Aktuelle Nummer 25 | 2021
05. Dezember 2021 bis 01. Januar 2022

Schwerpunkt

Tiefzeit der Hochzeit?

von Wieslaw Reglinski, Offizial des Bistums Basel

Warum soll man heute noch kirchlich oder zivil heiraten, wenn man einander ohnehin liebt? Braucht man überhaupt eine menschliche oder amtliche Bestätigung für die bereits bestehende ­L­iebesbeziehung? Sind die kirchlichen und staatlichen Trauungen noch zeitgemäss? ­Einige ­Überlegungen dazu – aus der Perspektive eines Offizials. 

Der Offizial ist der Gerichtsvikar des Bistums. Er vertritt den Bischof als Vorsitzender des ­kirchlichen Gerichts und berät ihn in rechtlichen Fragen. 

Ehevorbereitungskurse
Als relativ junger, 30-jähriger Kaplan war ich Ende des 20. Jahrhunderts in einer Grosspfarrei mit ca. 10 000 Gläubigen in Warschau tätig und für die Koordinierung der Ehevorbereitungskurse zuständig. Manche Paare waren recht schockiert, als ich jeweils zu Beginn der Kurse eines der Kursziele offenbarte: nämlich, dass einige der Paare ...gar nicht heiraten werden. Wie viele unreife, lieblose und oft auch nicht gültige Ehen dank solchen Ehevorbereitungskursen verhindert wurden, weiss ich nicht. Ich finde es jedoch fahrlässig, dass auf solche Kurse heute allzu schnell verzichtet wird. Sind es einzig die Missionen, die in der Schweiz noch regelmässig zukünftige Brautpaare zur kirchlichen Eheschliessung vorbereiten? In manchen Ländern wird eben noch ein Zertifikat davon verlangt.

Wandel nach dem Golden Age of Marriage
In den 1950er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurde ein Höhepunkt der Institutionalisierung der Kernfamilie erreicht. Das Zeitalter galt als «Hochzeit der Hochzeit»: 95% der Bevölkerung heirateten, 90% davon bekamen Kinder, es gab nur 10% Scheidungen, 90% der Kinder unter 6 wuchsen mit beiden Eltern auf, nur 5% wurden unehelich geboren. 

Seit den 1970er-Jahren beobachtet man einen stetigen, rapiden, demografischen Wandel. In der «Verrechtlichung» des Zusammenlebens unterscheidet man ausser der Ehe neu auch Formen wie Living-Apart-Together (LAT) oder Nichteheliche Lebensgemeinschaft (NEL). Alle Lebensformen mit mindestens einem Erwachsenen und mindestens einem Kind nennt man heute «Familie». Man beobachtet eine starke Pluralisierung sowie das Auftauchen historisch neuer Lebensformen wie Patchwork-Familien, Inseminationsfamilien, Regenbogen­familien usw. Ausser einem konstanten Geburtenrückgang und einem Anstieg der Scheidungsraten stellt man eine Zunahme der Einpersonenhaushalte fest. 2011 lebte in 40% aller Haushalte nur eine Person.  

Liebe ist zwar immer unberechenbar, dennoch kennt sie gewisse Regelmässigkeiten: «Gleich und Gleich gesellt sich gern» (Homophilie) oder «Gegensätze ziehen sich an» (Heterophilie). Bei der Partnerwahl sieht man diesbezüglich einen deutlichen Wandel. Im Bereich der Konfession waren die Paare früher homogam (90%), heute sind ca. 50% ­bekenntnisverschieden; was die Bildung betrifft, waren sie früher umgekehrt oft heterogam: z.B. Frauen heirateten gebildetere Männer, heute eher homogam: ca. 80% der Paare haben ein gleiches Bildungsniveau.

Generation Z
Junge Menschen, welche vor 20 bis 25 Jahren geboren wurden, werden heute zur Generation Z (kurz Gen Z) gezählt – in den USA auch Generation «Snowflake» genannt, weil jeder Schneekristall einzigartig ist. Die Gen Z ist in einer individualisierten und digitalisierten Welt aufgewachsen. Ein Bezug zur Realität – und damit auch zu den echten Beziehungen – ist oft gravierend beeinträchtigt. Die Gen Z scheint in einer virtuellen, digitalen Welt eingetaucht zu sein und somit k(l)ein Interesse an einem realen Ehe- und Familienleben zu haben. Ein Beispiel: Manche mir bekannte junge Leute gamen online mit ihren weltweiten Freunden bis 4 Uhr morgens, machen anschlies­send einen kurzen Spaziergang mit dem Hund und gehen erst bei Morgenröte ins Bett. Für ein «waches», analoges Leben tagsüber sind sie dann meistens einfach zu müde. Beziehungen sind für sie eher zufällig und kurzfristig. Eine dauernde Bindung können sie sich schlecht vorstellen. Kommt davon nun die Tiefzeit der Hochzeit?

