Aktuelle Nummer 11 | 2020
24. Mai 2020 bis 06. Juni 2020

Editorial

Solentiname

Als «ohrenbetäubende Stille» ist das Bild beschrieben worden, das Papst Franziskus allein auf den Stufen des leeren Petersplatzes zeigt. Es ist zum eindringlichen Symbol der betenden Verbundenheit mit den Betroffenen und Helfenden in der Corona-Krise geworden. In der beklemmend leer wirkenden vatikanischen Pracht stellt sich die Kirche auf die Seite der Schwachen, der Armen, ist solidarisch mit allen Notleidenden. 

Ein solches Bild von Kirche war vor 50 Jahren erst an den Rändern denkbar. Damals veröffentlichete z.B. Ernesto Cardenal «Das Evangelium der Bauern von Solenti­name». Solentiname war eine christliche Kooperative in Nicaragua. Solentiname stand für eine Form des Kirche-Seins, die mit den Armen das einfache Leben teilte und es aus dem Evangelium zu deuten versuchte. Wie die Urchristen teilten sie alles solidarisch. Dabei scheuten sie sich auch nicht, sozialistische Ideen in ihr christliches Konzept aufzunehmen und Widerstand zu leisten gegen Unrecht und Unterdrückung. Damals stand die römische Kirchenleitung noch auf der Seite der Mächtigen, stützte die autoritären Regimes und grenzte die entstehende Befreiungstheologie aus. Frauen und Männer in Basisbewegungen und mutige Bischöfe bekehrten die Kirche jedoch allmählich zur vorrangigen «Option für die Armen».  

Ostern in Corona-Zeiten zeigt eine Kirche, die diese Option ernst nimmt. Auch ohne österliche Festlichkeiten und feierliche Gottesdienste bleibt sie dank ihres karitativen Kerngeschäfts präsent, beispielsweise durch den Einsatz für ältere Leute, für Einsame und Flücht­linge, für Familien mit Kindern und Menschen mit Sorgen. Mit vielen Freiwilligen und durch flexible Hilfs­werke ist sie rasch nahe bei den Menschen. Seel­sorge, Beratung, Trost, Gebete und Hilfe werden durch innovative digitale Mittel über neue Kanäle angeboten. Seelsorgerinnen und Seelsorgern stehen den Medien und all jenen, die Fragen nach Sinn und Zukunft stellten, zur Verfügung. Religion erweist sich als eine Kraft, die die Gesellschaft zusammenhält. In dieser österlichen Stille haben die Kirchen mancherorts ein neues, ­zeitgemässes Solentiname gefunden. 

Ich wünsche Ihnen hoffnungsvolle Zuversicht und gute Gesundheit.

Kuno Schmid