Aktuelle Nummer 17 | 2020
16. August 2020 bis 29. August 2020

Schwerpunkt

Frauen machen Kirche erlebbar

von Monika Poltera-von Arb

Frauen machen sich stark für Frauen. Vieles hat sich in den vergangenen Jahren verändert, auch die Arbeit der Frauenvereine. Doch eines bleibt: Dass Frauen einander den Rücken stärken und sich ­vernetzen, ist wichtig wie eh und je. Vor 100 Jahren, am 28. Juni 1920, trafen sich im ­Solothurner Zunfthaus zu Wirthen initiative Frauen und gründeten den Katholischen Frauenbund ­Solothurn (KFS). Als kantonaler Dachverband ist er Bindeglied zwischen den Ortsvereinen und dem ­Schweizerischen Katholischen Frauenbund. 

Der Wunsch nach Abwechslung im Alltag, Vernetzung und Weiterbildung war der Nährboden, auf dem in jener Zeit viele Ortsvereine, sogenannte Frauen- und ­Müttergemeinschaften, gegründet wurden. Auch der neugegründete Kantonalverband KFS wuchs innert kurzer Zeit. Nach 10 Jahren zählte der Verband bereits 4800 Mitglieder in 29 Sektionen. Heute sind rund 40 Ortsvereine, Gruppierungen und Einzelmitglieder dem kantonalen Dachverband angeschlossen, insgesamt sind es über 3500 Mitglieder. 

Meilensteine gab es in den vergangenen 100 Jahren etliche, z. B. im Jahr 1925 die Gründung der «Katholischen Mütterfürsorge», dem heutigen Fonds für Frauen. Der KFS hat zum Ziel, das Engagement von Frauen in Kirche und Gesellschaft zu fördern und Anliegen von Frauen zu unterstützen. Um Begegnung, Vernetzung und Bildung zu ermöglichen, sind Weiterbildungskurse, Besinnungstage oder Präsidentinnentreffen ein fester Bestandteil des Jahresprogramms.

Einiges, was früher beliebt war und auf grosses Interesse stiess, wie z. B. Seniorenferien oder Kinderpflegekurse, wird nicht mehr angeboten. Die Stellung der Frau in Gesellschaft und Kirche, ihre Interessen und Möglichkeiten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Aufgaben haben sich anders verteilt: Waren es lange Zeit die Kirchen und Pfarreien, die sich sozial und karitativ engagierten, werden gewisse Aufgaben nun auch auf der Ebene von Gemeinde und Staat wahrgenommen.  Solche Veränderungen spüren die Ortsvereine wie auch der Kantonal­verband.

Monika Poltera-von Arb ist Pfarreiseel­sorgerin von Niederbuchsiten und Mitglied der Redaktionskommission des Solothurner Kirchenblatts.

Zwei Frauen, die sich im KFS engagieren, erzählen im Interview von ihren Erfahrungen: Yvonne Gasser De Silvestri arbeitet seit 43 Jahren beim KFS mit, zuerst als Sekretärin, dann als ­Geschäftsführerin. Elisabeth Loser-­Büttiker steht seit 2016 als Präsidentin an der Spitze des Vorstands.  

Was bietet der KFS?
EL: Viele Frauen, die an einem unserer Kurse waren, merken dann, wie viel sie profitieren, nicht nur für die Arbeit im Verein, sondern auch beruflich oder privat. Weiterbildungskurse, das Präsidentinnentreffen oder «Ein Abend für uns» sind feste Bestandteile unseres Jahresprogramms. Die gute Stimmung und die Möglichkeit, sich auszutauschen, tun gut und sind wichtig.
YG: Höhepunkt in diesem Jahr wäre natürlich die Jubiläumsfeier Ende Juni in Mariastein gewesen. Die müssen wir verschieben: Wir holen sie nächstes Jahr nach und feiern dann 101 Jahre!

Seit der Gründung des KFS vor 100 Jahren hat sich die Stellung der Frau in Gesellschaft und Kirche geändert. Braucht es den KFS heute noch?
EL: Das ist eine berechtigte Frage! Ich würde sagen, den KFS braucht es, solange es Ortsvereine gibt. Möglich, dass es uns irgendwann einmal nicht mehr gibt. Viele Ortsvereine haben zu kämpfen, andere hingegen florieren. 
YG: Das Programm ist weniger voll als früher. Aber der KFS wird als Anlaufstelle nach wie vor genutzt. Nachfragen um einen Rat per Telefon oder E-Mail und das Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit sind da.

