Aktuelle Nummer 25 | 2021
05. Dezember 2021 bis 01. Januar 2022

Editorial

Freudige Erwartung

Der Advent ist eine geniale Erfindung; eine willkommene Vorbereitungszeit, damit man sich dem eigentlichen festlichen Höhepunkt Schritt für Schritt annähern kann. Von der Wortgeschichte her nahe am lateinischen «advenire», was übertragen Erwartung oder Ankunft bedeutet, verkörpert der Advent eine positiv gestimmte Erwartungshaltung, mit einem klar definierten Ziel. In anderen Religionen gibt es ähnliche Annäherungen, um sich würdevoll und in Ruhe auf ein religiöses Hauptfest vorzubereiten. Doch gerade dieses würdevolle Warten scheint in unserer westlichen Zivilisation ein Ding der Unmöglichkeit geworden zu sein. Warten können ist ein Luxus, den man sich in den Industrienationen nicht mehr leisten kann: «Wer wartet, der wird überholt oder ihn beissen gar sprichwörtlich die Hunde.»

In der Frühzeit des Christentums hat der Advent als Vorbereitung sogar fünf oder sechs Wochen gedauert. Erst im Jahr 524 wurde, vermutlich auf Anweisung von Papst Gregor dem Grossen, eine vier Wochen andauernde Fastenzeit festgelegt. So schmolzen die anfänglich sechs Adventssonntage zu den heute noch bekannten vier zusammen. Manch ein Gewerbevertreter mag diesem Zusammenschrumpfen der Adventszeit eine Träne nachweinen, denn bei sechs Adventssonntagen würde heute bestimmt noch ein zusätzlicher Sonntagsverkauf mehr drin liegen. Ganz anders wäre vermutlich die Stimmungslage bei den Eltern: Ein Adventskalender mit 36 Türchen, das würde wohl jeden vernünftigen Rahmen sprengen.

Im Laufe der Zeit hat der Advent zweifellos einen starken Wandel erlebt: Heute stellt er eher einen Anlass zum Feiern als einen Anlass zum Fasten dar. Dabei sollte diese Zeit in ihrer ursprünglichen Bestimmung – ähnlich wie die Zeit vor Ostern – der Besinnung und dem Nachdenken dienen. Es wäre jedoch illusorisch, darauf zu hoffen, dass diese Beschleunigung und Verdichtung der Festivitäten breitflächig zurückgesetzt werden könnte, so wie es Corona kurzzeitig verursacht hat. Es wäre also von Bedeutung, dass der Advent auf die Weihnachtsfeiertage vorbereitet und nicht bloss ein Gefühl von Völle und Erschöpfung verursacht. Jeder braucht in den Tagen vor dem grossen Fest Momente des «In-sich-gehen-und-verdauens» – ein Warten in freudiger Erwartung – sonst schmeckt auch der Weihnachtsbraten auf einmal nur noch wie jedes andere Stück Fleisch.    

Mit adventlichen Grüssen 

Reto Stampfli