Aktuelle Nummer 19 | 2021
12. September 2021 bis 25. September 2021

Schwerpunkt

Tag der Schöpfung – SchöpfungsZeit

von Kuno Schmid

Am 1. September wird der Tag der Schöpfung gefeiert. Alle Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen begehen anschliessend die «SchöpfungsZeit» bis zum 4. Oktober, dem Gedenktag des Heiligen Franziskus von Assisi. Für Papst Franziskus ist die Schöpfung das Beziehungsganze von Ökologie und Gesellschaft, von Mensch und Natur, das dem Schöpfer gegenübersteht. ­Beziehungsstörungen in diesem Ganzen sind für ihn die Wurzeln der öko-sozialen Krise, die sich in Ungerechtigkeit und Klimawandel zeigen. Gefordert ist deshalb Umkehr, ein Wandel des Lebensstils. Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen thematisiert jedes Jahr einen Teilaspekt dieses ­Beziehungsganzen. 2021 ist es die Beziehung zum Wasser. 

Wasser
Wasser hat eine unheimliche Kraft. Überschwemmungen und Hochwasser haben seine bedrohliche und zerstörerische Seite in diesem Sommer eindrücklich gezeigt. Wasser tritt aber auch beschaulich und lebensspendend auf. In unterschiedlicher Weise durchdringt es die Welt. Als salziges Meerwasser bedeckt es den grössten Teil der Erdoberfläche. Viele Lebewesen sind jedoch auf das trinkbare Wasser aus Quellen und Grundwasserströmen, aus Bächen, Flüssen und Seen angewiesen. Wasser ist in Dampf und Wolken ebenso gebunden wie in Eis und Schnee. Selbst unser menschlicher Körper besteht zu rund siebzig Prozent aus Wasser. Wer trinkt, verbindet äusseres Wasser mit innerem Wasser. Im Wasser ist alles mit allem verbunden. Bei jedem Schluck Wasser lässt sich darüber nachdenken, welchen Weg dieses Wasser schon zurückgelegt hat im universalen Wasserkreislauf, durch welche Landschaften und Organismen es geflossen ist. Ohne Wasser gibt es kein Leben. Durst, Dürre und Verunreinigungen machen dies deutlich.  

Sauberes Wasser – ein Menschenrecht 
In seiner sozialethischen Enzyklika «Laudato si» thematisiert Papst Franziskus die Wasserfrage bereits im ersten Kapitel. (Laudato si 27ff). «Wasser» ist ein Beispiel dafür, wie ökologische und soziale Probleme ineinander greifen und oft gemeinsame Ursachen haben. Wenn Gewässer durch den Gebrauch von Reinigungsmitteln, durch Rohstoffabbau oder durch industrielles Abwasser verunreinigt werden, sterben Tiere und Pflanzen und der natürliche Lebensraum wird zerstört. Gleichzeitig erkranken aber auch die Menschen, vor allem die sozial Schwächeren, die ihr Trink- und Gebrauchswasser an öffentlichen Wasserstellen holen müssen und nicht einfach zu Hause den Hahnen öffnen können. Sauberes Trinkwasser wird zu einem knappen Gut, insbesondere in dicht bebauten Siedlungen. Doch selbst in der wasserreichen Schweiz könnte Trinkwasser knapp werden, wenn immer grössere Mengen durch Schadstoffe verunreinigt werden. Noch können wir Wasser im Überfluss verwenden und verschwenden. Wir spülen damit jegliche Verunreinigung hinunter. Dabei geht das Bewusstsein verloren, dass Trinkwasser eine knappe Ressource ist. Manche Wasserquellen sind in Privatbesitz und vielerorts wird die Wasserversorgung kommerzialisiert. Wenn Wasser zu einem käuflichen Konsumgut wird, drohen die Armen vom Wassergebrauch noch mehr ausgegrenzt zu werden. Franziskus argumentiert, dass der Zugang zu sauberem Wasser, das man zum Trinken und für die Hygiene braucht, ein fundamentales Grundrecht für alle Menschen sei. Wasser könne nicht einfach zum Privatbesitz werden. Auch wenn das private Eigentum grundsätzlich respektiert werde, muss es sich doch dem Gemeinwohl unterordnen. Am Beispiel Wasser zeigt er, wie der Verlust des Sinns für das Gemeinwohl, wie unbegrenztes Macht- und Gewinnstreben sowie die alleinige Orientierung an technischem Fortschritt und wirtschaftlichem Marktdenken zu Ursachen der gegenwärtigen öko-sozialen Krise werden. 

