Aktuelle Nummer 24 | 2020
22. November 2020 bis 05. Dezember 2020

Schwerpunkt

Sport und Religion als Verbündete

von Stephan Kaisser

Sportler können gläubig sein und wer gläubig ist, kann sich zugleich für den Sport begeistern. ­Vertreter von Religion und Sport sind nicht zunächst Gegner, die sich gegenseitig Anhänger ­abwerben, sondern Verbündete für eine gesunde ganzheitliche Lebensgestaltung. 

Schon Paulus sieht und zieht Parallelen zwischen Sport und Glaube. «Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt! Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen.» 1 Kor 9,24f

(Glaubens-)Training
Glaube lässt sich tatsächlich mit einem Langstreckenlauf vergleichen. Beides braucht viel Training. Auch Glauben muss aufgebaut und gelernt werden, es braucht Erfahrungen des Vertrauens, des Geliebtseins, des Gebets, der Hoffnung, des Trostes. «Einfach so» die christliche Lehre von heute auf morgen zu übernehmen, ist kaum möglich. Man muss in kleinen Dingen glauben lernen. Zunächst als Kind die Fürsorge erleben, um an den fürsorglichen Gott glauben zu können. Das Urvertrauen ist die Grundlage des Glaubens. Der Glaube ist wie ein Training. Ich kann nicht sofort die ganze Distanz laufen, kann nicht alle Antworten finden. Glaube entwickelt sich, es kann auch Rückschläge, Verletzungen geben, dann heisst es zu kämpfen, nicht aufzugeben, Geduld zu haben und sein «Comeback» zu geben. Der abschliessende Höhepunkt kommt erst noch, aber bis dahin kann es schon viele «Highlights» geben, die mich Gottes wohltuende Nähe spüren lassen: Sakramente, Begegnungen, Naturerlebnisse … Auch beim Sport erlebt man das ganz Grosse erst beim Wettkampf, beim entscheidenden Lauf oder Spiel. Zuvor muss eine Grundlage, die Grundkondition aufgebaut werden, es bedarf des Trainings, das manchmal mühsam, aber auch lustvoll sein kann. Ebenso ist es mit dem Glauben, der ohne meine Anstrengung nicht funktioniert, ich muss mich selber darauf einlassen. Das geht nicht von selbst, es ist manchmal schön und manchmal ein Geduldsspiel. Es ist wie bei einem Sportler, der gerne trainiert trotz der Belastung, sich stärkt und für den Wettkampf oder den grossen Auftritt übt.

Gemeinschaft macht (glaubens-) stark 
Sporttreiben und glauben kann man in den seltensten Fällen allein. Was im Sport die Trainerin oder der Trainer ist, kann im Glauben der Seelsorger, die Seelsorgerin sein. Diese können gute Anweisungen und Übungen, gute Gewohnheiten vorschlagen. Laufen, glauben muss aber der Einzelne selber! Doch auch das geht in der Gemeinschaft besser, wie im Sport ist das Team sehr wichtig – schon im Einzelsport und besonders im Mannschaftssport. Sport verbindet Menschen jeglicher Herkunft und Lebensverhältnisse. Es geht wie im gelebten Glauben um die Vertiefung von Werten wie Gemeinschaft, Teamfähigkeit und Vertrauen. Das Team im Fussball ist mehr als 11 Einzelspieler. Beten und Glauben in Gemeinschaft fällt leichter als alleine.

