Aktuelle Nummer 19 | 2020
13. September 2020 bis 26. September 2020

Editorial

Gehen

Zwar sind wir heutigen Menschen mobil wie noch nie, aber wir verlernen, mit unseren Füssen vorwärtszu­gehen. Es ist eine positive Folge der Corona-Krise mit ihrer eingeschränkten Mobilität, dass wir uns vermehrt Gedanken darüber machen, ob so viel technische Mobilität wie vorher überhaupt nötig ist und wir nicht zu selten vom einfachsten Bewegungsmittel, dem Gehen zu Fuss, Gebrauch machen.

Wer geht und wandert, spürt instinktiv, dass das guttut – mit positiven Folgen für Herz, Kreislauf, Immunsystem und Atemwege, aber auch für die Psyche. Spannungen, Stress und Niedergeschlagenheit können im Gehen abgebaut werden, und es scheinen plötzlich Lösungen auf, die am Schreibtisch fehlen. Das Gehen fördert das Denken und reisst neue Horizonte auf. Die körperliche Betätigung zeigt uns auch Grenzen auf, was für uns heutige Menschen nur hilfreich ist.

Der vielleicht auf den ersten Blick triviale Gebrauch der Füsse hat auch eine religiöse Dimension. Christinnen und Christen sind Menschen auf dem Weg, unterwegs, also gehend, zum Aufbruch eingeladen, sei dies freiwillig oder manchmal auch gezwungenermassen – angetrieben vom Heiligen Geist. Es ist kein Zufall, dass wichtige Gestalten der Kirchengeschichte wie etwa der dickleibige Thomas von Aquin oder der erste Gefährte des heiligen Ignatius, der Jesuit Peter Faber, Tausende von Kilometern zu Fuss zurückgelegt haben. All die heutigen Pilgerinnen und Pilger, die sich aus der gewohnten und oftmals bequemen Lebenswelt herauslocken lassen, spüren instinktiv, dass das guttut.

Besonders eindrückliche Bilder liefert das Alte Testament, wo Gott sein Volk immer wieder zum Aufbruch mahnt, auf neue Wege setzt und von falschen Wegen abrät.

Im Neuen Testament schliesslich ist Jesus Christus selbst der neue Weg, der unterwegs geboren wird und während seines Wanderlebens die Leute sammelt und mitnimmt. Nach seiner Auferstehung lautet die Aufforderung an seine Jüngerinnen und Jünger einfach: «Geht hinaus in die ganze Welt» (Mt 28,19). Wir dürfen diesen Weg Jesu als «Anhänger des Weges» (Apg 9,2) fortführen. Das regelmässige Gehen zu Fuss hilft uns dabei. Ich wünsche Ihnen guten Aufbruch!

Urban Fink-Wagner