Aktuelle Nummer 11 | 2020
24. Mai 2020 bis 06. Juni 2020

Schwerpunkt

Pest, Seuchen und Corona

von Urban Fink-Wagner 

Ist die gegenwärtige Corona-Krise im Vergleich zu früheren Pestzeiten eine völlige neue Situation? Wie gingen der Staat und die Kirchen mit Pest und Seuche früher um? Und wie können wir ­Christinnen und Christen die gegenwärtige Corona-Krise bewältigen? Natürlich sind die Voraus­setzungen der Lebensgestaltung und die medizinischen Möglichkeiten ganz anders, und auch der ­Glaubenshorizont hat sich gewandelt. Trotzdem gibt es bedenkenswerte Ähnlichkeiten. 

In der Alten Eidgenossenschaft waren Kirche und Staat symbiotisch miteinander verbunden. Die Kirche war bis weit ins 19. Jahrhundert hinein nicht nur Trägerin des religiösen Lebens in den Pfarreien, sondern auch für die Dorfschule und zusammen mit der Gemeinde für die Armenfürsorge zuständig. Der Pfarrer war bis 1874 Zivilstandsbeamter und somit ein guter Kenner seiner Gemeinde. Die Sorge für Arme und Benachteiligte galt als selbstverständliche Christenpflicht, in der sich die ­wohlhabende Stadt Solothurn auch gegenüber der Landbevölkerung hervortat. Die Fürsorge im Kanton galt weitgehend nur den eigenen Bürgern, während man mit den Heimatlosen unzimperlich umging. Dazu dienten ständige Dorfwachen, die nicht nur gegen Brandgefahr und herumstreunendes Gesindel eingesetzt wurden, sondern auch, um bei Pest- oder Seuchengefahr Fremde fernzuhalten, ergänzt durch spezielle Wachen an allen Pässen und besonderen Durchgangsorten. 

Die Pest im 17. Jahrhundert
Das Konzil von Trient (1545–1563) ordnete die Führung von Pfarrbüchern an. Diese wurden kurz nach 1600 im Kanton Solothurn ziemlich flächendeckend eingeführt und geben bei Todesfällen oftmals auch den Grund für den Hinschied an. Sie ermöglichen einen relativ genauen Einblick in die vier Pestepidemien des 17. Jahrhunderts. Eine erste Pestwelle schädigte 1611/1612 vor allem den Ostteil des Kantons Solothurn mit z. B. 200 Todesopfern in Olten oder 150 in Lostorf. Die zweite Pestepidemie 1628/1629 erfasste den ganzen Kanton, schwergewichtig Ortschaften südlich der ersten Jurakette. Rund 1100 Personen starben, etwa die Hälfte davon Kinder. Die dritte Epidemiewelle von 1634 erfasste von 36 bearbeiteten Pfarreien nur deren 12, meistens Pfarreien des Schwarzbubenlandes. Kurz danach erfasste der letzte Seuchenzug 1635/1636 zwanzig Pfarreien in allen Regionen des Kantons. Solothurn hatte 200 Pestopfer zu beklagen, Egerkingen und Hägendorf je 80, Grenchen 50, Oberdorf 45 und Welschenrohr 40. 

Massnahmen gegen die Pest
1629 wurde die Pest nachweislich durch den Glarner Landammann Daniel Bussi in Olten eingeschleppt, der auf dem Heimweg von der Tagsatzung in Solothurn im Restaurant Löwen in Olten verstarb. Wie die Krankheit übertragen wurde, wussten die Menschen damals nicht. Man stellte jedoch fest, dass Wirtschaften die häufigsten Übertragungsorte waren. Als sicherstes Mittel gegen die Pest galt die rechtzeitige Flucht an einen entfernten Ort mit gesunder Luft, da man meinte, dass verunreinigte, «verpestete» Luft ein wesentlicher Grund für eine Seuche sei. Als Gegenmittel dienten bis ins 17. Jahrhundert auch das Parfümieren und Ausräuchern von Wohnräumen, oder man trieb jeden Morgen den Ziegenbock durchs Haus, dessen Gestank hoffentlich schlimmer war als die Pestdünste. Schon seit Ende des 14. Jahrhunderts wusste man jedoch, dass die Unterbindung der Kontakte, also die völlige Isolation der Pestkranken, sowie Reise- und Handelssperren das effizienteste Gegenmittel war. Solothurn setzte das Kontaktverbot mit polizeilichen Massnahmen hart durch. Bewohner von Pestdörfern durften die Stadt Solothurn nicht mehr betreten. Solothurn war einer der ersten Kantone, der die Pest so endgültig besiegte. 