Was motiviert euch, im KFS mitzuarbeiten?
EL: Der Frauenbund war mir immer wichtig. Es ist ein Ort, wo Kirche gelebt wird, wo man Gemeinschaft spürt und weiss, man ist auf dem gleichen Weg. Die Frauen wurden in den Pfarreien lange Zeit als diejenigen gesehen, die Kaffee kochen und Kuchen backen. Sie wurden wahrgenommen als dienende Personen und als Lückenbüsserinnen. Das kann nicht sein! Wir möchten auch Kirche erlebbar machen und das Verständnis von Kirche weiten. Vereine und Gruppen wie z. B. Frauengemeinschaften tragen das Christentum nach aus
sen durch ihr Feiern, aber auch ihr Zusammensein und ihr soziales Engagement.
YG: Die Arbeit mit den Frauen in der Kirche macht mir Spass. Ich hoffe, dass ich dazu etwas beitragen kann. Wenn wir immer präsent sind, können wir uns doch bemerkbar machen.

Was bedeutet das «katholisch» im Namen?
YG: Wir sind klar ein christlicher Verband. Das wird durch den Namen sichtbar. Obwohl natürlich auch immer wieder Diskussionen darüber stattfinden. Würde das «katholisch» weggelassen, würde etwas Wichtiges fehlen. Wir erfahren auch grosse Unterstützung von der katholischen Kirche, beispielsweise durch die Kantonale Synode.
EL: Es ist eine Gratwanderung: Wir vertreten christliche Grundwerte und wollen sie nach aussen tragen. Das ist eine Chance. Es ist aber auch immer die Frage, wie viel «Kirche» Platz hat, ohne dass wir jemanden vor den Kopf stossen oder ausschliessen. Katholisch heisst im wörtlichen Sinn «allumfassend»; alle sind eingeladen. Dazu kann ich gut stehen.

Welches sind die Schwierigkeiten bzw. Herausforderungen in eurer Arbeit?
EL: Unsere Aufgaben ist ein Stück weit undankbar: Wir sind nicht konkret vor Ort in einem Verein, sondern ein Bindeglied. Wir müssen die Frauengruppen vernetzen, sie ins gemeinsame Boot holen. Das ist unsere grösste Herausforderung.
YG: Jeder Verein hat die Tendenz, das eigene Gärtchen zu pflegen und eine eigene Suppe zu kochen. Uns geht es aber darum, auch eine Einheit zu schaffen und zusammenzuspannen. Es ist eine Zwickmühle, in der wir stecken: Ein Verein muss vor Ort verankert und abgestützt sein, muss Heimat bieten, damit er funktioniert. Andererseits ist es wichtig, auch den Zusammenhalt darüber hinaus zu fördern und Ideen auszutauschen. Darum bieten wir eine Plattform und laden immer wieder an unsere Veranstaltungen und Kurse ein.

Gibt es ein besonderes Erlebnis, an das ihr euch gerne erinnert?
EL: Ich erinnere mich an den Anlass «Das Feuer weitergeben». Frauen versammelten sich um eine Feuerschale. Jede legte ein Holzscheit ins Feuer und sagte dabei, was ihr der Frauenverein bedeutet. Eine junge, neu zugezogene Frau sagte, sie habe im Verein eine Heimat gefunden. Das hat mich beeindruckt und mir gezeigt, wie wertvoll solche Gemeinschaften vor Ort sind.
YG: Ein besonderes Erlebnis war für mich, als der KFS einen Verkauf von Tannenbaum-Schokokugeln lancierte, um den Solidaritätsfonds für Mutter und Kind zu unterstützen. Ich fuhr mit meinem Auto quer durch den ganzen Kanton, damit die einzelnen Ortsvereine mithelfen konnten, die Schokolade zu verkaufen. Das vergesse ich nie, wie mein Auto von hinten bis vorn voll bepackt mit Schokokugeln war. Die Aktion war erfolgreich. Wir konnten über 16 000 Franken überweisen, ein eindrückliches Beispiel für das karitative Engagement der Frauen.

Was wünscht ihr dem KFS für die Zukunft?
YG: Dass Frauen in der Kirche mehr wahrgenommen werden.
EL: Dass das Anliegen vom Frauenkirchenstreik 2019 «Gleichberechtigung. Punkt. Amen» weitergeht. Dass es uns vom KFS weiterhin als Bindeglied braucht, weil die Frauengemeinschaften vor Ort weiterleben – auf welche Art auch immer. Dass wir weiterhin einstehen für Gleichberechtigung in Kirche, Gesellschaft und Politik, denn wir sind noch lange nicht dort, wo wir sein sollten!