Aktuelle Nummer 13 | 2021
20. Juni 2021 bis 03. Juli 2021

Editorial

Luthermomente

Unter dem Titel «Luthermomente» haben junge Kunstschaffende in Worms eine Multimedia-Inszenierung an die Dreifaltigkeitskirche projiziert. Sie wollen dem Moment nachgehen, in dem Martin Luther den Mächtigen aus Kirche und Reich gegenübersteht, an seiner Überzeugung festhält und dabei sein Leben riskiert. Dieser Moment wird oft als Bild verwendet für die Emanzipation gegenüber Autorität und Tradition, als Bild für die Glaubens- und Gewissensfreiheit, als Bild für Zivilcourage, aber auch als Bild für Fanatismus bis zum Martyrium. Der Luthermoment ist schillernd und für unterschiedliche politische Ziele instrumentalisiert worden. 

In Worms werden verschiedene Persönlichkeiten projiziert und verglichen, die ähnliche Momente erlebt haben. Da ist beispielsweise Rosa Parks, die 1955 verhaftet worden ist, weil sie sich als Afroamerikanerin geweigert hat, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weissen zu räumen. Sie hat damit den Busboykott der schwarzen Bevölkerung in Montgomery, die Bürgerrechtsbewegung und 1965 die rechtliche Abschaffung der Apartheid in den USA ausgelöst. Da ist Carola Rackete, die 2019 als Schiffskapitänin verhaftet worden ist, weil sie trotz Verbot Flüchtlinge aus Seenot gerettet und mit ihnen in den italienischen Hafen Lampedusa eingefahren ist. Auch alle weiteren Beispiele zeigen, dass es den Menschen in solchen Luthermomenten nicht um persönliche Freiheiten oder Vorteile geht. Sie treten vielmehr für andere ein, für menschenwürdige Zustände, für das Gemeinwohl. Sie leisten dort Widerstand, wo Menschen benachteiligt, erniedrigt oder verfolgt werden. Zum Luthermoment gehört auch das Bewusstsein, dass vertretene Positionen nicht unfehlbar und Lösungen nicht einfach sind. Luthermomente wollen jedoch ernst genommen werden, wollen diskutiert und geprüft werden. Mit Argumenten und Gründen sollen sie bestätigt oder widerlegt werden. 

Es braucht die Einzelnen, die mit Zivilcourage auf das Unrecht aufmerksam machen, und es braucht die Gemeinschaft, die den konstruktiven Dialog und angemessene Lösungen sucht. Dann können sowohl Unrecht als auch Spaltungen vermieden oder überwunden werden.

Ich wünsche Ihnen Maitage mit liebevollen und wagemutigen Momenten.

Kuno Schmid