Aktuelle Nummer 19 | 2021
12. September 2021 bis 25. September 2021

Schwerpunkt

Beziehungsfragen

Claudia Armellino war von 1996 bis 2013 ­Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Marien ­Biberist. Seither arbeitet sie teilzeitlich als Betagtenseelsorgerin in Kriens und Luzern. Nebst der ­Tätigkeit im Verein für Ehe- und Lebensberatung ist sie unter anderem auch Vorstands­mitglied beim Solothurner Kirchenblatt.

Claudia Armellino im Gespräch mit Reto Schneiter, Leiter der Fachstelle Beziehungsfragen

Beratung für Paare, Familien und Einzelpersonen stehen im Zentrum der Aufgabe der ­Fachstelle ­Beziehungsfragen Kanton Solothurn. In ihrer Tätigkeit als Seelsorgerin war Claudia Armellino dankbar, in bestimmten Situationen Menschen auf diese Stelle aufmerksam machen zu können. Seit einiger Zeit begleitet sie die Aufgabe des Vereins als Mitglied des Vorstands. Im Gespräch mit dem Stellen­leiter Reto Schneiter möchte sie den Leserinnen und Lesern des Kirchen­blattes diese wertvolle Stelle näherbringen. 

Claudia Armellino: Reto, kannst du uns zunächst etwas über den Auftrag, die Trägerschaft, die geografische Ansiedlung des Vereins sagen?
Reto Schneiter: Der Verein für Ehe und Lebensberatung Kanton Solothurn ist Träger der vier Beratungsstellen unter dem Namen «Fachstelle Beziehungsfragen Kanton Solothurn» (FaBeSo). Der Verein ist ein ökumenisches Werk der öffentlich-rechtlich anerkannten Kantonalkirchen und privatrechtlich organisiert. Die Dienstleistungen werden  grosszügig durch die SIKO (Solothurnische interkonfessionelle Konferenz), die beteiligten Einwohnergemeinden und aus Erträgen diverser Dienstleistungen finanziert. 

Die Stellen bieten unabhängig von Zivilstand, Konfession und Nationalität Informationen und Beratungen in Beziehungsfragen an. Zudem sind wir in der Öffentlichkeitsarbeit und Prävention tätig, informieren im Bereich der Sexualaufklärung und beraten Frauen, Männer und Paare bei Fragen zur Familienplanung und Sexualität. 

Kannst du uns das Team und die Arbeitsweise in einigen Worten vorstellen?
Alle im Team (siehe Teamfoto) sind ausgebildete Sozialarbeiter/-innen oder haben ein Psychologiestudium abgeschlossen. Zwingend ist die Zusatzausbildung in systemischer Beratung und mehrjährige Berufserfahrung. Die Verschwiegenheit, Achtsamkeit, Ernsthaftigkeit unsererseits ist für unsere Klientel bedeutend. In Weiterbildungen, Supervisionen und internen Fachvorträgen reflektieren wir unsere Arbeit, bilden wir uns weiter und unterstützen uns gegenseitig. Wichtig ist auch, die Autonomie der Klienten/-innen zu respektieren. Durch Gespräche versuchen wir, ein auf die Situation und die Klienten/-innen zugeschnittenes Beratungsmodell zu finden, an dem wir aber nicht stur festhalten, sondern flexibel sind.

Eine Beratung suche ich, weil ich alleine nicht weiter weiss. ­Besteht da nicht die Gefahr, dass aus dem Bedürfnis nach Unterstützung eine Abhängigkeit ­entsteht?
Ratsuchende kommen zu uns, wenn sie das Gefühl haben, die leidvolle Situation nicht mehr selber verändern zu können. Sie sind oft verletzt, enttäuscht, entmutigt, haben vieles schon versucht. Wenn jemand mit unserer Unterstützung einen Weg aus einer schwierigen Situation gefunden hat, kommt es vor, dass Gespräche in grösseren Abständen vereinbart werden, um zu reflektieren und allfällige Schwierigkeiten frühzeitig anzugehen. Eine Abhängigkeit habe ich in dem Sinne nie festgestellt. Die Ratsuchenden definieren den Weg, den sie mit uns gehen wollen. Wir sind allparteilich / neutral und wir werten und urteilen nicht. 

