Aktuelle Nummer 13 | 2021
20. Juni 2021 bis 03. Juli 2021

Editorial

Der Geist und die Demokratie

Der frühere Chefredaktor von Radio Vatikan, der Jesuit Bernd Hagenkord, sagt, dass nicht nur das Gebet, sondern auch eine demokratisch geführte Debatte geistlich sein könne. Der Geist Gottes könne da ebenso wirken, wie bei einsamen Entscheiden eines Bischofs. «Es gibt kein theologisches Argument, das den Heiligen Geist für eine bestimmte Entscheidungsform reserviert.» Doch die Kirche hat sich im 19. Jahrhundert einseitig für eine monarchische Ordnung entschieden. Die geistliche Macht ist allein den Bischöfen und dem Papst zugeschrieben worden. Seither hat sie Mühe mit demokratischen Prozessen und dem Umgang mit der modernen Gesellschaft. Synodale Prozesse oder die Reflexion über die demokratische Mitbestimmung in unseren Kirchgemeinden zeigen Auswege aus dieser Sackgasse und öffnen den Blick auf das Wirken des Geistes neu. 

Umgekehrt gibt es auch Politikerinnen und Politiker, die Mühe haben mit der Kirche, wenn sie sich am demokratischen Diskurs beteiligt. Es gilt besonders dann, wenn sie es zugunsten der anderen Seite tut. Konservative Kreise finden, die Kirche müsse sich gegen die «Ehe für alle» einsetzen, finden aber das Engagement für Klimagerechtigkeit oder Armutsbekämpfung übertrieben. Fortschrittliche Kreise positionieren sich genau gegenteilig und verteidigen das Streben nach Gerechtigkeit und gleicher Würde für alle. Beide Seiten berufen sich auf den christlichen Glauben und in manchen Debatten wird spürbar, wie sehr der Geist Gottes das Nachdenken und das Ringen um Lösungen antreibt.  

Solche geistlichen Debatten hat auch der Ökumenische Kirchentag am Auffahrtswochenende in Frankfurt ermöglicht. Spitzenpolitikerinnen und Politiker der verschiedenen Parteien, Kirchenvertretungen aller Konfessionen sowie Fachleute und Aktivistinnen aus Verbänden und Interessengruppen haben ihre Standpunkte eingebracht und gemeinsam über die Zukunft gestritten. Selbst das Ringen um eine zukünftige gemeinsame Feier des Abendmahls ist trotz Intervention aus «Rom» nicht aufgegeben worden. Es ist ein digitales Lehrstück dafür, wie der Geist Gottes auch durch demokratische Debatten weht.   

Ich wünsche Ihnen frohe Pfingsttage, auch mit geistlichen Streitgesprächen.

Kuno Schmid