Aktuelle Nummer 08 | 2021
11. April 2021 bis 24. April 2021

Editorial

Stolpersteine

Stolpersteine lassen uns straucheln, wenn wir nicht achtsam sind. Im übertragenen Sinn sind Stolpersteine unterschätzte Schwierigkeiten oder Hindernisse, an denen Vorhaben scheitern können. Berühmt sind jedoch jene Stolpersteine aus Messing, die als Gedenksteine dort verlegt worden sind, wo Opfer des Nationalsozialismus vor ihrer Deportation und Ermordung gelebt haben. Auf Initiative des Künstlers Gunter Demnig sind in den letzten Jahrzehnten über 75 000 Stolpersteine in deutschen Städten verlegt worden. Solche Gedenksteine braucht es auch in der Schweiz, um an Menschen zu erinnern, die dem Naziregime ausgeliefert wurden. Gerade jetzt, wo im Schatten der Corona-Krise Antisemitismus, Rechtspopulismus und Verschwörungstheorien um sich greifen, könnten solche Mahnmale daran erinnern, wohin solches Gedankengut führen kann. Die Schändung der Syna­goge von Biel Mitte Februar ist nur ein Beispiel für die gefährliche Entwicklung. 

In Zürich wurden 2020 die ersten Stolpersteine gesetzt, beispielsweise an der Claudiusstrasse 39. Sie erinnern an Alain und Lea Berr-Bernheim, die als Juden im KZ Auschwitz ermordet wurden. Der Stolperstein an der Schöntalstrasse 22 erinnert an Joseph Traxel, der wegen Homosexualität ausgeschafft wurde und im KZ Buchenwald umkam. 

Menschen jüdischen Glaubens, Homosexuelle oder andere Minderheiten sind auch heute noch Anfeindungen ausgesetzt, insbesondere in den sozialen Medien. Aber vom Staat werden sie respektiert und vor Diskriminierung geschützt. Selbst in der Kirche scheint sich die Haltung gegenüber Homosexuellen zu ändern. Professor Stephan Goertz sagte anlässlich der Preisverleihung der Herbert Haag Stiftung für Freiheit in der Kirche, dass die katholische Kirche vor einer Revision ihrer Lehre über die Homosexualität stehe. Ausgezeichnet wurden Dr. Hedwig Porsch, Pierre Stutz und Dr. Ondrej Prostredník, die von religiös motivierter Diskriminierung betroffen worden sind, sowie die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche, die sich seit Jahren mit dem Konfliktfeld Homosexualität in Kirche und Religion beschäftigt. 

Ich wünsche Ihnen den Mut, gegen Hass und Diskriminierungen einzustehen und sorgsam auf Stolpersteine zu achten. 

Kuno Schmid