Aktuelle Nummer 19 | 2021
12. September 2021 bis 25. September 2021

Editorial

Zufrieden sein

Mit weniger zufrieden zu sein, dazu wurden die Menschen während der Pandemie immer wieder aufgefordert. Zufrieden sein? Was ist damit gemeint? Zufriedensein-Können kann zu den WHO-Lebenskompetenzen gezählt werden. Dazu gehören Fähigkeiten, die einen angemessenen Umgang mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit Problemen und Stresssituationen im Alltag ermöglichen. Lebenskunde, Sozialkunde oder Kurse zu Gesundheit und Glück sollen insbesondere jungen Menschen solche Lebenskompetenzen vermitteln. Doch Zufriedenheit lässt sich nicht in Lektionen und Kursen lernen. Sie ist vielmehr das mögliche Ergebnis täglicher Begegnungen und Herausforderungen, die immer neu gewagt, ausprobiert und bewertet werden müssen. Wenn sie gelingen, stellen sich Momente der Zufriedenheit ein. Um mit weniger zufrieden sein zu können, braucht es eine bessere Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge, für ein gutes Wort, für die Schönheit der Natur, für das, was unspektakulär und doch sinnvoll ist.  

Was im persönlichen Bereich gilt, zeigt sich auch im gesellschaftlichen Zusammenleben. In manchen 1. August-Reden wird Zufriedenheit in Verbindung gebracht mit Festigung des Wohlstands, sozialer Sicherheit, gesellschaftlichem Zusammenhalt, interkultureller Verständigung, mit dem Erhalt der Lebensgrundlagen für die zukünftigen Generationen und dem Schutz der Natur. Doch im politischen Handeln haben es grosse Würfe schwer und man ist gefordert, mit kleineren Schritten zufrieden zu sein. Maximalforderungen lassen sich meist nicht durchsetzen. Sie können ausgehandelte Lösungsschritte blockieren und lassen die Gesellschaft auseinanderdriften. Sich zufrieden zu geben mit einem Kompromiss kann hingegen einen Beitrag zu mehr gesellschaftlichem Frieden leisten, ohne dass dadurch die eigenen Ideale verraten und der Streit um die besten Ideen aufgegeben werden müssen. 

Bei der persönlichen und bei der gesellschaftlichen Zufriedenheit geht es um die Suche nach Frieden, und «Frieden ist allweg in Gott», sagt Bruder Klaus. Das Bemühen um Zufriedenheit ist also auch eine Form der Glaubenssuche. 

Ich wünsche Ihnen Momente der Zufriedenheit, allein oder im geselligen Zusammensein. 

Kuno Schmid