Aktuelle Nummer 13 | 2021
20. Juni 2021 bis 03. Juli 2021

Schwerpunkt

Der Kanton Solothurn und das Kloster Mariastein

Der Historiker und Theologe Urban Fink-Wagner ist Geschäftsführer der ­Inländischen Mission und stellvertretender Chefredaktor des Kirchenblattes.

von Urban Fink

Vor 50 Jahren – am 21. Juni 1971 – erhielt die Mönchsgemeinschaft von Mariastein ihr Kloster vom Solothurner Regierungsrat zurück. 1874 sagte eine aufgeputschte Mehrheit des (nur) männlichen ­Solothurner Stimmvolks Ja zur Aufhebung des Klosters Mariastein und der beiden Stifte ­Solothurn und Schönenwerd. Anstoss dazu gab der durch die radikale und zum Teil auch antiklerikale ­Solothurner Führungsschicht dominierte Kulturkampf. Aber schon seit der Gründung um 1200 ­erlebte das Kloster in Beinwil und Mariastein im Zusammenhang mit dem Stand Solothurn mehr als eine Überraschung und viele Abhängigkeiten, wie nachfolgend skizziert wird.

Das heutige Benediktinerkloster in Mariastein wurde um 1100 durch lokale Thiersteiner Adlige in Beinwil am Passwang gegründet. Das anfänglich blühende Kloster verarmte im 13. Jahrhundert und wurde zum Zankapfel zwischen Solothurn, Basel, dem Grafen von Thierstein als Schutzherrn und dem Bischof von Basel. 1445 brannte der österreichische Par­teigänger Peter von Mörsberg, ein erbitterter Gegner von Basel und der damaligen Eidgenossenschaft, das Kloster Beinwil nieder und führte den damaligen Abt in Gefangenschaft. 1464 nahm Solothurn die wenigen Mönche und die Eigenleute des Klosters in das Solothurner Bürgerrecht auf. 1519 ging auch die Schutzaufsicht über das Kloster nach dem Aussterben der Thiersteiner Grafen mit Hilfe Berns an Solothurn. Der Bischof von Basel, der immer auch seine Hand auf das Kloster legen wollte, wurde ausgeschaltet. Der letzte Beinwiler Abt, Ludwig Rapp (†1527), verpfändete aus wirtschaftlicher Not im gleichen Jahr die meisten Klostergüter an Solothurn. So war Solothurn nun die Möglichkeit gegeben, über das kaum mehr eigenständige Kloster Beinwil seine Landesherrschaft nördlich des Passwangs zu stärken. 

Verlegung nach Mariastein
Nach 1531 entschied die Solothurner Führungsschicht, katholisch zu bleiben. Im Kloster Beinwil – 1554 verstarb der letzte Beinwiler Mönch – setzte Solothurn meist solothurnische Weltgeistliche als Verwalter ein, ab 1589 auswärtige Mönche mit dem Ziel, das Kloster zu reaktivieren. Aber erst 1633 war die Mönchsgemeinschaft so stark, dass mit dem Stadtsolothurner Fintan Kieffer wieder ein Abt gewählt werden konnte. Bereits um 1620 tauchte im Kloster selbst und in Solothurn der Plan auf, das Kloster von Beinwil in den aufstrebenden Marienwallfahrtsort Oberdorf bei Solothurn zu verlegen, wofür Papst Gregor XV. 1621 seine Zustimmung gab. Der Basler Bischof aber war gegen diese Klosterverlegung in ein anderes Bistum, gehörte doch Oberdorf damals zum Bistum Lausanne. Sein Einfluss in Rom war so stark, dass das päpstliche Einverständnis für die Verlegung zurückgezogen wurde.

Bereits 1610 entsandte das Kloster Beinwil einen Mönch als Wallfahrtshelfer nach Mariastein. 1636 folgte ein zweiter Mönch für die Betreuung der Pfarrei im Stein mit Metzerlen und Hofstetten. 1648 übersiedelten sämtliche 13 Mönche nach Mariastein. Die Wallfahrtsbetreuung wurde nun ihre Haupttätigkeit. Solothurn war damit einverstanden. Kirche und Staat waren noch nicht getrennt und das Kloster war so ein wichtiger und hilfreicher Vorposten Solothurns im entlegenen Leimental. Es ist kein Zufall, dass die meisten Mariasteiner Äbte immer Solothurner Bürger waren und sind. Bis zum Franzoseneinmarsch 1798 verlief die Entwicklung des Klosters am neuen Ort nun ruhig und wirtschaftlich gefestigt. Im revolutionären Umbruch von 1798 aber wurde das Kloster aufgehoben, die Güter an einen Privatmann verkauft und die Mönche vertrieben. 1802 waren gegen eine Abfindungssumme die Rückkehr und die Reaktivierung des Klosters mit einer eigenen Schule wieder möglich.

