Aktuelle Nummer 25 | 2020
06. Dezember 2020 bis 19. Dezember 2020

Schwerpunkt

Meine Seele dürstet nach dir

von Reto Stampfli

Der Mensch ist während seines gesamten Lebens auf der Suche. Eine Sehnsucht leitet ihn an, in der Gott die zentrale Rolle spielen kann. Eingebettet in die Gemeinschaft und in der Liebe zum ­Leben, unterstützen ein regelmässiger Rückzug und die Konzentration auf das Wesentliche, das auf Staunen bauende zuversichtliche Wirken im Hier und Jetzt. 

Demut 
Der Mensch ist etwas Unfertiges. Er sucht ein Leben lang nach dem Ergänzenden, dem Erfüllenden. Oder um es mit dem Kölner Schriftsteller Heinrich Böll auszudrücken: «Die Welt ist für den Menschen immer zu klein; alles, was wir erleben, ist zu klein.» Wer nicht von Selbstüberhöhung verblendet ist, dem wird regelmässig, zum Teil auch auf schmerzliche Art und Weise bewusst, dass er unvollkommen ist und sein Wirken bloss Stückwerk. All diese Einschränkungen könnten ein Gefühl der Ohnmacht bewirken, eine Erniedrigung; doch es gibt auch eine andere, eine reifere Sichtweise, in der sich Demut widerspiegelt. 

Demut, ein Ausdruck, der in unserer modernen Welt fremd und wie eine Beleidigung klingt. Im christlichen Kontext bezeichnet Demut jedoch die Haltung des Geschöpfes zum Schöpfer analog dem biblischen Verhältnis vom Knecht zum Herrn; es ist eine Tugend, die aus dem Bewusstsein des andauernden Zurückbleibens hinter der erstrebten Vollkommenheit erwachsen kann. Eine bewusste Hingebung zu einer höher stehenden Instanz. 

Sehnsucht 
Der französische Psychotherapeut Jacques Lacan zieht bei seinem Versuch, den Menschen in seiner Existenz zu definieren, nur ein einziges Wort heran: «Sehnsucht». Er führt zu dieser erstaunlichen Definition aus, dass diese Sehnsucht masslos ist und nicht in Raum und Zeit passt. Sie ufert ständig aus, kennt keine Grenzen. Die Rechnungen bleiben immer offen; wir sind als Menschen ständig nach mehr aus, als wir schlussendlich erhalten. 

Doch was für einen Sinn hat diese masslose Sehnsucht? Welche Antwort kennen wir als Christinnen und Christen? Theologisch kann das bedeuten, dass wir es offenbar mit einem Gott zu tun haben, der genau die Widerspiegelung dieser masslosen Sehnsucht des Herzens ist. «Gott ist grösser als unser Herz», so umschreibt der Dominikaner Johannes B. Brantschen, langjähriger Dozent an der Universität Fribourg, diese für uns Menschen nur schwer zu akzeptierende Grundvoraussetzung. In unserem Erleben und Wirken dürfen wir zwar immer wieder Momente des Glücks erfahren, aber es ist nie das ganze Glück. Die Sehnsucht des Menschen geht daher von jemandem aus, der nicht in Raum und Zeit passt. Als gläubige Christen vertrauen wir an dieser Stelle auf einen schöpferisch wirkenden Gott.

Ich mache im Alltag immer wieder die Erfahrung, dass Menschen zwar diese Sehnsucht ansatzweise aussprechen, jedoch selten spontan darüber reden möchten. Viele moderne Zeitgenossen sind auch nicht mehr gewillt oder nicht mehr in der Lage, ihre masslose Sehnsucht an einem Gott festzumachen. Doch die Sehnsucht stirbt nicht dadurch, dass man sie nicht an Gott festmacht, sie bleibt im Herzen lebendig. So suchen sie neue Ziele für die Sehnsucht, eine Erfüllung, wo es keine wahre Fülle geben kann. «Wie geht ein Mensch mit einer masslosen Sehnsucht in einer mässigen Welt um?», fragt der emeritierte Wiener Theologieprofessor Paul Zulehner in seiner 2014 erschienenen Autobiografie. Diese Situation kann schnell einmal zu einer Überforderung führen oder zur ständigen Angst, zu kurz zu kommen und den anderen Menschen immer als Rivalen zu betrachten. Die Sehnsucht an sich kann uns schon lebendig machen. Wer keine Sehnsucht mehr hat, ist schlicht mit seinem Leben fertig.

