Aktuelle Nummer 13 | 2021
20. Juni 2021 bis 03. Juli 2021

Schwerpunkt

Wo die Sünde wuchert

von Reto Stampfli

Religion und Kriminalroman haben erstaunlicherweise eine ähnliche Struktur: In beiden Fällen bricht das Böse in die Welt ein, und in beiden Fällen treten Figuren auf, die dieses Böse zu bändigen versuchen. Das Obsiegen des Guten ist seit jeher eine religiöse Grundkonstante, jedoch auch das Versprechen in den meisten Krimis. 

«Der Herr gewähre es mir in seiner Gnade, ein klares Bild der Ereignisse zu entwerfen, die sich zugetragen in jener Abtei, deren Lage, ja selbst deren Name ich lieber verschweigen möchte aus Gründen der Pietät.» Mit diesen pathetischen Worten führt der einstige Benediktiner-Novize Adson von Melk in seine altersweise Berichterstattung schauriger Begebenheiten ein, die weltweit Millionen von Lesern gefesselt hat. Der italienische Semiotik-Professor Umberto Eco hat mit «Der Name der Rose» (1982) einen mittelalterlichen Kriminalroman geschaffen, an dessen Ende ein ganzes Kloster in Flammen aufgeht. Bei der Lektüre dieses Meisterwerks wird klar: Der Glaube kann bei der Suche nach der Wahrheit helfen. Manchmal aber schafft er selbst erst tödliche Probleme. Welche zerstörerischen, ja dämonischen Kräfte er freisetzen kann und welche mörderischen Auswirkungen religiöse Vorstellungen haben, wird in diesem Bestseller, der auch als Verfilmung ein Welt­erfolg wurde, offenkundig. Auch andere Autoren, wie Ellis Peters und Paul Harding, haben es Eco gleichgetan und in Klöstern mittelalterliche Verbrecherjagden inszeniert. In Margaret Frazers Kriminalromanen verfolgt als Novum eine Nonne die Spuren der Verbrecher und die römische Autorin Ben Pastor bringt es sogar fertig, dass ein deutscher Wehrmachtsoffizier einen Fall in einem Frauenkloster in Krakau löst («Der Tod der Äbtissin», 2006).  

Verbrecher oder Heilige
Krimis sind die meistverkauften Bücher und populärsten Filme in der Schweiz. So fiebern jeden Sonntag nicht weniger als sieben bis dreizehn Millionen Zuschauer aus dem deutschsprachigen Raum beim «Tatort» mit. Es erstaunt nicht, dass in der Kriminalliteratur regelmässig religiöse Inhalte auftauchen. Krimiautoren haben ein Faible für religiöse Fragen und Strömungen. Zwischen dem Kriminalroman und der Theologie bestehen vielfältige Verbindungen. In Krimis kommen auffallend häufig Geistliche vor, und das in unterschiedlichen Schattierungen. Als Urvater der klerikalen Verbrecherjäger kann Gilbert Keith Chestertons Pater Brown gelten; ein runder unauffälliger Priester, der in zahlreichen Fällen mit seelsorgerlicher Weisheit den Übeltätern auf die Schliche kommt. Der schlaue Landpfarrer glaubt an die klare Trennung von Gut und Böse, Sünde und Gnade, und bemüht sich, nicht nur rätselhafte Fälle zu entschlüsseln, sondern auch gleich die überführten Schwerverbrecher zu bekehren. In seiner Theologie hat jeder Mensch zwei Möglichkeiten: ein Verbrecher oder ein Heiliger zu werden; denn schon Paulus wusste: «Wo die Sünde wuchert, ist auch die Fülle der Gnade.» 

Die ambivalente Rolle der Religion 
Kriminalromane und -filme besitzen zweifellos eine kathartische Wirkung. Die Psychologin Elisabeth Müller-Luckmann meint dazu: «Kriminalromane werden nicht nur aus Unterhaltungsbedürfnis gelesen, sondern auch aus einem unbewussten Schuldgefühl. Es ist das Schuldgefühl der Etablierten gegenüber den Gestrandeten, Gestrauchelten.» Der Kriminalroman bietet unverdächtig eine Lektüre, die einen moralischen Prozess wachrufen kann. So hat eine Umfrage im Jahr 2016 ergeben, dass Tatort-Folgen, in denen am Schluss der Täter nicht überführt wird, bei den Zuschauern eine unruhige Nacht und anhaltendes Unbehagen auslösen kann. 

