Aktuelle Nummer 08 | 2021
11. April 2021 bis 24. April 2021

Schwerpunkt

Gotti und Götti

von Stephan Kaisser

Damit Kinder von Anfang an nebst den Eltern noch weitere Bezugspersonen haben, suchen viele ­Eltern schon zur Geburt für das Kind ein Gotti und einen Götti. Sie hoffen, dass sich diese Paten für das Aufwachsen des Kindes interessieren, eine Beziehung zu ihm aufbauen und sowohl dem Kind als auch den Eltern eine Stütze sind. Mit besonderen Erlebnissen und auch durch Geschenke werden Gotti und Götti im Leben des Kindes eine spezielle Rolle spielen, manchmal sogar über das Teenageralter hinaus. Oft geht etwas unter, dass das Patenamt mit der Taufe des Kindes verbunden ist und den Taufpaten die Aufgabe zukommt, das Kind in ein gelingendes christliches Leben zu begleiten.  

Taufpaten abschaffen?
Eine Mitteilung aus Italien liess aufhorchen: In der Diözese Sulmona (Abruzzen) wird seit vergangenem Sommer bei der Taufe auf Paten verzichtet. Aus Zweifel an der Eignung von Tauf- und Firmpaten hat der Bischof von Sulmona, Michele Fusco, dieses Amt in seinem Bistum ausgesetzt. Ist das überhaupt rechtens, kann dies ein Bischof für seine Diözese so festlegen? Wenn man mal von den menschlichen Beziehungen absieht und nur nach der kirchlichen Bedeutung fragt, zeigt ein Blick ins Kirchenrecht, dass das Patenamt eine Kann- und keine Mussbestimmung ist. So heisst es im Canon 872: «Einem Täufling ist, soweit dies geschehen kann, ein Pate zu geben; dessen Aufgabe ist es, … das zu taufende Kind zusammen mit den Eltern zur Taufe zu bringen und auch mitzuhelfen, dass der/die Getaufte ein der Taufe entsprechendes christliches Leben führt und die damit verbundenen Pflichten getreu erfüllt.» 

Geeignete Taufpaten
Wenn nun Bischof Michele Zweifel an der Eignung der Paten hat, stellt sich die Frage, welche Kriterien eine Patin oder ein Pate aus kirchlicher Sicht erfüllen muss, damit sie oder er geeignet ist. Auch hierzu macht das Kirchenrecht eine Aussage: «Er muss katholisch und gefirmt sein sowie das heiligste Sakrament der Eucharistie bereits empfangen haben; auch muss er ein Leben führen, das dem Glauben und dem zu übernehmenden Dienst entspricht.» (Canon 874) Die ersten Kriterien, selber die Grundsakramente Taufe, Firmung und Eucharistie empfangen zu haben, sind klar benannt. Das Kriterium «ein Leben führen, das dem Glauben und dem zu übernehmenden Dienst entspricht» ist dagegen viel weniger deutlich. Wenn der italienische Bischof dies daran misst, ob jemand jeden Sonntag den Gottesdienst besucht, dann werden sich in seiner Diözese nur schwer geeignete Paten und Patinnen finden lassen. Die Situation wird ähnlich sein wie bei uns. Der Besuch des Sonntagsgottesdienstes ist nur noch für weniger als zehn Prozent der katholischen Christen eine gute Gewohnheit. 

Paten gehören zur Taufpastoral
Sollte unser Bischof nun auch das Patenamt aussetzen? Keinesfalls, denn das Patenamt spielt in der Taufpastoral unseres Bistums eine wichtige Rolle. So heisst es in der Broschüre Taufe – Besinnung und Anmeldung: «In der Regel haben die Kinder einen Paten oder wie bei uns zwei Paten verschiedenen Geschlechts. Sie sollen den Eltern bei der christlichen Erziehung ihres Kindes helfen und beistehen. … Das Patenamt ist eine geistliche Aufgabe und Patin/Pate bedeutet so viel wie «geistliche Mutter» bzw. «geistlicher Vater». Die Paten sollten bereit sein, den Lebensweg des Kindes zu teilen und ihren Glauben in Wort und Tat zu bezeugen. Bei Fragen des Lebens und Glaubens wird es dem Kind guttun, einen vertrauten Berater / eine vertraute Beraterin an seiner Seite zu wissen. Die Paten vertreten darüber hinaus die christliche Gemeinde. … Es kann deshalb nur Pate/Patin sein, wer Mitglied der katholischen Kirche ist. Nicht katholische «Paten» werden im Taufbuch als Zeugen bezeichnet und eingetragen.»

Geistliche Mutter und ­geistlicher Vater
Demnach beinhaltet in unserem Bistum das Patenamt die geistliche Aufgabe, den Lebensweg des Kindes, später des/-r Jugendlichen zu begleiten. Das bedeutet Vorbild zu sein in christlichen Tugenden, insbesondere in Glaube, Liebe und Hoffnung. Wobei der Glaube sich ausdrücken kann in der Teilnahme an kirchlichen Handlungen, aber auch in anderen Formen wie persönlichem Gebet oder Gespräch über Ziel und Sinn des Lebens, in geteilter Freude über die Schönheit der Schöpfung und vielem mehr. Weil diese Aufgabe besonders wichtig ist und unabhängig von der Konfession, ist es richtig, dass auch nicht katholische Paten als Taufzeugen zugelassen werden.