Der Paukenschlag von 1874
Mit der liberalen Umwälzung von 1830 nahmen die Schwierigkeiten wieder zu. Die Novizenaufnahme wurde erschwert, das Klostervermögen inventarisiert und das Kloster im Gegensatz zu den Privatpersonen kantonal besteuert. Nach der Ausrufung der päpstlichen Unfehlbarkeit und des päpstlichen Jurisdiktionsprimats durch das Erste Vatikanische Konzil im Jahre 1870 stemmte sich die politische und wirtschaftliche freisinnige Elite des Kantons Solothurn geschlossen gegen diese Dogmen und förderte die Abspaltung der christkatholischen Kirche. Diese gelang in Olten, in Solothurn nur eingeschränkt und blieb auf der Landschaft weitgehend ohne Erfolg. Die römisch-katholischen Pfarrer wurden von der Regierung an die Kandare genommen und der Basler Bischof 1873 aus Solothurn vertrieben.

Der schwerste Schlag im Solothurner Kulturkampf aber war 1874 die Aufhebung des Klosters Mariastein und der Chorherrenstifte Solothurn und Schönenwerd, während die sehr populären Kapuziner ziemlich unbehelligt blieben. Die Aufhebungsbefürworter argumentierten, dass die Förderung von Wohlfahrt, Bildung und Religion nun anderweitig abgedeckt oder von diesen drei kirchlichen Institutionen nicht mehr befriedigend erbracht würden. Ausserdem wurden die Mariasteiner Mönche der politischen Agitation im Schwarzbubenland verdächtigt. Den Aufhebungsgegnern gelang es nicht, den Wert der traditionellen kirchlichen Institutionen herauszustellen. Während die Mehrheit der Solothurner Gemeinden südlich des Juras die Aufhebung befürworteten, votierten die meisten Gemeinden im Schwarzbubenland für das Kloster Mariastein, darunter auch viele freisinnige Katholiken. 

Wiedergutmachung
Die Klosteraufhebung war für die Mönche ein Schock und die Ausweisung bitter. Etwas gemässigt wurde dieser Schock durch die Bezahlung von Pensionen an die älteren Patres, durch die weiterhin garantierte und staatlich bezahlte Betreuung der Wallfahrt in Mariastein und der Klosterpfarreien durch Mariasteiner Mönche. Die ins Exil gezwungenen anderen Mönche erlebten via Delle, Dürrnberg und Bregenz eine eigentliche Odyssee, bis sie 1941 nach der Ausweisung durch die Nationalsozialisten in Bregenz sich als Asylanten im aufgehobenen eigenen Kloster niederlassen durften. Lukas Schenker schildert in seinem spannenden Buch «Exil und Rückkehr des Mariasteiner Konvents 1874–1981» eindrücklich, wie die Mönche im Exil in allen Schwierigkeiten das feste Ziel hatten, nach Mariastein zurückzukehren, um sich wieder der Wallfahrtsseelsorge widmen zu können. Ein Gutachten aus dem Jahre 1964 mit der Feststellung, dass das Kloster 1874 nur «reorganisiert», aber nicht aufgehoben worden sei, und eine erneute Volksabstimmung im Jahre 1970 ebneten den Weg zur Rückgabe des Klosters an die Mariasteiner Mönche. Am 21. Juni 1971 wurde dieses Ziel erreicht und das erlittene Unrecht aufgehoben. 

«Mariastein 2025»
Heute, 50 Jahre danach und im Gedenkjahr 2021, steht das Kloster vor neuen Herausforderungen. Die kleiner gewordene Mönchsgemeinschaft musste die 1906 bis 1981 geführte Mittelschule in Altdorf und die früheren Klosterpfarreien aufgeben.

Seit 2019 wird das Projekt «Mariastein 2025» für die langfristige Weiterentwicklung des Klosters und des Wallfahrtsortes Mariastein umgesetzt. Das ist nur mit Hilfe von aussen möglich und bedingt sicher auch eine gewisse Verzichtsplanung. So unterstützen das Bistum Basel, die Inländische Mission und die Kirchgemeinde Metzerlen-Maria­stein die neue Stelle «Assistenz Wallfahrt» für drei Jahre. Der Solothurner Kantonsrat beauftragte vor Kurzem den Regierungsrat, auch vom Kanton Solothurn her eine finanzielle Beteiligung zur Zukunftssicherung zu prüfen. Zusätzlich ist zweifellos auch die direkte Hilfe der Solothurner Bevölkerung nötig, damit das Kloster und die Wallfahrt in Mariastein in neuer Form eine gute Zukunft haben.