Aktuelle Nummer 2 | 2020
25. Oktober 2020 bis 07. November 2020

Schwerpunkt

Glaubensbild Maria

von Kuno Schmid

Als im 16. Jahrhundert die Wallfahrt zu «Unserer Lieben Frau von Wolfwil» einsetzte, wurde das ­Dorfkirchlein bald zu klein. Die Obrigkeit in Solothurn liess in den Jahren 1616–1620 eine neue Kirche ­erbauen, die Wolfwiler Gemeinde und einige Patrizierfamilien unterstützten das Projekt. Vor 400 ­Jahren erhielt Wolfwil eine eigene Pfarr- und Wallfahrtskirche und wurde von Kestenholz kirchlich unabhängig. Wegen der Corona-Pandemie musste das Jubiläumsfest verschoben ­werden. Trotzdem sollen im Kirchenblatt einige Aspekte der Marienwallfahrt gewürdigt werden. 

Maria, eine globale Heilige
Keine andere heilige Frau hat in den grossen religiösen Traditionen so viel Bekanntheit und Beliebtheit erlangt wie Maria. Sie wird nicht nur von Katholiken und Orthodoxen verehrt, sondern auch von Muslimen. Im Islam ist die jungfräuliche Mutter Jesu die einzige Frau, der eine Sure gewidmet ist und die namentlich im Koran erwähnt wird. Auch Hindus haben grosse Achtung gegenüber Maria und verehren die Marienstatuen. Selbst Menschen, die keiner Religion angehören, besuchen Wallfahrtsorte und bewundern die reiche Kunst, die zur Darstellung von Maria über Jahrhunderte hinweg geschaffen worden ist. 

In allen christlichen Konfessionen wird Maria zwar nicht angebetet, aber als Jungfrau und Mutter Jesu verehrt. Als Jungfrau hat sie Jesus geboren, der zugleich «wahrer Mensch und wahrer Gott» ist. Maria steht für das wahre Menschsein Jesu. Wenn er aber von Anfang an auch Gottes Sohn ist, dann hat die Jungfrau auch den Sohn Gottes geboren. So stellte das Konzil von Ephesus 431 fest, dass Maria auch als «Gottesgebärerin» (Theotokos) verehrt werden dürfe.  In der katholischen Tradition wurde daraus die Bezeichnung «Mutter Gottes» abgeleitet und Maria wurde oft wie eine Göttin verehrt.

Reformation und die Wolfwiler Wallfahrt
Die ausufernde Marienverehrung mit viel Wunder- und Aberglauben im Spätmittelalter führte in der Reformation zu einer kritischen Distanzierung. Die Reformatoren besannen sich auf die biblischen Erzählungen über Maria und verehrten sie als Vorbild im Glauben. Sie sagten, die Marienverehrung dürfe den Glauben an Gott nicht verstellen. Radikale Kräfte haben deshalb die Marienstatuen gleich ganz beseitigt und alle Heiligenbilder aus den reformierten Gotteshäusern entsorgt. In diese Zeit gehört der Ursprung der Wolfwiler Wallfahrt. Eine gotische Marienstatue aus dem 15. Jahrhundert konnte vor der Zerstörung gerettet werden und kam nach Wolfwil. Nach der Überlieferung soll sich die Holzfigur in der Aare treibend bei Wolfwil im Gebüsch verfangen haben. Sie wurde dort gefunden und in die kleine Marienkirche des Ortes gebracht.  

Kraftort und Gnadenbild
Von da an ist die Kirche Wolfwil als Kraftort erfahren worden. Menschen haben hier ihre Lebensenergie zurückgewonnen und die besondere Verbundenheit mit Gott erfahren. Sie haben sich Maria anvertraut und ihre Anliegen vor Gott getragen. Sie fühlten sich wieder heil und angenommen, und manche haben ihre Genesung auf den Besuch dieses Kraftortes zurückgeführt. Davon zeugen die zahlreichen Votivtafeln. Dass es sich auch um einen Kraftort im modernen Sinn handelt, hat die Geobiologin Blanche Merz in Wolfwil gemessen und anerkannt. Die Formen der Frömmigkeit haben sich über die Jahrhunderte verändert, so wie auch die Gestaltung des Marienbildes selbst. Das schlichte, geschnitzte Brustbild Marias wurde mit immer neuen Kleidern zur vollen Grösse ausgestattet. Mit den verschiedenen Gewändern kann die Madonna in allen liturgischen Farben des Kirchenjahrs gekleidet werden. Sie wurde zur Christusträgerin und erhielt Zepter und Krone als Himmelskönigin. Als Gnadenbild wurde sie in einen neobarocken Altar integriert und erhielt einen Ehrenplatz in der vor 400 Jahren erbauten Kirche. 