Rückzug 
In dieser fundamentalen Frage kann uns der deutsche Mystiker Meister Eckhart (um 1260–1328) eine Hilfe sein: «Geh ganz in deine Tiefe hinein, und versuche dort in Berührung zu kommen mit dem, wonach sich dein Herz sehnt.» Man muss Gott nicht nur Aussen suchen, wo man ihn auch in Spuren in der Natur findet. Der eigentliche Wohnort Gottes und damit das eigentliche Ziel meiner Sehnsucht finde ich, wenn ich diese Reise nach innen antrete. Meister Eckhart vertrat eine konsequent spirituelle Lebens­praxis im Alltag. Für ihn war der Seelengrund, und somit auch die Heimat der Sehnsucht, nicht wie alles Geschöpfliche von Gott erschaffen, sondern göttlich und ungeschaffen. Nach seiner Überzeugung ist die Gottheit im Seelengrund stets unmittelbar anwesend. Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, also jemand, der etwas erfahren hat – in diesem Sinne innerhalb der Sehnsuchtssuche. Andernfalls wird er nicht mehr Christ sein können. 

Gottessuche 
Die Theologin Johanna Rahner sieht die Krise des Glaubens vor allem als Kirchenkrise. Die Kirche werde nicht mehr als der Ort empfunden, an dem die Gottessehnsucht der Menschen von heute ernst genommen werde, sagt die Tübinger Dogmatik-Professorin. Das liege nicht daran, dass die Kirche zu wenig glaube, betonte Rahner, «sie ist in vielem unglaubwürdig geworden». Mit ihrem «erschütterungsfreien und verblüffungsresistenten Katechismuswissen» erkenne sie beispielsweise nicht mehr, dass Menschen Gott vermissten, dass manche ihn zwar suchten, aber nicht fänden. Dabei könne ein solches Suchen nach Gott wie eine existenzielle Not sein. Hier eröffnet sich für die Kirchen eine Chance, die jedoch auch als Herausforderung zu verstehen ist.

«In der heutigen Zeit rechtfertigt sich der moderne und auf seine Leistungsfähigkeit pochende Mensch am liebsten selbst», sagt die 1962 geborene Theologin. Von einer Gnade, die sozusagen von oben herabkomme, wolle er nichts wissen. «In unserer Alltagserfahrung hat eine metaphysische Tiefendimension einfach keinen Platz mehr», bedauert Rahner. 

Staunen 
Warum können denn so viele Zeitgenossen Gott nicht mehr erfahren? Weil sie nicht die richtigen Antennen ausgestreckt haben. Sie haben Antennen, mit denen sie ausgezeichnet technische und mathematische Informationen einfangen können. Sie können hervorragend messen, sehen, planen, konstruieren; sie können die Welt verändern und leider auch zerstören – aber sie können nicht mehr staunen. Gott ist auch mit dem grössten Teleskop und mit keinem noch so ausgeklügelten Mikroskop zu erkennen. Um die Spuren Gottes in der Welt zu entdecken, müssen wir wieder staunen lernen. Erst wenn der Mensch wieder staunend an die Welt herantritt, vermag er die Spuren des Schöpfers zu erkennen.   

Zu diesem Staunen ist der zeitgenössische Mensch durchaus noch fähig; aber dies scheint ein überwiegend konsumorientiertes, ekstatisches Staunen zu sein, das den Menschen nicht zur Seelenruhe kommen lässt, sondern davon wegführt. Ich bin jedoch überzeugt, dass trotz dieser Einwände, der moderne Mensch weiterhin auch zum «richtigen» Staunen fähig ist, beispielsweise angesichts von Naturereignissen, bei Geburt und Tod und im staunenden Sich-Einlassen auf die grossen Schöpfungen menschlicher Kultur. Keine spontane Reaktion auf ein überraschendes oder überwältigendes Ereignis, sondern eine aktive und eingeübte Haltung: In nach aussen scheinbarer Passivität nimmt der Mensch sich selbst, seine Gedanken und Gefühle bewusst zurück, öffnet sich mit allen Sinnen und wird «leer», um ein Ereignis geschehen zu lassen. Oder einfacher mit den Schlussworten des berühmten Bruder-Klaus-Gebets ausgedrückt: «Mein Herr und mein Gott – nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.» Dieses «Nimm mich mir» ist wie ein Weckruf. Das Flehen eines suchenden Menschen, aus der Selbstverkrampfung herausgerissen zu werden, um in der Nachfolge Christi, eingebettet in die Gemeinschaft und in der Liebe zum Leben, einen heilenden Weg zu finden. Von mir selbst loslassen, von meiner Ichzentriertheit wegkommen, indem ich mich öfter zurückziehe und mich sammle, um frei und offen zu werden für andere.  

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Der Philosoph und Theologe Dr. Reto Stampfli ist Lehrer und Konrektor an der Kantonsschule Solothurn und Mitglied der «Kirchenblatt»-Redaktionskommission.