Allianz zwischen Sport und Glaube
Bei so viel Gemeinsamkeiten kann ich mich nur den Worten des österreichischen Erzbischofs Franz Lackner anschliessen: Ich vertraue auf die belebende Allianz zwischen Sport und Glaube. Beide Bereiche können einander helfen, Einseitigkeiten und Verengungen auszugleichen. Tugenden, die in einem Bereich eingeübt werden, können auch im anderen hilfreich sein. Der Sport fördert die Bewusstwerdung des eigenen Körpers, der Grenzen, an die man kommt. Daneben gibt es aber auch eine Tendenz, dem Äusserlichen zu viel Bedeutung zuzumessen. Oft führt dies zu einem Kult um Körper und Aussehen. Hier kann die Religion ein Korrektiv sein und bewusst machen, auch im Sport braucht es Persönlichkeit, braucht es Moral, das richtige Mass. Sport ist mehr als reiner Körperkult. Andererseits steht der (christliche) Glaube oft im Verdacht der Leibfeindlichkeit. Aber das biblisch begründete jüdisch-christliche Menschenbild spricht von einer Personenwürde, die das Ganze der Existenz betrifft. Der biblische Shalom kann nicht allein in geistiger und geistlicher Hinsicht gelingen, sondern nur im Einklang der verschiedenen Dimensionen menschlicher Existenz. Deswegen wird auch von leiblicher Auferstehung gesprochen, der ganze Mensch mit Leib und Seele wird erlöst. Der Sport kann helfen, sich im eigenen Körper wohlzufühlen und so Zufriedenheit und Glück zu erfahren. Und der Glaube kann dem Sportler helfen, sich selber zu fordern ohne zu überfordern, neben der eigenen Leistung auch anderen Kräften zu vertrauen, die aus guten Beziehungen zu Gott, zum Mitmensch und mir selber wachsen. 

«Nach meiner Operation habe ich oft gebeten, dass ich noch besser zurück­komme. Ich bete auch dafür, Fussballprofi zu werden. Jeder holt seine Kraft nicht nur aus sich, sondern von irgendwo.»

Auf die Frage, was ihn stark mache, antwortet der 22-jährige Thilo Kehrer (Fussballprofi) gegenüber der Zeitung Welt am Sonntag: «Es gibt einige Punkte. Zum einen ist es mein Glaube, der mich stark macht. Dann ist da eine Motivation, die ich verspüre, die kommt von innen heraus. Und dann ist da noch meine Liebe zum Fussball.»

«Ich habe mich noch nie mit dem Thema Religion in meinem Sport befasst. Weder für mich noch meinen Verein war das jemals ein Thema. Aber ich weiss, dass es viele Sportler gibt, die z. B. vor den Rennen oder einem Wettkampf beten und ihnen das Kraft und Vertrauen gibt. Mir hilft der Glaube im Sport, jedoch nicht im religiösen Sinne. Man muss an sich und seine Fähigkeiten glauben.»

Der Trainer Jürgen Klopp in einem Interview zum Reformationsjubiläum: «Der Glaube ist für mich unendlich wichtig. Ich lebe es meinem Empfinden nach nicht immer genug, habe aber das Gefühl, dass das verstanden wird. Ich bin nicht erleuchtet worden, aber ich habe erkannt, dass ich mit Gott jemanden habe, auf den ich mich verlassen kann.»

«Für mich ist der Glaube im Sport auch wichtig. Er ist nicht zentral, aber es gibt einem Kraft. Etwas woran man glauben kann, wenn man die Hoffnung in sich selbst verloren hat. Wenn man daran denkt, dass Gott einem das Beste geben wird, ist es einfacher, mit einer ­Situation umzugehen.»

Auf die Frage, wie er mit seinen ­Selbstzweifeln während der Krankheitszeit umgegangen sei, antwortete ­Daniel Divadi (24, Fussballprofi): «Gott hat mir Kraft gegeben und ­geholfen, den Glauben an meine Rückkehr nicht aufzugeben.» … Er bete aber nicht für Siege oder den Klassenerhalt, ­berichtet Didavi: «Gott spielt nicht für einen Fussball, kämpfen muss man ­selber.»

Der Theologe Stephan Kaisser ist Religionslehrer an der Kantonsschule Solothurn und Mitglied der «Kirchenblatt»-Redaktionskommission.
Die Zitate stammen von Schülerinnen und Schülern der Sportklasse der Kantonsschule Solothurn und von der Website www.pro-medienmagazin.de.