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Das Hungertuch: gebrochener Fuss

von Madlaina Lippuner und Andrea Gisler, ­Fastenopfer 

In der Zeit vor Ostern ist es vielerorts im Altarraum sichtbar. Das neue Hungertuch von Lilian Moreno Sánchez wirkt fein, fast unscheinbar. In ihm nimmt die chilenische Künstlerin die Verletzlichkeit der Menschen und der Menschheit auf. Fastenopfer und Brot für alle verbinden das Hungertuch mit der Forderung ihrer ökumenischen Kampagne: «Klimagerechtigkeit – jetzt!»

Als Grundlage für ihr Sujet diente Moreno Sánchez ein Röntgenbild. Es zeigt den gebrochenen Fuss eines Menschen, der im Oktober 2019 in Santiago de Chile gegen die soziale Ungleichheit und die Staatsgewalt im Land demonstrierte und dabei verletzt wurde. Das Bild ist auf drei Keilrahmen mit Bettwäsche bespannt. Der Stoff stammt aus einem Krankenhaus und aus dem ehemaligen Kloster Beuerberg nahe München. In ihm sind Erde und Staub eingearbeitet, die Moreno Sánchez vom Ort des Geschehens genommen hat: Erde, über die Menschen gegangen sind, die sich für ihre Rechte und für Gerechtigkeit eingesetzt haben.  

Verletzlichkeit
Der Fuss steht für die Verletzlichkeit der Menschen, aber auch für die Verletzlichkeit der Systeme, in denen wir uns bewegen. Die Corona-Krise hat eindrücklich gezeigt, wie schnell das Fundament der Gesellschaft oder das, was wir für dieses Fundament hielten, ins Wanken gerät und aufbricht. Die Schöpfung als Summe und Grundlage allen Lebens ist seit Längerem durch die Klimaerwärmung bedroht. Ökosysteme kollabieren, jahrtausendealte Gesetzmässigkeiten zerbrechen. So stehen die Proteste in Chile, die Moreno Sánchez in ihrem Hungertuch aufgenommen hat, stellvertretend für alle Krisen auf der Welt: politische, wirtschaftliche, soziale und ökologische Krisen.  

Hunger
Das Hungertuch verhüllte früher zur Passionszeit den Altar beziehungsweise den Altar­raum. Im Laufe der Geschichte bekam es seinen Namen, weil die Passionszeit für ­viele auch ein echtes Hungern bedeutete. Die Hilfswerke Brot für alle und Fastenopfer machen dieses Jahr auf die Folgen des ­Klimawandels für Menschen im globalen Süden aufmerksam. Weil dort Wirbelstürme, Überschwemmungen und Dürrezeiten häufiger auftreten, nehmen auch Hunger und Armut zu. So ist das Hungertuch auch ihnen gewidmet, den unfreiwillig Hungernden.  

Heilung 
Doch Moreno Sánchez möchte nicht im Elend verharren. Die Corona-Krise beispielsweise hat auch sichtbar gemacht, was möglich ist, wenn Menschen in einer bedrohlichen Situation Verantwortung füreinander übernehmen: Aufmerksamkeit und Unterstützung für die Schwächsten im eigenen Lebensumfeld, Solidarität der Jungen mit den Älteren, konkrete Hilfe, Erfindergeist und Verzicht im Interesse des Gemeinwohls. So kann das Hungertuch auch als Appell verstanden werden, sich dafür einzusetzen, dass den Menschen, die unter dem Klimawandel leiden, Gerechtigkeit widerfährt. Dazu kann jeder von uns beitragen. Moreno Sánchez glaubt an die Überwindung von Krisen durch Solidarität. «Eine andere Welt ist möglich. Diese Hoffnung möchte ich verbreiten.»