Kirchenerneuerung
Im 20. Jahrhundert musste die Wolfwiler Kirche wiederum vergrössert werden. Zu den neuen Raumbedürfnissen kam ein neues Kirchenverständnis hinzu. Das II. Vatikanische Konzil hat wieder bewusst gemacht, dass die Kirche die Gemeinschaft aller Gläubigen sei, das Volk Gottes. Dieses Kirchenverständnis soll auch durch das Kirchengebäude zum Ausdruck kommen. Der Architekt Gyula Széchényl gestaltete den Neubau 1976/1977 deshalb wie ein halbrundes Zelt, das südlich an die alte Kirche angebaut wurde. Der imposante Holzbau ist auf den neuen Altartisch ausgerichtet, dem Zeichen der Gegenwart Gottes. Mit der Öffnung der alten Südwand konnte der Neubau mit der bisherigen Kirche verbunden werden. Das Gnadenbild erhielt so einen eigenen, zentralen Platz im alten Kirchenteil, der zur Gnadenkapelle wurde. Es entstand eine Architektur, die auf eindrückliche Weise alt und neu verbinden konnte. Alt und neu sind nicht Gegensätze, sondern stehen hier sinnbildlich für das, was «Tradition» bedeutet: die Hinüberführung und Entfaltung in die neue Zeit. Das unterstreichen auch die modernen Kirchenfenster des Künstlers Cäsar Spiegel aus Kestenholz. Die fünf grossen Glasmosaike zeigen ausdrucksstark Stationen aus dem Leben Marias, die mit ihrem farbigen Licht den ganzen Kirchenraum umfangen. 

Glaubensbild für die Menschwerdung Gottes
Die Bedeutung Marias geht noch über ihre Person hinaus. Sie hat Gott in die Welt geboren und wurde als «Madonna mit dem Kind» zum Glaubensbild für die Menschwerdung Gottes. Diese Menschwerdung Gottes ist aber nicht nur ein historisches Ereignis, sondern dauernde Wirklichkeit. Gott will auch heute unter den Menschen sein. Deshalb braucht es viele marianische Menschen, die Gottes Geist in die Welt tragen, durch Worte der Versöhnung, durch Zeichen der Hoffnung, durch Taten der Nächstenliebe. Das gilt nicht nur für die Einzelnen, sondern auch für Gemeinschaft. Deshalb ist Maria auch ein Symbol für die Kirche. Sie versinnbildlicht die sakramentale Aufgabe der Kirche, Gottesgebärerin zu sein, das Göttliche immer neu zur Welt zu bringen, die gute Botschaft stets neu zu verkünden, das Reich Gottes sichtbar und erfahrbar zu machen. Dafür brauchen wir auch heute die Marienwallfahrtsorte und die Marienstatuen in jeder Kirche. Sie sollen uns daran erinnern, marianische Christinnen und Christen sowie eine marianische Kirche in diesem Sinne zu sein oder zu werden. 

Marienwallfahrtsorte im Kanton Solothurn 

Mariastein
Der bedeutendste Marienwallfahrtsort und spirituelles Zentrum im Kanton Solothurn ist Mariastein. 1636 bauten die Mönche von Beinwil über der Grotte ihr Kloster. Seither betreuen sie die Gnadenkapelle, die seit dem Spätmittelalter von Pilgerinnen und Pilgern aufgesucht wird. www.kloster-mariastein.ch 

Meltingen
Ebenfalls im Schwarzbubenland befindet sich der Marienwallfahrtsort Meltingen. Die Kirche «Maria im Hag» wurde bereits 1375 urkundlich erwähnt. «Im Hag» hat eine Edelfrau ihren Schleier wiedergefunden, der dort eine Marienstatue verhüllt hat. www.meltingen.ch

Oberdorf
Die Marienkirche Oberdorf gilt als das «Einsiedeln» von Solothurn, weil dank einem päpstlichen Privileg dieselben Gnaden empfangen werden können wie in Einsiedeln. Im 17. Jahrhundert wurde diese Kirche ebenfalls nach Süden erweitert, und die alte Kirche wurde zur Gnadenkapelle. Es ist ein ähnliches Konzept wie in Wolfwil, einfach in barockem Stil. www.pfarrei-oberdorf.ch

Wolfwil
www.wallfahrtsort-wolfwil.ch