Die Pest und die Kirchen
In den reformierten Gebieten vermied man unbequeme Sperren und Handelsbeschränkungen, entsprechend länger dauerte die Epidemie. So traf der Pestzug von 1667–1670 nur noch protestantische Gebiete. Mit der Errichtung von Pestfriedhöfen sowie mit Bittgängen und Bussgottesdiensten leistete die Kirche ihren Beitrag zur Pestbekämpfung. Dabei waren Priester häufige Pestopfer, da sie als Seelsorger mehr Kontakte mit Pestkranken hatten als andere Bewohner. Überdurchschnittlich viele wurden wegen Ansteckungsgefahr auch in die Quarantäne gezwungen. Es gibt aber auch gegenteilige Beispiele: 1629 floh der Pfarrer aus seiner Pfarrei Büsserach, weil dort die Pest ausgebrochen war. Die erschreckte Beinwiler Klostergemeinschaft zog ins Bad Attisholz, «um die Luft ein wenig zu verändern». Schon vorher verbot der Vogt von Thierstein das Kirchweihfest in Erschwil. 1611 gebot der Solothurner Rat dem Pfarrer von Seewen und 1635 dem Pfarrer von Bärschwil, zu Hause zu bleiben, da in der Pfarrei die Pest herrsche. Entsprechend fanden auch keine Gottesdienste mehr statt. Pesttote durften nur mehr in Randzeiten zur Kirche gebracht werden und wurden möglichst schnell begraben, oft auch ohne Anwesenheit der Verwandtschaft. 1629 verbot der Solothurner Rat Prozessionen zum bedeutenden Wallfahrtsort Oberdorf, da dort die Pest herrschte. Während Pestzeiten war der Ratschlag, zu Gott ein besseres Verhältnis zu finden, ein beliebter Hinweis, da die Seuche oftmals als Strafe Gottes angesehen wurde.

Die Grippeepidemie 1918/1919
Die Verbesserung von Hygiene und Volksgesundheit verringerten im 18. und 19. Jahrhundert die Gefahr, an einer Seuche zu sterben. Bei der Professionalisierung des Gesundheitswesens spielten Ordensschwestern bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle.

Wehrlos stand der Kanton Solothurn jedoch 1918 der Spanischen Grippe gegenüber. Der Krankheitsverlauf war kurz und heftig, der Tod meistens durch eine Lungenentzündung bedingt. Bis 1920 erkrankten im Kanton über 32 000 Personen, 670 Zivilpersonen verstarben, dazu gegen 100 Armeeangehörige. Betroffen waren vorwiegend ältere Jugendliche und Erwachsene bis 40 Jahre. Die Ursache war unbekannt. Das Gegenmittel Penicillin, ein Antibiotika-Mittel, wurde erst 1929 erfunden und konnte erst zwölf Jahre später chemisch hergestellt werden. Die Spanische Grippe tötete insgesamt mehr Menschen, als der Erste Weltkrieg Kriegsopfer forderte. Der Kanton Solothurn verbot damals öffentliche Veranstaltungen und schloss die Schulen. Der Bischof von Basel hob die Verpflichtung zum sonntäglichen Messbesuch auf.

Wie mit Corona heute umgehen?
Diese Übersicht kann auch noch mit den Stichworten Schweinegrippe, Vogelgrippe und SARS ergänzt werden und macht deutlich, dass die gegenwärtige Corona-Epidemie nicht so ausserordentlich ist, wie vielleicht vermutet. Und die gegenwärtigen Massnahmen gegen das Corona-Virus unterscheiden sich nicht gross von den Vorkehrungen gegen die Pestepidemien oder die Spanische Grippe.

Wenn wir auch heute mit «Social distancing» konfrontiert sind, Risikogruppen zu besonderer Vorsicht gemahnt und damit in die Einsamkeit gezwungen werden und Christinnen und Christen für einige Monate auf Gottesdienste verzichten müssen, ist das nicht etwas völlig Neues. Klar ist, dass die Corona-Krise sicher nicht als Strafe Gottes gedeutet werden kann. Das Fehlen von öffentlichen Gottesdiensten kann uns darauf aufmerksam machen, dass Christsein über den Gottesdienstbesuch hinausgeht und sich im Alltag zeigt: Nachbarschaftshilfe, regelmässiger telefonischer Kontakt zu Personen aus Risikogruppen, Verzicht auf die gewohnten Vergnügungen und Annahme der geforderten Einschränkungen. Wir können auch dankbar sein, dass die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern bis jetzt relativ glimpflich davongekommen ist und vieles finanziell abfedern kann. Es ergibt sich mehr Zeit für Gebet oder Bibellesung und Vorfreude auf einen baldigen gemeinsamen Gottesdienst.

Das kann uns in unserem Vertrauen in Gott bestärken, weil Gott unser Leben mit uns lebt, auch jetzt, und die Ängste und Zweifel umfasst und mitträgt.