Aktuelle Nummer 19 | 2021
12. September 2021 bis 25. September 2021

Jugend

Was bedeutet Verzweiflung?

von Céline Hoog

Zeit seines Lebens gab es für den bekannten dänischen Philosophen Søren Kierkegaard eine zentrale Frage: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Man könnte durchaus auch fragen: Wie soll ein Mensch in der Welt leben? Und wie kann ein Mensch Versprechen halten und gesellschaftliche Verpflichtungen wahrnehmen, ohne sich selbst als Mensch untreu zu werden?

Kierkegaard war nicht der Erste, der sich diese Fragen stellte. Aber die Art und Weise, wie er an diese Fragen heranging, unterscheidet ihn wesentlich von anderen Philosophen. Während seine Vorgänger und Zeitgenossen versuchten, eine universelle Antwort auf philosophische Fragen zu finden, war Kierkegaard der Meinung, dass eine Antwort auf existenzielle Fragen nicht gewusst werden kann, sondern gelebt werden muss. Das einzigartige menschliche Drama besteht darin, dass wir uns nicht von unserem eigenen Leben loslösen können, um es zu betrachten und uns einig über dessen Sinn zu werden. Stattdessen müssen wir durch Handeln zum Menschen werden, ohne dabei immer Gewissheit zu haben, was richtig und was falsch ist. 

Dieser Prozess ist nicht einfach und führt mitunter dazu, dass wir ambivalente Gefühle haben, die sich in einem Akt gründen, der – so Kierkegaard – zutiefst menschlich ist: die Verzweiflung. 

Was bedeutet es, zu verzweifeln?
Verzweiflung ist kein Scheitern. Es ist zunächst eine Gespaltenheit zwischen dem Selbst in der Welt und dem Selbst im eigenen Geist. Verzweiflung bedeutet, dass unser Handeln und unser Leben nicht im Einklang stehen mit dem, was wir als Bestimmung für unser Selbst sehen. Gespaltenheit wiederum führt zu Unzufriedenheit. Auf der anderen Seite ist Verzweiflung gerade deshalb menschlich, weil sie ein Teil des Prozesses zum Menschsein ist. Verzweiflung – sobald sie als solche anerkannt wird – ist ein fruchtbarer Boden, auf dem Neues gedeihen kann. Wenn wir unsere eigene Gespaltenheit wahrnehmen und als solche erkennen, können wir durch Reflexion zu unserem wahren Selbst finden. Angst, Verwirrung und Verzweiflung sind Extreme auf einem Spektrum, die zum Leben gehören, ebenso wie Freude und Glück. Zufriedenheit bedeutet insofern nicht nur Lustempfinden, sondern Einheit mit dem eigenen Selbst, zu dem auch Angst und Verwirrung gehören.

Was bedeutet dies nun für die Frage nach dem Menschsein?
Für Kierkegaard sind menschliche Beziehung nie starr. Es gibt keine absolute Wahrheit, die erkannt werden kann und das Leben vollständig und abschliessend definiert. Ebenso sei es nicht Aufgabe des Glaubens, Leiden zu erklären, sondern zu zeigen, wie man damit leben kann. Wahre Erkenntnis in Bezug auf menschliche Beziehungen kann für Kierkegaard nur gelebt werden. Dazu gehört, dass wir menschliche Beziehungen immer wieder neu hinterfragen und gestalten. Für Kierkegaard war das Entscheidende der Prozess der Wiederholung: Wer immer wieder aufs Neue versucht zu handeln, kann sich selber in der Welt finden. Die Philosophin Clare Carlisle verglich dieses Verständnis mit folgendem Bild: Die Leichtigkeit einer Baletttänzerin kommt erst durch viele Stunden harten Trainings.