Aktuelle Nummer 25 | 2020
06. Dezember 2020 bis 19. Dezember 2020

Editorial

Gott*

«Wer ist Gott* für dich?», fragt ein deutscher katholischer Jugendverband in seiner Kampagne. Nicht die Frage an sich, sondern das Sternchen gab Anlass zu einer grösseren Diskussion. Das Sternchen wird häufig verwendet, um männliche und weibliche sowie weitere Geschlechtsidentitäten miteinzubeziehen. Mit diesem Gender-Sternchen werde die Geschlechter-Diskussion auf Gott übertragen, protestierten konservative Kreise. Sofort wird Vater und Sohn, Herr und Bruder in Stellung gebracht, um das männliche Gottesbild zu retten. Doch diese Engführung lehnen selbst konservative Theologen ab. Gott ist immer mehr und anders als unsere Bilder, Begriffe und Vorstellungen. Verwiesen wird auf die Vielfalt der Gottesbilder in der Bibel selbst. Die Vielfalt in der Rede von Gott erleichtert es den Gläubigen, eine persönliche Gottesbeziehung zu finden und entsprechend auch die Beziehungen zu den Menschen und der ganzen Schöpfung zu gestalten. In dieser Beziehungsvielfalt spiegelt sich der Dreifaltigkeitsglauben. Wenn eine solche Diskussion auch unter den Jugendlichen geführt wird, hat die Kampagne ihr Ziel erreicht. 

Annedore Prengel schreibt in ihrem Grundlagenwerk zur «Pädagogik der Vielfalt», dass der konstruktive Umgang mit der Vielfalt unter den Menschen nur gelingen kann, wenn wir zuerst die Vielfalt in uns selbst ernst nehmen. Oft wohnen noch mehr als «zwei Seelen, ach, in meiner Brust» und es geht nicht nur um «entweder – oder» und «sowohl – als auch». Nur wer damit klar kommt, ohne sich doktrinär zu verschliessen, wird auch mit der Vielfalt an Sprachen, Kulturen und Religionen, mit der Vielfalt an Genderprägungen und sexuellen Orientierungen, mit der Vielfalt an Lebens- und Zusammenlebensformen zurechtkommen. In dieser Herausforderung darf man sich von Gott* getragen wissen, ohne seine eigene(n) Identität(en) angesichts der Vielfalt zu verlieren. Gerade die Farben des Herbstes erleichtern es, auch an einem bunten Weinberg des Herrn* Freude zu haben. 

Ich wünsche Ihnen viel Freude an der Farbenvielfalt innen und aussen.

Kuno Schmid