Aktuelle Nummer 13 | 2021
20. Juni 2021 bis 03. Juli 2021

Editorial

Herz und Kopf

Ob die Herzen uns zufliegen, zu zerreissen drohen oder in die Hosen fallen, immer stehen sie für starke Gefühle. Sie werden sprichwörtlich dem Kopf gegenübergestellt, den man nicht verlieren oder in den Sand stecken soll, der kühl und klar bei der Sache bleibt. Er steht für den Verstand, für das ­Denken. Herz und Kopf – ein Wechselspiel zur Gestaltung des Lebens, aber auch zur Bewältigung von Herausforderungen und Krisen. Diese Dimensionen prägen auch den religiösen Bereich. Es gibt einerseits erlebnishafte Liturgie- und Gebetsformen, die zu Herzen gehen, andererseits vernünftig geklärtes Glaubensverständnis. Beides gehört beim Christsein zusammen. 

Auch wenn die Herz-Jesu-Verehrung heute etwas aus der Zeit zu fallen scheint, so gehört sie doch zu diesem Wechselspiel. Ein Professor hat im Studium salopp gesagt, die Herz-Jesu-Frömmigkeit sei als Protestbewegung gegen die verkopfte Theologie entstanden. Während sich die Theologen seit der Zeit der Apostel darum bemühten, zu verstehen, wie Jesus gleich­zeitig Mensch und Gott sein könne und in welchem Bewusstsein er wohl gelebt habe, wollten einfache Gläubige schlicht auf die Person Jesus schauen, auf sein Dasein für andere, auf die Mitte seiner Botschaft. Heute würden wir wohl eher vom Leben Jesu sprechen, von seiner Haltung und Praxis. Die historisch-­kritische Bibellektüre hat den Blick auf Jesus von Nazareth neu geöffnet. Jesu Worte, seine offene Tischgemeinschaft und seine Hingabe bekommen Bedeutung und Gewicht, noch bevor dafür göttliche Begriffe bemüht werden müssen. Ein Meister seines Faches war der kürzlich verstorbene Neutestamentler Hermann-Josef Venetz. Er hat die biblischen Texte im Kontext ihrer Entstehungszeit erschlossen und mit den Fragen der heutigen Menschen verknüpft, konnte Herz und Kopf zusammenbringen und Konsequenzen für das Handeln aufzeigen. Vielen bleiben seine Kurse und Bücher dankbar in ­Erinnerung. Sie sind Ermutigung, um sich mit Verstand und Gemüt für eine gute Zukunft ­einzusetzen.

Ich wünsche Ihnen viel Freude an diesem Wechselspiel von Kopf und Herz.

Kuno Schmid