Aktuelle Nummer 19 | 2021
12. September 2021 bis 25. September 2021

Editorial

Erwachsene Christen

«Jetzt wird doch endlich einmal erwachsen!» Diese Aufforderung hören Heranwachsende regelmässig. Der Übergang von der Kindheit und Jugend ins Erwachsenenalter ist nicht einfach und bietet zahlreiche Hürden. Ganz ähnlich klingt es auch in der Kirche. So fordert zum Beispiel der evangelische Theologe Jürgen Moltmann: «Die Christen müssen ihre Pubertät überwinden und reif und weise werden.» Einen Vorgänger in diesem provokativen Anspruch findet er im dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, der in seinen Schriften von einem «erwachsen gewordenen Christentum» spricht und damit – was kaum erstaunt – in einen massiven Konflikt mit der Amtskirche geriet. Für Kierkegaard darf Jesus nicht nur eine historische Figur bleiben, für ihn begegnet uns in Christus eine überzeitliche Wirklichkeit, die deshalb niemals Vergangenheit und Geschichte werden kann. Oder mit den Worten des Kierkegaard-Verehrers Dietrich Bonhoeffer auf den Punkt gebracht: «Aus dem Glauben heraus für diese Welt leben», denn «Christus ist für die Welt gestorben, und nur mitten in der Welt ist Christus Christus, sonst wäre alles verdorben, wollte man Christus für die Kirche aufbewahren.» 

Søren Kierkegaard macht uns, wie viele seiner Berufsgenossinnen und -genossen, die Lektüre seines umfangreichen Werks nicht einfach. Eine Begegnung mit ihm ist stets eine Herausforderung, bietet jedoch auch eine erfrischende Anregung, das bezeugen der Hauptartikel und die Jugendseite dieser Kirchenblatt-Ausgabe. Doch was ist nun eigentlich ein «erwachsener» Christ? Ist es jemand, der eine grosse Kenntnis der Bibel besitzt? Oder ein Christ, zu dem andere emporblicken? In beiden Fällen zeigt sich eine oberflächliche Betrachtungsweise dessen, was wahres Wachstum im Glauben ist. Das Erste und Wichtigste im Glaubensleben ist und bleibt, nahe bei Jesus zu leben und ihn und sein Werk mehr und mehr kennenzulernen. Erst das Kennen kann dann zum richtigen Bekennen führen. Der im Glauben aufrechte Mensch ist für Kierkegaard auch ein glücklicher Mensch. Denn er akzeptiert es, genauso, wie er ist, von Gott geschaffen worden zu sein: «Wenn man es recht verstehen will, so hat eigentlich ein jeder Mensch, der sich in Wahrheit zu Gott verhalten und mit ihm verkehren will, nur eine einzige Aufgabe, und zwar die, immer froh zu sein.»

In dem Sinn wünsche ich Ihnen eine frohe Woche. 

Reto Stampfli