Die Ehe aus kirchlicher Sicht
Im kirchlichen Recht wird die Ehe als Gemeinschaft des ganzen Lebens (totius vitae consortium) definiert: «Der Ehebund, durch den Mann und Frau unter sich die Gemeinschaft des ganzen Lebens begründen, welche durch ihre natürliche Eigenart auf das Wohl der Ehegatten und auf die Zeugung und die Erziehung von Nachkommenschaft hingeordnet ist, wurde zwischen Getauften von Christus dem Herrn zur Würde eines Sakramentes erhoben» (c. 1055, § 1 CIC). Diese Auffassung mit Einheit, Unauflöslichkeit und Sakramentalität einer Ehe ist heute nicht mehr selbstverständlich und wird häufig infrage gestellt oder mindestens nicht immer verstanden. Viele junge Menschen kennen zwar den Wusch nach unendlicher Liebe und träumen von einem märchenhaften Fest. Aber es ist nicht einfach, ihnen eine Glaubensdimension zu erschliessen.  

Ehehindernisse 
Es gibt eine Reihe von Gründen, wieso man kirchlich nicht heiraten soll oder darf. Im Kirchenrecht ist dann von Ehehindernissen die Rede. Manche Hindernisse können aufgehoben werden, indem eine Dispens erteilt wird. Das gilt beispielsweise für ein fehlendes Mindestalter, für Religionsverschiedenheit, für ein öffentliches und ewiges Gelübde, für Blutsverwandtschaft im dritten und vierten Grad der Seitenlinie (Cousin und Cousine), für öffentliche Ehrbarkeit, für gesetzliche Verwandtschaft (Adoption), für empfangene Weihe oder Gattenmord. Aus den zwei letzten darf allerdings nur der Papst dispensieren (befreien). Andere bleiben indispensabel, darunter Beischlafsunfähigkeit (Impotenz), ein bereits bestehendes Eheband, Blutsverwandtschaft in der geraden Linie und im zweiten Grad der Seitenlinie. Ob solche Hindernisse auftreten, wird im Rahmen der Erstellung des Ehevorbereitungsprotokolls überprüft. Ein Antrag um Dispens wird im Bistum Basel an das bischöfliche Offizialat in Solothurn gerichtet, dort bearbeitet und das entsprechende Dekret den Ehedokumenten beigefügt. 

Ewige Liebe
Gibt es auch Gründe wieso man kirchlich doch heiraten sollte? Der Wunsch, der in einem Ehenichtigkeitsverfahren vorgetragen wurde, kann auf paradoxe Weise zum Argument für die kirchliche Eheschliessung werden: die beiden wollten sich durch die Feststellung der Ungültigkeit ihrer Ehe sicher sein, dass sie nicht mit dem Ex-Mann oder der Ex-Frau auf der gleichen Wolke im Himmel sitzen müssen. Wer also umgekehrt an die ewige Liebe glaubt und sich danach sehnt, mit dem geliebten Menschen über den Tod hinaus vereint zu bleiben, die/der soll unbedingt kirchlich heiraten. Denn was Gott hier auf Erden (gültig) verbunden hat, wird auch im Himmel nicht getrennt werden.  

Wieslaw Reglinski
Wieslaw Reglinski wurde 1967 in Polen in der Nähe von Danzig geboren und dort 1996 zum Priester geweiht. Er sammelte seelsorgerliche Erfahrungen in verschiedenen Ländern Europas und Nordamerikas. Sein Studium 1998 bis 2005 in Posen und Rom schloss er mit einem Doktorat utriusque iuris (kirchliches und ziviles Recht), einem Doktorat in Moraltheologie und einem Master in «Bioetica e Formazione» ab.
Seit 2005 ist er im Bistum Basel tätig, vorerst als Pfarrer in Huttwil (BE), ab 2013 als desi­gnierter Pastoralraumleiter im Niederamt (SO). Am 1. Juli 2020 hat er das Amt des Offizials des Bistums Basel übernommen und wirkt als priesterlicher Mitarbeiter in den Pfarreien Bettlach und Grenchen.