Aktuelle Nummer 08 | 2021
11. April 2021 bis 24. April 2021

Editorial

Dazwischen

Beim Singen ist bereits der erste Ton wichtig. Der erste Einsatz signalisiert die Präsenz und Konzentration der Sängerinnen und Sänger und entfaltet ihren Klang. Ebenso wichtig ist der Schluss, wenn sich die Dynamik und Spannung der Musik in der Harmonie des Schlussakkords auflöst. Aber das eigentliche Musikstück entwickelt sich dazwischen, mit Motiven und Melodien, Steigerungen und Spannungen, mit Rhythmen und Pausen. Es ist wie bei einem Weg, der sich zwischen Ausgangspunkt und Ziel dehnt und die eigentlichen Wandererlebnisse ermöglicht. Oder wie bei einem Arbeitsprozess: Am Anfang steht der Auftrag, am Schluss das Ergebnis. Dazwischen liegt die eigentliche Arbeit, manchmal mühsam, manchmal interessant – mal fehlerhaft, mal erfolgreich. In diesem «Dazwischen» spielt die Musik, dazwischen geschieht das Leben. Anfang und Ende markieren die Ränder, die Ausdehnung und die Konturen von dem, was sich dazwischen abspielt. 

Ostern bildet auch einen festlichen Schlussakkord. Tod und Auferstehung Jesu sind wie das erlösende Finale einer Dramaturgie, die sich seit seiner Geburt steigert und zum Wendepunkt des Glaubens wird. Dieser Glaube an Jesus wird an den Rändern gefeiert, an Weihnachten und Ostern. Dazwischen liegen aber seine eigentlichen Melodien, sein Leben und Wirken, seine Praxis der offenen Tischgemeinschaft, das Dasein füreinander, die Bergpredigt, der Lebensmodus des Reiches Gottes. Die «christologischen» Feiertage werden erst zum Festklang, wenn auch dazwischen gespielt wird, wenn die Praxis Jesu zum Handeln von Kirche und Gläubigen wird. 

Auf der Osterkerze wird der Auferstandene als Alpha und Omega, als Anfang und Ende bezeichnet. Er umfasst das ganze Alphabet. Dazwischen liegen die anderen Buchstaben. Erst zusammen mit allen Buchstaben entstehen Texte, Geschichten und Lieder. Alpha und Omega umfassen das ganze Leben, die Botschaft und Bedeutung von Jesu insgesamt. Genauso meinen wir auch den ganzen Menschen, wenn wir bloss das Geburts- und Todesjahr angeben.
Entscheidendes liegt oft dazwischen. 

Ich wünsche Ihnen frohe Ostern, mit Achtsamkeit für das, was dazwischen liegt. 

Kuno Schmid