Aktuelle Nummer 19 | 2021
12. September 2021 bis 25. September 2021

Schwerpunkt

Ganz in der Nähe

Weltweit gibt es faszinierende Orte, die durch ihre Ausstrahlung und Schönheit Menschen in ihren Bann ziehen. Sie sind das Ziel vieler Reisen in fremde Länder und werden in den Ferien besucht. ­Besondere, schöne und gar magische Orte gibt es aber auch ganz in der Nähe. Sie befinden sich nicht nur in den Zentren, sondern oft eher am Rand, in ruhiger, idyllischer Landschaft. Beispiele dafür sind kleine Kapellen. Sie schaffen eine Stimmung, die für einen Moment die Zeit ­stillstehen lässt. Es sind Orte, die zum Staunen und Nachdenken einladen, zur Besinnung oder zum Geniessen der Natur und der schönen Aussicht. (ksc)

Solche Kapellen gibt es im Kanton Solothurn viele. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen gebaut worden und manche werden heute als Ausflugsziele aufgesucht. Von der Allerheiligenkapelle ob Grenchen bis zur Kapelle auf dem Born bei Kappel, oder von der Mieschegg-Kapelle auf der zweiten Jurakette bis zur Kapelle Steinhof beim grossen Findling, sie alle erzählen ihre Geschichten, schaffen religiöse Bezüge und laden zur Beschaulichkeit ein. Exemplarisch werden das Kirchlein von Balm bei Messen, die Santel-­Kapelle und die Kapelle Höngen vorgestellt.

Das Balmkirchlein
Im steilen Südhang oberhalb von Balm erblickt man vom Limpachtal aus das Balmkirchlein. Über den Kirchweg und 70 Treppenstufen gelangt man hinauf zur Kirche. Wenn man von dort, über die wenigen Gräber hinweg, auf das Limpachtal und die ­Gemeinde Messen bis zu den Alpen blickt, ergreift einen ein Gefühl der Ehrfurcht und man kann nachempfinden, dass die Menschen schon vor langer Zeit diesen Ort zu einer Kultstätte machten. Wo die kleine Kirche steht, soll sich ein römischer Opferplatz befunden haben. Nach der Bekehrung zum Christentum errichteten die Gläubigen an dieser Stelle eine Kirche, die erstmals 1275 urkundlich erwähnt wird. Lange fehlte es aber an Geld. Als 1420 in Solothurn die Gräber der Thebäer, die als römische Soldaten den Märtyrertod erlitten hatten, entdeckt wurden, bewarb sich die Kirche Balm um Reliquien und wurde zum Wallfahrtsort. Damit waren die Geldprobleme gelöst. 1530 trat dann die Pfarrei zum neuen Glauben über. Bern ordnete 1572 die Eingliederung der Pfarrei in die Pfarrei Messen an und in der Folge verwahrloste das Balmkirchlein zunehmend. Von 1964–66 wurde es restauriert. Im Innern fallen besonders die schönen Spitzbogenfenster und ein Glasbild des hl. Michael von Max Brunner auf. Die Kirche hat drei Glocken. Die grösste hängt im ­Glockenhaus neben der Kirche und der Sonderbundslinde. Dieser Glockenstuhl ist in seiner Art einmalig im Kanton Solothurn. Walter Uebelhart, Solothurn 

Santel-Kapelle Egerkingen
Die Kapelle im Santel liegt zwischen Egerkingen und Hägendorf am Waldrand des Jurasüdfusses mit einem eindrücklichen Ausblick auf das Gäu, den Born und die Alpen. Der Weg zur Kapelle wird gekreuzt von der mächtigen Belchenrampe der A2. Diese Nähe zur Autobahn macht aus dem Sakral­ort einem besinnlichen Kontrast zum lauten und schnellen Zeitgeist. Die Kapelle wurde 1907 erbaut, vermutlich als Dank für die Genesung des bei Holzschlagarbeiten verunfallten Halbmond-Wirtes Jakob von Arx. Das Altarbild zeigt die «Pietà», eine Darstellung der leidenden Gottesmutter, die den vom Kreuz abgenommenen Jesus in ihren Armen hält. Die Statue hat den Brand des Marienaltars in der Egerkinger Pfarrkirche 1903 überstanden und bekam hier einen würdigen neuen Platz. Die Kapelle «zu Ehren der schmerzhaften Gottesmutter» wurde zuerst von der Familie Flury vom Santelhof allein betreut. Seit 1977 werden die Kosten für Renovation und Unterhalt von der Stiftung Santel-Kapelle getragen. Dem Stiftungsrat gehören neben der Stifterfamilie Flury Vertretungen der beiden Kirchgemeinden Egerkingen und Hägendorf an. Der Pilgerweg von Egerkingen zur Santel-Kapelle führt entlang der vierzehn Kreuzwegstationen, die vom Bildhauer Hans Anderhalden aus Sachseln gestaltet wurden. Dieser Weg wurde nach dem Autobahnbau neu angelegt, weil einige alte Wegstationen der Strasse weichen mussten. Kuno Schmid aufgrund einer Quelle von Pfarr-Resignat Josef von Rohr

Die St.-Jakobs-Kapelle Höngen
Das Kleinod im Weiler Höngen, oberhalb von Laupersdorf SO gelegen, engagiert unterhalten vom Kultusverein Höngen, geht wohl auf frühe Jakobspilger zurück, welche der Kapelle auch das Patrozinium gegeben haben.1

Ich setze mich gerne in diese kleine Kapelle. Im Laufe der Jahre ist diese für mich zu einem Kraftort geworden. Jeder Besuch entführt mich in den Stall von Bethlehem. Ob es nun Frühling ist oder Herbst, in der Stille der Kapelle höre ich die frohe Botschaft des Engels: «Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine grosse Freude, die dem ganzen Volk zu teil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, er ist Christus, der Herr» (Lk 2,10–11). So wird es für mich auch unter dem Jahr Weihnachten …

Warum, mögen Sie fragen, ist das wohl so? Dies hat mit meinem ersten Besuch der Kapelle während der Weihnachtszeit zu tun. Ich war damals ein kleiner Knirps. Wir wanderten jeweils mit der Familie zur Kapelle, um uns die liebliche Weihnachtskrippe anzuschauen. Ich tauchte damals ein in das wunderbare Geschehen auf dem Feld von Bethlehem und konnte mich kaum satt­sehen. Die gleiche Krippe wird noch heute aufgestellt. Und noch heute besuche ich die Kapelle während der Weihnachtszeit. Die Kapelle ist tagsüber geöffnet. Sie wird liebevoll betreut von den beiden Schwestern von Höngen. Heinz Bader, Balsthal  

1aus:  «Jurablätter» Heft 4/5 1959, Anton Guldimann
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Balmkirchlein mit Glockenstuhl unter der Sonderbundslinde

Bild: Walter Uebelhart

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Santel-Kapelle Egerkingen, ob der ­Autobahn

Bild: Rudolf Rippstein