Aktuelle Nummer 25 | 2020
06. Dezember 2020 bis 19. Dezember 2020

Schwerpunkt

Christe, Heide, Katholike

von Reto Stampfli

Im Rahmen des Jubiläums «2000 Jahre Solothurn» ist eine Stadtgeschichte zum 19. und 20. Jahrhundert erschienen. Dieses spannende Werk zeigt auf, wie die Moderne in den letzten 200 Jahren in Solothurn Einzug gehalten hat. Das einstige «Katholikenstädtli» präsentiert sich heute als säkulare Gesellschaft. 

Das vorliegende Jubiläumsbuch überzeugt. Acht Autoren unter der Projektleitung von Verena Bider bieten auf über 400 Seiten einen übersichtlich dargestellten Einblick in zwei Jahrhunderte Stadtgeschichte. Der Benediktinerpater Gregor Jäggi, Subprior des Klosters Einsiedeln, und Urban Fink, Mitglied der «Kirchenblatt»-Redaktionskommission, zeichnen für das Kapitel «Konfessionen und Religionen» verantwortlich. 

Volkskirche
«Christe, Heide, Katholike, alles isch derby», wie im Solothurner Lied schön besungen, liefert das stattliche Jubiläumsbuch eine Tour d’Horizon über die religiöse und konfessionelle Entwicklung der vergangenen 200 Jahre. Zahlreiche Fotos, wie zum Beispiel die Ansicht der berstend vollen Hauptgasse beim 14. Solothurner Katholikentag 1934, können eindrücklich aufzeigen, welche Massen früher bei religiösen und konfessionellen Anliegen mobilisiert werden konnten. Doch der Wandel ist unübersehbar: In der Einleitung des Kapitels sticht eine Konfessionsstatistik ins Auge, die eindrückliche Entwicklungen erkennen lässt: Bis in die 1870er-Jahre machten die Katholiken in ihrer Hochburg Solothurn über 80 % der Bevölkerung aus, um die Jahrhundertwende waren es dann rund 60 %, um 2019 auf einen aktuellen Tiefpunkt von 23 % zu sinken. Das entspricht in etwa den Entwicklungen, die die religiöse Landschaft in der Schweiz prägen. Die Dominanz der beiden grossen Landeskirchen nimmt langsam aber stetig ab, während die Zahl der Konfessionslosen kontinuierlich ansteigt. 

In Bezug auf die Konfessionen zeigt die erwähnte Statistik auch andere erstaunliche Tatsachen auf: So herrschte 1930 im einstigen «Katholikenstädtli» beinahe eine zahlenmässige Pattsituation zwischen Katholiken und Protestanten. Das überrascht, wenn man bedenkt, wie lange die Reformierten brauchten, um in der Ambassadorenstadt richtig Fuss zu fassen. Als Protestant im katholischen Solothurn zu wohnen, war zweifellos nicht einfach. Erst 1834 beschlossen 24 Männer, die Regierung «um die Gestattung des reformierten Gottesdienstes und die Errichtung einer eigenen Kirchgemeinde» zu bitten. Noch heute zeigt sich diese konfessionelle Randlage in der Architektur: die reformierte Stadtkirche wurde erst 1925 extra muros eingeweiht; als erstes Gotteshaus hatte im 19. Jahrhundert der kleinen Gemeinde die ehemalige Stephans-Kapelle am Friedhofplatz gedient, bevor diese zu einem Wohn- und Geschäftshaus umgebaut wurde. In der heutigen Zeit stehen zum Glück der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den Konfessionen im Mittelpunkt. In diesem Zusammenhang weist die Stadtgeschichte auch auf die bewährte «Ökumene der Toten» hin, denn auf den 1875 säkularisierten Friedhöfen der Stadt herrscht seit Jahrzehnten eine Totengemeinschaft ohne konfessionelle Schranken.

Kulturkampf
Nicht nur religiöse und konfessionelle Entwicklungen prägten die Stadtgeschichte, sondern auch gesellschaftliche und politische. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es in vielen Staaten Europas zu sogenannten Kulturkämpfen. Hier zeigten sich Modernisierungskrisen, die als Etappen im Prozess der Säkularisierung von Staat und Gesellschaft zu werten sind. In der Stadt Solothurn führte diese Entwicklung unter anderem zur Auflösung des einst so einflussreichen St.-Ursen-Stifts. 

