Aktuelle Nummer 19 | 2021
12. September 2021 bis 25. September 2021

Editorial

Leben auf Pump

Haben Sie auch in den Ferien bereits den ganzen Jahreslohn bis Ende 2021 ausgegeben? Hoffentlich nicht, wovon sollten Sie sonst in den kommenden Monaten leben? Aber bezogen auf den Haushalt der Erde haben wir das eben wieder getan. Am 29. Juli 2021 war Earth Overshoot Day, Überschreitungstag. Seit Jahresbeginn bis zu diesem Tag sind so viele Ressourcen verbraucht worden, wie im ganzen Jahr nachwachsen und regenerieren können. Seit dem 29. Juli lebt die Welt auf Pump. Wir verbrauchen Energie, Rohstoffe und Nahrungs­mittel auf Kosten der kommenden Generationen. Das widerspricht jeglicher Vernunft und ist nicht nachhaltig. 

Der Nachhaltigkeitsgedanke stammt aus der Forstwirtschaft. Damit der Wald erhalten bleibt und seine Schutzfunktion gegen Bodenerosion, Steinschlag oder Lawinen erfüllen kann, darf nur so viel Holz geschlagen werden, wie im gleichen Zeitraum wieder nachwachsen kann. Eigentlich logisch. In der Schweiz ist das Ressourcenbudget 2021 jedoch bereits am 11. Mai aufgebraucht worden. Trotzdem gibt es kaum Empörung gegenüber dieser Schuldenwirtschaft. Selbst der erschütternde Bericht des UN-Klimarats, der die katastrophalen Auswirkungen der Erderwärmung als noch drastischer einschätzt als bisher angenommen, scheint nur wenige vom Sockel zu hauen. 

Warum diese Gleichgültigkeit? Sind die Menschen erstarrt vor der Bedrohung und handlungsunfähig, wie der Frosch vor der Schlange? Oder ist der Problem­horizont zu weit und zu gross, denn zuerst beschäftigen uns naheliegendere Fragen: Können wir uns wie bisher mit Konsumgütern versorgen, laufen die Geschäfte weiterhin erfolgreich, können wir uns unsere Wünsche noch erfüllen? Da fallen uns zusätzliche ökologische Haushaltsdiskussionen schwer. Aber es braucht sie, denn es geht um die Zukunft der Erde, um das Recht auf Leben aller, auch der zukünftigen Generationen, und um das Nachdenken darüber, was wir zutiefst zum Leben wirklich brauchen. Da hätten Christinnen und Christen einiges dazu beizutragen. 

Ich wünsche Ihnen, einen nachhaltigen Lebensstil auch als Chance entdecken zu können. 

Kuno Schmid