Aktuelle Nummer 25 | 2020
06. Dezember 2020 bis 19. Dezember 2020

Schwerpunkt

Jugendarbeit in Corona-Zeiten

von Thomas Boutellier

Die zweite Welle der Covid-19-Pandemie beschäftigt bereits das ganze Land. Zusätzlich zu den ­Hygiene- und Abstandsregeln gilt überall Maskenpflicht, auch in allen Kirchen, Pfarreiräumlichkeiten und Jugendlokalen. Um die Ansteckungsrisiken zu verringern, gilt beispielsweise für sportliche und ­kulturelle Freizeitaktivitäten eine Gruppengrösse von maximal 15 Personen. Die Verantwortlichen der Jugendverbände und der Jugendpastoral haben ihre Schutzkonzepte bereits angepasst und ­werden erneut entscheiden müssen, welche Tätigkeiten noch möglich sein werden. Da lohnt sich ein Blick zurück auf die Zeit des Lockdowns und die Erfahrungen vom Frühjahr. 

Lockdown in den ­Jugendverbänden
Für mich persönlich waren es damals ­verrückte Wochen und Tage vor – aber auch nach dem Lockdown-Entscheid. Als Krisenverantwortlicher der Pfadibewegung Schweiz war ich immer wieder am Telefon und an Sitzungen, um zu begreifen, was da abgeht, um die Möglichkeiten für den Verband zu prüfen. Es war dann fast eine Erleichterung, als der Entscheid getroffen war, dass wir in der 113 Jahren dauernden Geschichte der Schweizer Pfadi das erste Mal die Pfadiaktivitäten einstellten. Doch ganz verschwunden waren die Aktivitäten nicht. Die Jugendverbände und auch einige Jugendarbeitende fragten sich, wie sie in dieser Zeit eine Hilfe für gefährdete Personen sein könnten. Es entstanden Einkaufsservices, Besuchsdienste usw. Die Jugendlichen machten so gut mit, dass in einigen Regionen die Einsätze durch die Gemeindebehörden koordiniert werden mussten.

Homeoffice, Homeschooling und Homescouting
Mit dem Lockdown gingen die Schulen zu. Geschäfte, Restaurants, Kirchen und ­Unterhaltungseinrichtungen wurden geschlossen. Homeoffice und Homeschooling wurden zu Wörtern in aller Munde. Auch in der Jugendarbeit wurden neue Impulse gesetzt. Die Kantonale Jugendfachstelle «juse-so» lancierte einen Fotowettbewerb, mit dem Ziel, Positives zu zeigen. Pfadi und Jubla hatten innert vier Wochen ein «Pfila-at-Home» aufgezogen. So wurde ein gemeinsames Pfingstlager zu Hause ermöglicht. Das Projekt, das auf den beiden Hashtags #homescouting und #jublazuhause basierte, hatte die Kinder und Jugendlichen dazu angeregt, die Pfadi- und Jubla-Aktivitäten zu Hause weiterzuführen und auch an Pfingsten etwas zu unternehmen. An diese Erfahrungen knüpfen nun die Jubla-Organisatoren des traditionellen Ranfttreffens an und rufen zu einer Erlebnisnacht 2020 unter #woduwohnst statt wiegewohnt auf. Der Adventskalender des Verbands Katholischer Pfadi «Raus aus der Komfortzone» gibt es bei der juse-so in angepasster Form auch als SMS-Adventskalender. 

Firmvorbereitung und ­Pfarreiarbeit
Viele Firmungen waren für die Zeit um Pfingsten geplant. Der Lockdown blockierte die klassische Abschlussphase der Firmungvorbereitungen, und die geplanten Aktivitäten fielen ins Wasser. Keine Taizereise an Auffahrt, keine Assisiwallfahrt, keine Firmweekends, nicht einmal gemeinsame Themenabende waren möglich. Mancherorts hatten Firmbegleiterinnen und Firmbegleiter versucht, mit dem Versenden von «Gedanken» und Hausaufgaben den Firmunterricht nicht ganz ausfallen zu lassen. Neue Ideen und spirituelle Angebote wurden im virtuellen Raum ausprobiert. Die juse-so hatte in Zusammenarbeit mit anderen Fachstellen beispielsweise zwei virtuelle Rätselräume hergestellt, einen zum Thema Firmung und einen zu den sieben Gaben des Heiligen Geistes. Diese Rätselräume lassen sich frei vom Netz heruntergeladen. Aber «digitale» Angebote hatten auch Fragen hinterlassen und konnten die «analogen» Begegnungen nicht ersetzen.