Der Kulturkampf zeigte auch Auswirkungen auf den Katholizismus. Die Autoren der Stadtgeschichte bemerken dazu: «Solothurn ist ein ganz spezielles Beobachtungsfeld für die innerkatholische Kontroverse mit hochpolitischem Zündstoff, da sich hier verschiedene Ebenen einzigartig überlagerten und gegenseitig beeinflussten», denn Solothurn als Bistumssitz stand zeitweise im Zentrum des Schweizer Kulturkampfs zwischen Katholizismus und Liberalismus. Das führte sogar dazu, dass der Bischof polizeilich aus dem Kanton ausgewiesen wurde und in Luzern Zuflucht suchen musste. Liberal gesinnte Katholiken wollten die im I. Vatikanischen Konzil beschlossenen Papstdogmen, wie die Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubensfragen, nicht anerkennen. Eine direkte Folge davon war die Abspaltung der christkatholischen Kirche. Am 18. September 1871 fand in Solothurn der erste schweizerische Katholikenkongress statt, der die Keimzelle der christkatholischen Kirche bildete. So waren Solothurner Exponenten massgeblich an der Abspaltung der christkatholischen Kirche vom römischen Katholizismus beteiligt.

Der Kulturkampf hat im 19. Jahrhundert die Solothurner Beschaulichkeit erschüttert. Die Stadtgeschichte resümiert dazu: «Der Kulturkampf im engen Sinn fand mit der Ernennung von Friedrich Fiala zum Bischof von Basel und der Normalisierung der Bistumsverhältnisse 1885 ein Ende, gerade in der katholischen Symbolstadt Solothurn. In den Köpfen mit beiderseitig starken Ideologien dauerte er bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts an.» 

Zentrumsfunktion
Schon 1804 bestand die Idee, ein Kantonalbistum mit Sitz in Solothurn zu schaffen. 1828 wurde, nach zähen Verhandlungen, das bis heute bestehende «neue» Bistum Basel errichtet, das 10 Kantone umfasst. Seit dem Frühmittelalter war der Kanton Solothurn auf drei Bistümer aufgeteilt gewesen: Das «alte» Bistum Basel, welches den Bereich östlich der Siggern (Flumenthal) und nördlich der Weissensteinkette umfasste, das Bistum Lausanne mit dem Gebiet westlich der Siggern sowie das Bistum Konstanz mit dem Gebiet südlich der Aare. 

Doch auch in anderen Belangen erreichte Solothurn den Status einer Zentrumsfunktion. In der Stadtgeschichte erfolgt ein Blick auf das monastische und soziale Leben. Zwei Männer- und drei Frauenklöster prägten über Jahrhunderte das religiöse Leben in der Stadt Solothurn. Die Kapuziner, idyllisch dargestellt in Frank Buchsers «Kapuzinerschule in Solothurn», gehörten bis 2003 zum Stadtbild. Heute bestehen noch die Frauenklöster Visitation und Namen Jesu. Eine wichtige Funktion übernahmen auch die Spitalschwestern, die vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die 1960er-Jahre hinein die Krankenpflege im Bürgerspital gewährleisteten. 

Das religiöse Gesicht der Stadt Solothurn hat sich in den vergangenen 200 Jahren wesentlich verändert. Die Stadtgeschichte ermöglicht einen aufschlussreichen Einblick in diese Entwicklungen und liefert eine breite Palette an interessanten Themen. Neben konfessionellen Phänomenen wird auch dem Pfarreileben Beachtung geschenkt, das Wirken religiöser Bewegungen aufgezeigt, die Freikirchen werden vorgestellt und auch die Ökumene kommt nicht zu kurz. Durch die anregende Lektüre wird klar: Lebensverhältnisse in Frieden und Freiheit werden auch in Zukunft in entscheidendem Masse vom friedlichen Agieren der Religionen abhängen – in den Gesellschaften und untereinander.

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Der Philosoph und Theologe Dr. Reto Stampfli ist Lehrer und Konrektor an der Kantonsschule Solothurn und Mitglied der «Kirchenblatt»-Redaktionskommission.

2020 03 12 Umschlag Stadtgeschichte

Einwohnergemeinde der Stadt Solothurn (Hg.): Stadtgeschichte Solothurn, 19. und 20. Jahrhundert, Lehrmittelverlag des Kantons Solothurn, 2020. 

ISBN 978-3-905470-81-9. 

Die «Stadtgeschichte Solothurn
19. und 20. Jahrhundert» ist beim Lehrmittelverlag des Kantons Solothurn und im Buchhandel erhältlich.