Klienten/-innen sind eingebunden in ein Beziehungsnetz, kommen aus unterschiedlichen Kulturen, sind geprägt von ganz verschiedenen Traditionen. Diese Tat­sache ist bestimmt oft herausfordernd. 
Wir halten immer das ganze Umfeld im Auge. Manchmal ist es hilfreich, wenn an der Situation Beteiligte mit in die Beratung kommen. Es gibt Situationen, in denen die Herkunft und die Traditionen eine wichtige Rolle spielen. Herausfordernd sind Situationen, in denen z. B. eine Person aus dem Paar- oder Familiensystem konsequent auf ihrer Meinung und Verhaltensweisen beharrt und keinen Zentimeter davon abweicht. Oft hören wir: «Ich bin halt so, ich kann nicht anders.» Meist heisst das, «ich will nicht anders». Das sind Herausforderungen, bei denen wir die Leidtragenden ermutigen und bekräftigen, ihren Weg weiterzugehen. 
Widerstände bei Mitbeteiligten entstehen oft, weil Gewohntes, eigene Haltungen hinterfragt werden. Das ist herausfordernd, aber auch eine Chance. 

Menschen, die in eine Beratung kommen, sind bereit, sich zu öffnen, Ohnmacht und Verletzlichkeit nicht zu verbergen. Das benötigt sicher ganz viel Sensibilität und Fingerspitzengefühl. Ich habe den Satz im Ohr «Ratschläge sind Schläge».
In der Beratung können wir die Ratsuchenden ermutigen, eine Idee, die sie haben, weiterzuverfolgen oder einmal ganz andere Verhaltensweisen zu üben. Ratschläge im eigentlichen Sinn geben wir keine. Wie oben geschildert, kommen die Ratsuchenden meist in einer leidvollen Phase ihres Lebens. Da braucht es sehr viel Einfühlungsvermögen und Wertschätzung, auch dafür, dass sie den Schritt hierher gemacht haben. Es braucht Mut, sich einer fremden Person in einer höchst emotionalen, instabilen Phase anzuvertrauen. 

Es gibt Situationen, in denen wir unsere Haltung klar benennen müssen und wollen. Das gilt vor allem bei jeder Art von Gewalt und bei Androhung derselben, vor allem wenn Kinder darunter leiden. In einem Konflikt muss z. B. den Eltern klar sein, dass die Kinder vor dem Konflikt verschont bleiben müssen. Kinder sollen spüren, dass sie bedingungslos von beiden Eltern geliebt werden und sie keine Verantwortung für das tragen, was das Zusammenleben zwischen Vater und Mutter so schwierig macht. 

Reto, kannst du uns an einem Beispiel deine Erläuterungen konkretisieren?
Einer von vielen wichtigen Aspekten in der Arbeit ist die positive Umdeutung von Aussagen oder Verhaltensweisen. Ein Beispiel: Ein Mann beklagt sich, seine Frau könne sich beim Kleiderkaufen nie entscheiden, er verzweifle, weil sie zu viel Zeit benötige. Hier könnte erwidert werden: «Da können sie stolz auf sich sein. Ihre Frau prüft Qualität und schaut genau hin, bevor sie entscheidet. Und diese Frau hat genau Sie ausgewählt. Das ist doch toll!» 

In konflikthaften Beratungsgesprächen geht es meist auch darum, dass die Parteien einander zuhören und auf das Gesagte eingehen. Es geht nicht darum, dass jemand «Recht hat», sondern darum, verstehen zu wollen, wie die andere Person zu dieser Haltung, diesem Schluss kommt. Eindrücklich ist, wie Ratsuchende selber einen Weg erkennen, aber festgefahrene Gewohnheiten, Mechanismen sie daran hindern.

Seit vielen Jahren ist euer Team professionell engagiert. Wie gelingt es, sich einerseits nicht erdrücken zu lassen von den vielen Problemen, die an euch herangetragen werden, andererseits nicht in eine distanzierte Routine zu verfallen?
Alle haben unterschiedliche Methoden, sich auszubalancieren und Energie zu tanken. Wir haben diesen Beruf gewählt, weil wir gerne mit Menschen arbeiten. So lange uns die Menschen und ihre Geschichten berühren, so lange machen wir unsere Arbeit gerne und ich denke, auch gut. Generell kann man festhalten: um diese Arbeit machen zu können, muss man die Menschen «gern haben», nicht mit ihnen leiden, aber mitfühlen.

Reto, herzlichen Dank für das Interview!  

Kontakte & Standorte 

Solothurn 032 622 44 33­ ­solothurn@fabeso.ch
Olten 062 212 61 61 olten@fabeso.ch
Grenchen 032 652 19 22 grenchen@fabeso.ch
Breitenbach 061 781 34 49 breitenbach@fabeso.ch

Trägerschaft

Verein für Ehe- und Lebens­beratung Kanton Solothurn
Präsident Ruedi Köhli ruedi.koehli@fabeso.ch
Vizepräsident Urs Umbricht 
Vorstand Claudia Armellino,  Réne Meier

Informationen

www.fabeso.ch
Fallbeispiele unter 
www.fabeso.ch/Jahresberichte