Aktuelle Nummer 02 | 2021
17. Januar 2021 bis 30. Januar 2021

Editorial

Bücher

Menschen können ihre Erfahrungen und Einsichten, ihre Gedanken und Überzeugungen an andere und an nächste Generationen weitergeben. Hineingeboren in eine bestimmte Tradition und Sprache müssen Heranwachsende nicht mit allem bei null anfangen. Die überlieferten Geschichten, Handlungsweisen und Deutungsmuster helfen ihnen, sich im Leben zurechtzufinden und neue Herausforderungen einzuordnen und zu bewältigen. Mit ihren eigenen Erlebnissen, Erkenntnissen und Sichtweisen stellen sie diese Traditionen wieder infrage, verändern sie und geben sie in überarbeiteter Form weiter. 

Seit der Erfindung der Schrift und später des Buchdrucks können solche Erfahrungen und Geschichten als Texte über Generationen hinweg erhalten und verglichen werden. Deshalb lassen sich beispielsweise noch heute die Werke von Friedrich Dürrenmatt lesen, der vor 100 Jahren geboren wurde. Ganze Sammlungen von Büchern sind entstanden und repräsentieren das tradierte Weltwissen. Die Buchsgauer Dekanatsbibliothek ist ein eindrückliches Zeugnis dafür. Über Jahrhunderte ist der christliche Glaube in der wechselnden Zeitgeschichte diskutiert und immer wieder neu in Form und Sprache gefasst worden, mal geprägt von der Auseinandersetzung mit der Reformation, mal geprägt von der Aufklärung oder vom Antimodernismus. Dieser Traditionsprozess hat sich nicht aufhalten lassen, nicht durch Bücherverbrennungen, nicht durch Luthers «Allein die Schrift!» und nicht durch den päpstlichen Anspruch «Die Tradition bin ich!».

Aber heute schaut man doch nur noch im Internet, man klärt seine Fragen in der digitalen Community. Man sucht sich Gleichgesinnte auf Social Media. Sind Bücher in der globalisierten Welt noch gefragt? In Coronazeiten wünschen sich viele zwar vorrangig persönliche Begegnungen, um eigene Erzählungen und Einschätzungen auszutauschen. Manche nehmen aber auch gerne ein reales Buch zur Hand, um in Geschichten einzutauchen oder am Geschehen teilzunehmen. Neue gedruckte und elektronische Medien sind dazugekommen und ergänzen die Bücher. Sie machen das Informationsangebot breiter, vielfältiger und komplexer. Aber die Auseinandersetzungen über unterschiedliche Sichtweisen und der Traditionsfluss gehen weiter, auch in unserer Zeit. 

Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung mit einem anregenden Buch.

Kuno Schmid