Aktuelle Nummer 19 | 2021
12. September 2021 bis 25. September 2021

Schwerpunkt

Helvetia predigt!

von Kuno Schmid

Der Katholische Frauenbund Solothurn wollte eigentlich das 100 Jahr-Jubiläum feiern. ­Aufgrund der Covid-19-Pandemie musste der verschobene Festanlass in Mariastein endgültig abgesagt werden. Aber bereits steht ein weiterer Anlass an. Vor 50 Jahren wurde in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt. Mit der Aktion «Helvetia predigt!» soll sichtbar ­gemacht werden, welche tragende Rolle die Frauen in der Kirche spielen, auch wenn sie hier noch keine vollständige Gleichberechtigung erlangt haben. 

Schwieriger Weg zum Frauenstimmrecht
In Deutschland und Österreich wurde das Frauenstimmrecht 1918 eingeführt. Die anderen europäischen Staaten folgten danach. Auch in der Schweiz forderten immer mehr Frauen die gleichen staatsbürgerlichen Rechte wie die Männer, vorerst ohne Erfolg. Konservative und kirchliche Kreise vertraten ein Rollenverständnis, das den Frauen keinen Platz in der politischen Öffentlichkeit zugestand. Sie stellten sich auch gegen die Frauenberufstätigkeit und insbesondere gegen das Doppelverdienertum. Selbst als Papst Pius XII. 1945 die italienischen Frauen an die Wahlurnen rief, um eine linke Mehrheit in Italien zu verhindern, sperrte der damalige Basler Bischof Franziskus von Streng die Veröffentlichung der päpstlichen Botschaft in Zeitschriften der katholischen Frauenorganisationen. Er provozierte damit einen ersten Konflikt mit dem Katholischen Frauenbund. Unter der Präsidentin Elisabeth Bluntschy-Steiner, der späteren ersten Frau als Nationalratspräsidentin, engagierte sich der Verband gegen den Bischof und für die Einführung des Frauenstimmrechts. Im Urnengang 1959 lehnte jedoch eine Zwei­drittelmehrheit der stimmenden Männer das Anliegen deutlich ab.  

Neuer Wind dank dem Konzil
1962 löste eine Eingabe ans II. Vatikanische Konzil zur Einführung des Frauenpriestertums selbst unter den katholischen Frauen heftige Kontroversen aus. Das Konzil trat zwar nicht darauf ein; der Geist des Konzils bewirkte aber insgesamt eine Öffnung der gesellschaftlichen Positionen, drängte den Einfluss des konservativen Klerus zurück und ermöglichte neue Diskussionen über die Rolle der Frauen. 1971 wurde dann die Verfassungsänderung auf eidgenössischer (Februar) und kantonaler Ebene (Juni) angenommen. Selbst die Mehrheit der katholischen Männer stimmte dem Frauenstimmrecht zu. 

In den Schweizer Diözesen wurden seither viele kirchliche Dienste und Aufgaben für Frauen geöffnet. Frauen gestalten Gottesdienste, besuchen Kranke, organisieren das Pfarreileben, erteilen Religionsunterricht. Der heutige Basler Bischof, Felix Gmür, freut sich darüber, dass Frauen predigen und Verantwortung übernehmen, denn ohne Frauen im hauptamtlichen kirchlichen Dienst käme die Seelsorge zum Erliegen. 

Frauen melden sich zu Wort 
Weltweit halten zahlreiche konservative Katholiken und einflussreiche Kleriker an einer eigenen sogenannten «naturrechtlichen» Geschlechterideologie fest. Diese versucht die früheren Rollenbilder festzuschreiben, lehnt die Gleichberechtigung der Frauen ab und will nur schon die Diskussion über das Frauenpriestertum verhindern. Alle Vollmachten sollen in den Händen der geweihten Männer bleiben. Deshalb ist es wichtig und nötig, hier in der Schweiz den Frauen den Rücken zu stärken und ihnen eine Stimme zu geben. Der Nationalfeiertag fällt zum Jubiläum 50 Jahre Frauenstimmrecht auf einen Sonntag. Die Frauenverbände haben sich in ökumenischer Verbundenheit zusammengetan und wollen sich dafür einsetzen, dass unter dem Motto «Helvetia predigt!» am 1. August Frauen zu Wort kommen, hoffentlich auch in zahlreichen Solothurner Kirchen.  

