Aktuelle Nummer 02 | 2021
17. Januar 2021 bis 30. Januar 2021

Jugend

«Ich wehre mich nicht dagegen, Gott zu suchen»

von Daniele Supino

Camil Zimmermann ist soeben 18 Jahre alt geworden. Er wohnt in Heinrichswil und ­besucht die 4. Gymnasiumsklasse der Kantons­schule Solothurn. In seiner Freizeit spielt er gerne mit seiner elektrischen ­Gitarre oder tourt mit seinem Töff, einer Yamaha TZR. Er beschäftigt sich auf besonders kritische Weise mit Religion und Glauben. In seiner Maturarbeit hat er über den Agnostizismus geschrieben.

Camil, wie bist du auf dieses Thema gekommen? 
Schon seit der Pubertät beschäftige ich mit Glaubensvorstellungen. Ich bin zwar katholisch getauft und habe die erste Kommunion gemacht. Aber sobald ich frei bestimmen konnte, habe ich mich von der Religion abgewandt. Deshalb habe ich auch entschieden, die Firmung nicht zu machen und zum Agnostiker zu werden.

Was sind eigentlich Agnostiker?
Vereinfacht gesagt, stehen Agnostiker zwischen Glauben und Unglauben. Sie sind weder davon überzeugt, dass es Gott gibt, noch leugnen sie die Möglichkeit, dass es Gott geben kann. 

Wehrst du dich gegen Gott? 
Ich wehre mich nicht dagegen, Gott zu suchen. Ich finde aber, dass man Gott nur mit rationalen Mitteln suchen und seine Existenz nur mit vernünftigen Gründen beweisen sollte. Solange man das aber nicht kann, sollte man nicht plakativ behaupten, dass es ihn gibt, sondern ehrlicherweise zugeben, dass man bloss nicht ausschliessen kann, dass es ihn gibt. Und ich will mein­ Leben nicht von einer unbewiesenen Grund­annahme beeinflussen lassen. 

Kannst du dir vorstellen, deine Meinung zu ändern, vielleicht kurz vor dem Tod?
Ich will es nicht ausschliessen. Es kann sein, dass zu meinen Lebzeiten bewiesen wird, dass es Gott gibt. Aber dass ich kurz vor dem Tod aus Angst noch religiös werde, zweifle ich. Denn rational gesehen ist nach dem Tod einfach das Nichts. Und vor dem Nichts brauche ich keine Angst zu haben.

Welchen Lebenssinn hast du?
Ich will Freude am Leben haben und anderen Menschen nützen, aber nicht, weil ich das Paradies als Belohnung erhoffe, oder weil ich mich vor der Hölle fürchte. Ich will aus Prinzip ein guter Mensch sein. Für mich ist das aufgeklärter Humanismus.

In deiner Maturarbeit geben 50,2 Prozent der befragten Jugendlichen an, über Religion zu sprechen…
Ja, es ist ein hoher Wert, und meine Erfahrung sagt mir, dass das durchaus der Wirklichkeit entspricht. Unter Jugendlichen kommt man oft auf dieses Thema zu sprechen.

Welche Zukunftspläne hast du?
Es ist alles noch ziemlich offen: Von Religionswissenschaft bis Journalismus ist alles möglich …