Bei modernen Kriminalgeschichten hingegen, die Kriminalität ausschliesslich als Teil der gesellschaftlichen Struktur darstellen, ist der Umgang mit dem Verbrechen eher soziologisch als metaphysisch bestimmt. Diese Romane hinterlassen kaum mehr ein Gefühl der Befreiung, weil in ihnen Recht und Gesetz nicht ausreichen, um die Schwachen zu schützen. Das Ermitteln ist in diesen Büchern keine feurige Mission mehr, sondern ein nüchterner Job. Der Unterschied von Täter und Opfer verwischt sich, ebenso von Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht.  

Hort der Sünde
Mit seiner bewegten Geschichte bietet der Vatikan einen optimalen Nährboden für Intrigen und Verbrechen; ein idealer «Hort der Sünde», der die Schriftstellerfantasien florieren lässt. So wie der protestantische Pfarrer und Schriftsteller Ulrich Knellwolf in seinem Erstling «Roma Termini» (1996) haben unzählige Autorinnen und Autoren das Zentrum der katholischen Kirche als den Schauplatz abwegigster Schandtaten gewählt. Der Amerikaner Dan Brown hat mit «Illuminati» (2003) einen wahren Boom ausgelöst. Sein Protagonist hetzt atemlos durch Rom, um im Wechselbad von Rationalität und Glauben, Wissenschaft und Kirche das Abendland zu retten. Eine wesentlich feinere Klinge führt der Altertumswissenschaftler Stefan von der Lahr. In seinem Werk «Das Grab der Jungfrau» (2015) bereitet sich die Ewige Stadt auf das Dritte Vatikanische Konzil vor. Als an einer renommierten Universität ein Papyrusfragment aus den ersten Tagen der Kirche in Ephesos entdeckt wird, scheint dir Kirche in ihren Grundfesten erschüttert zu werden; natürlich schlummert die Lösung in der Vatikanischen Bibliothek. In Jörg Kasters Krimi «Der Engelspapst» (2002) dreht sich hingegen alles um die Papstwahl.  

Glaube und Religion sind also doch nicht ganz aus den Köpfen der Menschen verschwunden, wie bei oberflächlicher Betrachtung die Kirchenaustrittszahlen suggerieren. So viel steht freilich fest: Wenn Geistliche plötzlich zu Protagonisten im Kriminalfall werden oder sich als Krimi-Schriftsteller entpuppen, dann bedeutet dies zweifellos eine Bereicherung des Kriminalromans um Themen, die selbst jene brennend interessieren, die mit der Kirche als Institution nichts mehr am Hut haben. 

Die Bibel als früher Krimi 
Religion und Kriminalliteratur sind eng miteinander verwoben. Spiegelt doch die unaufhörliche Verletzung der zehn Gebote, insbesondere des Gebots «Du sollst nicht töten» die Realität unserer Welt. Bekanntlich dauerte das Paradies nur bis zum dritten Kapitel der Genesis, dann kommt es zum Sündenfall, «dem Nukleus jedes Kriminalstoffes», wie der bereits erwähnte Ulrich Knellwolf hervorhebt. Für den Sündenfall freilich, mit dem die Menschwerdung erst richtig einsetzt und mit dem es, wie Knellwolf freimütig eingesteht, auf Erden erst richtig spannend wird, gibt es keine juristische Handhabung. Kaum sind Kain und Abel, die Söhne von Adam und Eva, erwachsen, geschieht das erste Kapitalverbrechen, das viele andere nach sich zieht. Das Alte Testament ist voll von derartigen Geschichten, von Geschichten über Liebe, Leidenschaft, Unglück, Versuchung, Strafe und Tod. Kurzum, das Verbrechen ist fast so alt wie die Menschheit und stirbt sicherlich erst mit ihr aus. Eine Schreibtischtäterin wie Agatha Christie erscheint in diesem Zusammenhang als harmlos, obwohl sie von sich behaupten konnte: «Seit Lucrezia Borgia bin ich die Frau, die am meisten Menschen umgebracht hat – allerdings mit der Schreibmaschine.»  

 

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Der Philosoph und Theologe Dr. Reto Stampfli ist Lehrer und Konrektor an der Kantonsschule Solothurn und Mitglied der «Kirchenblatt»-Redaktionskommission.