Voranzeige

Katholischer Frauenbund ­Solothurn

50 JAHRE ­FRAUENSTIMMRECHT 

Dienstagabend, 14. September 2021, ab 18 Uhr, Kantonsratssaal Solothurn

Offene Veranstaltung mit Alt-Regierungsrätin Cornelia Füeg, Olten

www.frauenbund-so.ch 

«Feminismus und Gläubigkeit schliessen sich nicht aus»

Céline Hoog interviewt Beatrice Kaiser, Solothurn.

1971 stand Beatrice Kaiser umgeben von Frauen im Entrée des Spitals, in welchem sie damals als Krankenschwester arbeitete. In der Hand hielt sie ein Stück Papier, welches sie stolz in die damals eigens dafür aufgebaute Urne warf. Es war ihre erste Volksabstimmung. 1971 war der Andrang der Frauen auf die erste Volksabstimmung so gross, dass die Arbeitgeber die Frauen eigens am Arbeitsplatz abstimmen liessen. Nun sind seit der Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts auf eidgenössischer Ebene 50 Jahre vergangen und Beatrice Kaiser, langjähriges Mitglied der Frauengemeinschaft St. Ursen Solothurn, hat seither fast keine Abstimmung verpasst. Warum Emanzipation und Gleichberechtigung auch heute noch wichtig sind, hat uns die Solothurnerin im Interview erzählt.  

Céline Hoog: Frau Kaiser, wie haben Sie sich damals gefühlt, als das Frauenstimmrecht 1971 vom Volk angenommen wurde?
Beatrice Kaiser: Bei der Abstimmung 1971 hatte ich fest mit der Annahme des Frauenstimmrechts gerechnet, immerhin gab es bereits seit Jahren Forderungen und Bestrebungen um dessen Einführung. Nichtsdestotrotz war es ein wichtiger Tag und die Einführung des Frauenstimmrechts war mir ein grosses Anliegen. Ich habe eine emanzipierte Grundeinstellung, die mir bereits von meiner Mutter mitgegeben wurde. Zur Zeit der Einführung des Frauenstimmrechts hatte ich bereits zehn Jahre als Kranken- und OP-Schwester gearbeitet. In meinem Beruf habe ich viel Verantwortung übernommen und mich um das Leben und die Gesundheit anderer Menschen gekümmert. Als Bürgerin bin ich meinen staatlichen Pflichten nachgekommen und als Mutter habe ich zwei Kinder grossgezogen. Dass ich mich hingegen zu politischen Fragen nicht äussern durfte, nur weil ich eine Frau bin, erschien mir ungerecht und absurd.

Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, in der die Rollenverteilung noch relativ klar geregelt war. Wie haben Sie das erlebt?
Da mir das Gleichberechtigungsdenken bereits von zu Hause aus mitgegeben wurde, war es für mich selbstverständlich, emanzipiert zu denken und zu handeln. Allerdings war doch auch einiges schwieriger durch die damals vorgegebenen Strukturen. Auch als meine Kinder zur Welt kamen, wollte ich nach wie vor in meinem Beruf tätig bleiben. Dies hat viele verwundert: Warum arbeitet eine Frau, die nicht geschieden ist, freiwillig? Da es damals noch keine KITA oder anderweitige Unterstützung gab, war dies nicht immer einfach.

Lange Zeit waren Sie Mitglied in der Frauengemeinschaft St. Ursen Solothurn. Wie kamen Sie zum Frauenverein?
Nach meiner Pension war es mir wichtig, mich in der Gesellschaft zu engagieren. Die Frauengemeinschaft bot mir dazu die ­ideale Gelegenheit. Die Gemeinschaft und der soziale Austausch mit anderen Frauen haben mich bereichert, aber vor allem hat die ­Gemeinschaft auch wichtige Projekte und ­Aufgaben in der und für die Kirche wahrgenommen.

Wo sehen Sie die Stellung der Frau in der Kirche heute?
Mich inspirieren emanzipierte und geistreiche Frauen in der Kirche – Feminismus und Gläubigkeit schliessen sich nicht aus. Ich bewundere das Engagement, das Frauen auch in der Kirche einbringen. Sie leisten einen wichtigen Beitrag.

50 Jahre ist es her, seit das Frauenstimmrecht eingeführt wurde. Wie sehen Sie die Gleichberechtigungsfrage mit Blick auf die Zukunft?
Ich würde mir wünschen, dass wir als Menschen mehr Verantwortung und Engagement für die Gesellschaft zeigen. Im Feminismus geht es nicht darum, egoistisch zu denken, sondern Rechte und Pflichten gemeinsam und gleichberechtigt wahrzunehmen.