In vielen Taufgesprächen habe ich die Erfahrung gemacht, dass es den Eltern wichtig ist, durch die Patin, den Paten eine geistliche Begleitung für ihr Kind zu haben, die ihm in verschiedenen Lebenslagen zur Seite stehen kann. So wählen sie dann auch Personen aus, die eine Spiritualität oder Lebenseinstellung haben, die dem gerecht wird. Und es ist meist auch ein Freundschafts- und Vertrauensbeweis für die Paten. Dabei ist es den Eltern verständlicherweise zweitrangig, ob der Pate / die Patin katholisch getauft ist. Einsichtig ist ihnen zumeist aber auch, dass zumindest einer der Paten wegen der Aufnahme in die Katholische Kirche, auch dieser angehören sollte.  

Paten haben keine Sorgepflicht
Häufig höre ich die Aussage, dass die Eltern hoffen, dass die Paten sich um ihr Kind kümmern, sollte ihnen etwas zustossen. Zu Beginn der Industrialisierung, mit der Entstehung der Kleinfamilie im 19. Jahrhundert, gehörte dies tatsächlich zur Verantwortung der Taufpaten. Viele Familien lebten in Armut. Die Taufpaten verpflichteten sich, für das Wohl ihrer Taufkinder zu sorgen. Dies führte dazu, dass wohlhabende Bürger oft eine grosse Anzahl Taufkinder hatten, die sie kaum kannten, die aber an Festtagen ein (Geld-) Geschenk erhielten. Im Notfall hatten sie dann auch die Fürsorgepflicht. Heute haben Paten keine gesetzlichen Rechte oder Pflichten. Eine Beistandschaft im Todesfall der Eltern kommt nur infrage, wenn die Eltern dies in einer Sorgerechtsverfügung geregelt haben. Darin wird festgehalten, an wen die zuständige Behörde (KESB) im Falle des Todes der Eltern die elterliche Sorge übertragen soll. Das können durchaus die Paten sein, wenn diese einverstanden sind.

Chancen der Paten
Diese Überlegungen machen deutlich, dass das Patenamt durchaus wichtig ist und mehr bedeutet als Geschenke zu Weihnachten und zum Geburtstag – als Zeichen der Zuwendung und Verbundenheit sind diese durchaus auch sinnvoll, zumal wenn es gut überlegte sind. Warum nicht ein Gutschein für einen gemeinsamen Theater-, Konzert- oder Gottesdienstbesuch! Bei uns braucht das Patenamt nicht abgeschafft zu werden. Bei uns braucht das Patenamt nicht abgeschafft zu werden, denn die Paten lassen durch ihr Dasein und Tun ihre geistlichen Kinder spüren, dass der gütige Gott mit ihnen auf dem Weg ist.  

Ratschläge für Paten 
  • Als Patin oder Pate angefragt zu werden ist ein Freundschaftsbeweis der Eltern, der auch mit Erwartungen verbunden ist. Es macht Sinn, mit den Paten zu klären, ob sie diesen Erwartungen nachkommen können und wollen. Dabei sollte auch das Thema Glaube und Religion angesprochen werden. 
  • Die Paten könnten am Taufgespräch teilnehmen und sich in der Tauffeier durch Fürbitten, Lesungen oder Musik einbringen. 
  • Patenschaft heisst, dem Patenkind Raum im eigenen Leben zu geben. Dafür braucht es Zeit und Engagement. An Festen wie Taufe, Geburtstag, Namenstag, Erstkommunion, Weihnachten usw. Zeit mit dem Patenkind zu verbringen ist wichtig, aber sich auch im Alltag zu melden oder offen sein, wenn das Patenkind sich meldet, ist für die Beziehung essenziell.
  • Jede Beziehung braucht «Aufbau und Pflege», je früher, desto besser. Darum ist es schön, wenn die Eltern die Paten schon vor der Geburt anfragen und wenn die Patin oder der Pate auch eventuell gelegentlich als Babysitter/-in dient. Zumindest an Knotenpunkten des Lebens sollten die Paten dabei sein oder einen Gruss schreiben. 
  • Obwohl die Paten als geistliche Mutter bzw. geistlicher Vater bezeichnet werden, sind sie nicht die Eltern, denn diese haben die letztliche Verantwortung für die Erziehung. Das entlastet die Paten, ihr Engagement ist immer ein freiwilliges Angebot für beide Seiten. Das Zusammensein zwischen Paten und Patenkind muss nicht immer einem (pädagogischen) Zweck dienen, sondern darf auch einfach nur vergnüglich und schön sein – für beide Seiten.
  • Die Paten können durch Rat und Tat und vor allem durch ihr Vorbild viel für die moralische, religiöse und menschliche Entwicklung leisten – ein Leben lang. 

Der Theologe Stephan Kaisser ist Religionslehrer an der Kantonsschule Solothurn und Mitglied der «Kirchenblatt»-Redaktionskommission.