Klimawandel und Generationensolidarität
Durch die globale Erwärmung entsteht eine alarmierende Dynamik im Wasserkreislauf. Starkregen und Stürme bei den einen, Hitze­wellen und Dürre bei den anderen. Mit dem raschen Abschmelzen der Gletscher gehen grosse Trinkwasservorräte verloren. Gleichzeitig steigt dadurch der Meeresspiegel und bedroht Siedlungen und Kulturen in Küstengebieten. Die Kirchen haben in ihren Stellungnahmen zum Klimawandel deshalb grosses Verständnis für die Forderungen der Klimajugend. Der Aufbau der Zukunft ist nur möglich, wenn die weltweite Umweltkrise und die Probleme der sozialen ­Benachteiligungen angegangen werden. Grosse Beachtung kam dem Urteil des deutschen Verfassungsgerichts in Karlsruhe zu. Es rügte die deutsche Regierung für die viel zu zögerliche Klimapolitik und gab der Klage der Klimajugend teilweise recht, dass ohne konsequente Massnahmen zum Klimaschutz die verfassungsrechtlichen Grundrechte der zukünftigen Generationen gefährdet werden. Papst Franziskus erörtert diese Verantwortung für die zukünftigen Generationen unter dem Titel «Generationsübergreifende Gerechtigkeit» (Laudato si 159). Er stellt die Generationensolidarität in das öko-soziale Beziehungsganze der Schöpfung und beschreibt sie als einen Teil des Gemeinwohls: «Wir reden hier nicht von einer optionalen Haltung, sondern von einer grundlegenden Frage der Gerechtigkeit, da die Erde, die wir empfangen haben, auch jenen gehört, die nach uns kommen.» 

Religiöse Dimension
Das Wasser spielt in allen grossen religiösen Traditionen eine wichtige Rolle. Oft wird es für Reinigungsrituale gebraucht. Wie im Alltag Schmutz und Unrat mit Wasser heruntergespült wird und wir uns mit Wasser sauber machen, so soll das Wasser auch die innere Verunreinigung und alle Schuld symbolisch abwaschen. Für Musliminnen und Muslime gehört die rituelle Waschung deshalb zu jedem Gebet. Im katholischen Christentum blieb dieses Wasserritual im Bekreuzigen mit Weihwasser erhalten. Das Kreuzzeichen erinnert gleichzeitig an die Taufe, in der das Taufkind sakramental durch das Wasser in die Gemeinschaft mit Gott aufgenommen wird. Im Übergiessen zeigt sich die bedrohliche Seite des Wassers, wie sie in zahlreichen Geschichten seit der urzeitlichen «Sintflut» zu den Erfahrungen der Menschen gehören. Gleichzeitig ist das Wasser das Symbol für die Quelle und Kraft des Lebens. Im Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen erläutert Jesus, wie dieses reale Wasser, das den Durst löscht, zum Wasser des Lebens wird, das aus dem Inneren sprudelt, und im übertragenen Sinne den Durst nach existenzieller Sinnhaftigkeit löschen kann. Deshalb wählten die Kirchen das Motto «Damit Ströme lebendigen Wassers fliessen». Das von Jesus zugesagte Wasser des Glaubens soll die Verantwortung wecken für das lebensnotwendige Wasser, das es zu bewahren, lebensfördernd zu bändigen und nicht zu verschwenden gilt. Die gemeinsame Eröffnung des diesjährigen Schöpfungsmonats findet deshalb symbolstark am 4. September auf dem Bodensee statt und wird von den Arbeitsgemeinschaften christlicher Kirchen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz gemeinsam gestaltet.  

oeku Kirchen für die Umwelt 

Pfarreien, Kirchgemeinden und kirchliche Organisationen bilden das Netzwerk «oeku Kirchen für die Umwelt». Mit zahlreichen Projekten fördert «oeku Kirchen für die Umwelt» die Schöpfungsspiritualität, die Biodiversität in kirchlichen Anlagen, ein klimagerechtes Handeln, ökologische Energiekonzepte für kirchliche Gebäude und die Verantwortung für die Umwelt überhaupt. Am bekanntesten ist das Umweltzertifikat «Grüner Güggel», welches das Umweltmanagement von Kirchgemeinden und Pfarreien auszeichnet. 2015 erschien zudem das Umwelthandbuch für Kirchgemeinden «Es werde grün». Zum Schöpfungsmonat werden vielfältige Unterlagen zur Verfügung gestellt. Alle Aktivitäten und Hilfsmittel sind auf der neu konzipierten Website ersichtlich. www.oeku.ch