Beziehungsarbeit neu denken
Der Kern der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist die Beziehungsarbeit. Das lernen alle in der Jugendarbeit Tätigen in ihrer Ausbildung. Aber wie soll Beziehungsarbeit gehen, wenn es keine persönlichen Kontakte gibt? Wie kann man mit ihnen über existenzielle Fragen reden, die sich in einer solchen Krise stellen? Wie kann mit Sechzehnjährigen gesprochen werden, die ihre Grosseltern besuchen möchten und nun plötzlich als «Gefährdung» gelten? Einen Teil der Arbeit kann man in den virtuellen Raum verlegen. Es ist möglich, mit WhatsApp und Video-Calls miteinander zu kommunizieren. Kommunikation ist ja der wichtigste Punkt in der Beziehungsarbeit. Aber vieles, das über den sprachlichen Austausch hinausgeht, sieht man dabei nicht. Kein Emoji kann den ­Gesichtsausdruck ersetzen, kein gutes ­Zureden die Umarmung in schwierigen Zeiten. 

Schutzkonzept erarbeiten
Die staatlichen und kirchlichen Jugendarbeitenden waren sich einig, dass man so schnell wie möglich wieder aus dieser Situa­tion herauskommen musste, aber ohne zu gefährden, ohne die Regeln zu brechen und mit klaren Richtlinien. Darum hatten der DOJ (Dachverband der offenen Kinder- und Jugendarbeit), die Jugendverbände und auch die Fachstellen im Bistum Basel sich sehr schnell an die Ausarbeitung von Schutzkonzepten gemacht. Die Bundesämter für Gesundheit und für Sport hatten uns unterstützt, damit wir so rasch als möglich die Aktivitäten wieder aufnehmen konnten. Denn allen war klar, dass daheim­sitzen oder unkontrolliert rausgehen keine guten Alternativen waren. Bereits vor Auffahrt war Jugendarbeit mit Schutzkonzept in Gruppen bis vier Personen wieder möglich. Als der Bundesrat die Exit-Strategie verkündete, waren die Jugendorganisationen bereit und konnten die geplanten Tätigkeiten mit Schutzkonzept sofort aufnehmen. Dieses Schutzkonzept wurde nun erweitert, um die zweite Welle möglichst rasch brechen zu können. Für alle Jugendlichen und Kinder ab zwölf Jahren gilt zusätzlich zu den generellen Hygiene- und Abstandsregeln bei allen ­Aktivitäten in Räumen Maskenpflicht. Auch das gemeinsame Singen am Lagerfeuer ist nicht mehr erlaubt. Je nach Gruppengrösse und Situation gelten weitere Regeln. Das Schutzkonzept muss den Jugendlichen und ebenso den Erwachsenen immer wieder erklärt und bewusst gemacht werden. 

Was bleibt nach dem Lockdown?
In dieser Zeit entstanden viele digitale Projekte mit Zukunftschancen. Es gab ungezwungene, neue Zusammenarbeitsformen über verbandliche und kirchliche Grenzen hinaus, die weitergeführt werden sollten. Sicherheit und Hygiene rückten wieder verstärkt ins Bewusstsein und werden konsequenter beachtet. Es bleibt aber auch die Unsicherheit, wie es weitergehen wird. Was bringt die zweite Welle, und welche Aktivitäten sind noch legitim? Wichtig bleibt, dass wir die Schutzkonzepte ernst nehmen. So kann Jugendarbeit auch in Zukunft viele lachende Gesichter ermöglichen.  

Thomas Barny

Thomas Boutellier ist Leiter der «juse-so», der Fachstelle Jugend mit Sitz in Olten, die von der Römisch-Katholischen Synode des ­Kantons Solothurn getragen wird. Zudem ­amtet er als Präses des Verbands Katholischer Pfadi (VKP) und ist Präsident der ­Pastoralkonferenz des Kantons Solothurn.