche nur der leere Platz mit einer Kerze und dem Weihnachtsstern. 

Eine Krippe für heute
Die Diskussion um die Zukunft der nun zerbrochenen Krippe ging erneut los. Die Restauratoren prüften, ob sich die Figuren wiederherstellen liessen. Es war möglich. Exemplarisch zeigten sie an Maria, wie sie als zusammengekittete Figur aussehen wird. Die Kosten für die Restaurierung würden sich auf gegen 50 000 Franken erhöhen. Aber das Nachdenken betraf nicht nur die Ebene der Scherben und Franken. Das zerbrochene Ensemble von Maria, Josef, den Hirten, den Schafen und Engeln ergab ein neues Bild von Weihnachten. 

Bis heute gibt es Leute, die davon sprechen, dass sie sich selbst in diesen zerbrochenen und wiederhergestellten Figuren erkennen können. Manches in ihrem eigenen Leben sei in die Brüche gegangen, Ziele verfehlt, Pläne verworfen, Freundschaften enttäuscht, Rücksichtnahme und Sorgfalt miss- achtet. Gerade die Unsicherheiten und Einschränkungen des von Corona geprägten Jahres haben manche Vorhaben zunichte gemacht. Vieles passt irgendwie nicht mehr zusammen. Kittfugen und Narben bleiben – und Weihnachten? Die zerbrochenen und wieder gekitteten Weihnachtsfiguren tragen alle diese gebrochenen Lebenserfahrungen zusammen und bringen sie an die Krippe. Dort ist Platz für alle und für alles Unvollendete und Grenzwertige. Denn die Geschichte von Bethlehem ist nicht eine Hochglanz-Reportage des Perfekten und Erfolgreichen. Vielmehr zeigt sich Gott in der Verletzlichkeit eines Kindes, in den prekären Verhältnissen eines Stalls. 

Mit den Gebrochenen und Randständigen
Die Hirten waren die ersten, die das begriffen. Obschon sie nicht nach den religiösen Gesetzen lebten und ausgegrenzt waren, wurde ihnen die Menschwerdung Gottes offenbar. Den Gebrochenen und Randständigen galt die Nähe Gottes zuerst. Deshalb wollte der Heilige Franz von Assisi 1223 Weihnachten nicht in der erstrahlten Kirche feiern, sondern zog mit den einfachen Leuten und ihren Haustieren in den Wald von Greccio. Dort inszenierte er die Weihnachtsgeschichte mit ihnen, das erste überlieferte Krippenspiel. Sie sollten erfahren, dass Gott zu ihnen kommt, trotz ihres Versagens, ihrer gebrochenen Lebensgeschichte, ihrer Perspektivenlosigkeit. 

Das Nachdenken über die gebrochenen Gestalten der Weihnachtsgeschichte deckt viele Parallelen zur gegenwärtigen Lebenswelt auf. Die zerbrochenen und restaurierten Krippenfiguren werden zum Sinnbild für die Suche der Menschen nach Wiederherstellung des eigenen Lebens, nach «Heil werden» und Frieden. Gerade in die lieblichen Figuren von damals lässt sich diese Sehnsucht nach Harmonie und Glück hinein projizieren. Sie sind ein fast kitschiges Gegenprogramm zur nüchternen und abstrakten Digitalisierung und stehen für das, was viele heute von Weihnachten erwarten: Einen Moment der Unterbrechung, ein Stück heile Welt und ein Ort, um über den Sinn nachzudenken. Aber diese heile Welt ist eben immer auch eine zerbrechliche, eine gefährdete, eine geflickte, wie die Krippenfiguren von Balsthal. 

Das Jesuskind ist unversehrt geblieben. Heinz Bader sagt: «Das war für mich die Motivation und es hat uns irgendwie den Weg gewiesen.» Die Restauratoren erhielten den Auftrag, die alten Krippenfiguren wiederherzustellen. Das Geld wurde aufgebracht. Heute verzaubert die Krippenidylle die Betrachterinnen und Betrachter wieder. Und weil viele wissen, dass die Figuren so zerbrechlich sind, wird man von der Krippendarstellung vielleicht noch mehr berührt als zuvor. So könnte man auf eine neue Art sagen: Scherben bringen Glück.