Aktuelle Nummer 19 | 2020
13. September 2020 bis 26. September 2020

Angst

Im Unterstufenband des neu erscheinenden Lehr­mittels «Schauplatz Ethik» stehen einige Kinder oben auf dem Sprungbrett. Mit gemischten Gefühlen blicken sie hinunter, und jedes scheint sich zu fragen: Soll ich springen? In solchen Momenten nehmen Kinder unmittelbar das Gefühl von Angst wahr. Angst warnt vor einer möglichen Gefahr oder einer Über­forderung, sie ist eine Art Alarmglocke. Nun braucht es Mut. Entweder den Mut, die eigene Angst zu über­­winden und zu springen, oder den Mut, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und nicht zu springen. Darüber lässt sich gut mit Kindern diskutieren. Schwieriger ist es, wenn die Ursachen der Angst weniger deutlich benannt werden können. Die Angst vor Fremden ist eine Urangst tief im Menschen. Sie lässt sich noch überwinden, indem man sich auf eine Begegnung beispielsweise mit Neuzugezogenen oder mit Flüchtlingen einlässt. Weniger greifbar ist die Angst vor dem Klimawandel. Auch hier werden zwar mutige Entscheidungen verlangt. Doch Einzelne können nur wenig ausrichten und fühlen sich ohnmächtig. Mit dem Coronavirus droht nun eine weitere Gefahr, die Angst macht. Das Virus ist für unsere Augen nicht sichtbar, verbreitet sich jedoch und macht Menschen in unmittelbarer Nähe krank. Das ist unheimlich. Fachleute und Behörden treffen Entscheidungen, um die Bevölkerung zu schützen. Aber alle gestehen sich ein: Wir haben nicht alles im Griff. Das schafft Verunsicherung, rührt gar an Existenz­ängste. Es ist wenig hilfreich, diese Gefühle schönzureden und die Gefahren zu ignorieren. ­Ebenso nützt es wenig, in Panik zu geraten und sich von den Ängsten blockieren zu lassen. Ein ange­messener Umgang setzt auf Ver­trauen, Vertrauen in die eigene Lebenskraft, Vertrauen in das solidarische Zusammenwirken der Menschen über Generationen und Kulturen hinweg, Vertrauen in die Massnahmen der Behörden und das Vertrauen, von Gott getragen zu sein, selbst über Leid und Tod hinaus. Man sagt, der Satz «Fürchte dich nicht!» stehe 365 Mal in der Bibel und sei so für jeden Tag eine Einladung in diese Dynamik des ­Vertrauens.

Ich wünsche Ihnen solches Vertrauen in diesen ­aussergewöhnlichen Zeiten.

Kuno Schmid