Aktuelle Nummer 08 | 2021
11. April 2021 bis 24. April 2021

Schwerpunkt

Das duale System

von Kuno Schmid 

Die Pfarrei und die Kirchgemeinde bilden die beiden Säulen der dualen Kirchenstruktur. Die Pfarreien und Pastoralräume sind Gebiete der weltweiten Kirche, in denen getaufte Christinnen und Christen den Glauben leben und in denen Seelsorgerinnen und Seelsorger ihren pastoralen Dienst erfüllen. Sie wirken unter der Leitung des Bischofs im Rahmen des kirchlichen Rechts. Dieselben Gläubigen gehören zur Kirchgemeinde nach staatlichem Recht, die das kirchliche Eigentum verwaltet, das Personal anstellt und das kirchliche Leben finanziell ermöglicht. Als duales System wird das Zusammenspiel der kirchlichen und weltlichen Struktur der Kirche bezeichnet. 

Kirche und Staat
Alle Katholikinnen und Katholiken sind sowohl Teil der Kirche als auch Teil des Staates und versuchen ihr Christsein im gesellschaftlichen Ganzen sinnvoll zu gestalten. Sie sind deshalb immer auch vom Zusammenwirken von Kirche und Staat betroffen. Das Verhältnis von Kirche und Staat hat sich in der Geschichte immer wieder gewandelt. In der Zeit des römischen Reiches, des mittelalterlichen Feudalsystems, der neuzeitlichen Monarchien und der modernen Demokratien musste die Kirche immer wieder ihre Sozialgestalt verändern, damit sie in, mit und gegenüber den jeweiligen Herrschaftsformen ihren Anspruch vertreten und ihren Dienst tun konnte. Das ging nicht ohne Konflikte und Machtkämpfe, früher zwischen Papst und Kaiser, später zwischen den Nationalstaaten und dem römischen Zentralismus. In der Schweiz hat sich eine Form des dualen Systems etabliert, die ein sinnvolles Zusammenwirken von kirchlicher Hierarchie und demokratischer Gesellschaft ermöglicht. 

Aus der Geschichte gewachsen
Mit der Verdrängung der Adelsgeschlechter aus dem Gebiet der alten Eidgenossenschaft veränderten sich auch die kirchlichen Verhältnisse. Die Rechte und Pflichten der feudalen Herrschaften gegenüber der Kirche und ihren Einrichtungen gingen im Spätmittelalter auf die Räte der Städte und auf ländliche Kirchgenossenschaften über. Diese übernahmen die Patronatsrechte von den Adeligen, wählten den Ortspriester, sorgten für dessen Unterhalt und bauten und unterhielten die Pfarrkirche. So bildete sich lange vor der Reformation auf dem Gebiet der heutigen Schweiz ein duales System. Die Kirchgenossenschaften und Stadträte wahrten einerseits ihre hergebrachten Rechte und Pflichten und respektierten andererseits die Zuständigkeiten der Bischöfe und Priester in geistlichen Angelegenheiten. 

Die Verhältnisse in Solothurn
Im Gebiet des Kantons Solothurn sicherte sich die städtische Obrigkeit die Zuständigkeit für das Kirchenwesen. Der Rat zu Solothurn hatte das Patronatsrecht für fast alle Pfarreien erworben. Die Besetzung der Pfarreien und Klöster mit Geistlichen aus den städtischen Patrizierfamilien war ein Mittel, um die Herrschaft und die Bindung an Solothurn zu stärken. Die Gemeinden hatten nur wenig Mitsprache. Für die pastorale Leitung war das Bistum Lausanne zuständig, das die Hauptstadt Solothurn umfasste. Grosse Teile des Kantonsgebiets gehörten jedoch zum Bistum Konstanz und zum Bistum Basel. 

Das änderte sich im 19. Jahrhundert. Das ganze Kantonsgebiet kam 1828 zum neu gegründeten Bistum Basel. Solothurn wurde Bischofssitz. Durch die Demokratisierung des Staatswesens verloren die «Gnädigen Herren von Solothurn» ihre Vorherrschaft, und auch das Kirchenwesen wurde der demokratischen Kontrolle unterstellt. Dagegen wehrte sich die Kirchenleitung und lehnte ihrerseits alle staatlichen Mitwirkungen in kirchlichen Angelegenheiten ab. Im immer radikaler werdenden «Kulturkampf» musste das duale System neu erstritten werden. 

Die Schaffung von Kirchgemeinden
Die Kantonsverfassung von 1887 ermöglichte die Gründung von Kirchgemeinden als öffentlich-rechtliche Körperschaften. Diesen soll das kirchliche Eigentum übertragen werden. Sie sollen die Seelsorgenden wählen und entlöhnen und für die Infrastruktur der Pfarrei sorgen. Dazu erhalten sie das Recht, Steuern zu erheben. Die Zuständigkeit für pastorale und innerkirchliche Angelegenheiten blieb bei den Geistlichen. Parallel zu den bestehenden Pfarreien bildeten sich 74 Kirchgemeinden. Wie in früheren Zeiten waren nun Macht und Zuständigkeiten zwischen Kirchgemeinden und Pfarreien wieder dual im Sinne von «Geld und Geist» aufgeteilt. Tragfähige Entscheidungen mussten dialogisch zwischen Pfarrer und Kirchgemeinderat ausgehandelt werden. Das duale System hatte wieder eine taugliche Form für diese Aushandlungsprozesse gefunden und aus dem Gegeneinander zwischen Staat und Kirche entwickelte sich allmählich wieder ein kritisch-konstruktives Miteinander. 

Gründung der kantonalen Synode
Die Verfassung sah keine kantonale Landeskirche mit Weisungs- und Aufsichtsbefugnissen gegenüber den Kirchengemeinden vor. Diese Kompetenzen lagen bei der Kantonsregierung. Deshalb drängte sich eine kantonalkirchliche Organisation lange nicht auf. Um jedoch gemeinsam gegenüber den staatlichen Behörden aufzutreten, um besser mit den anderen Konfessionen zu kooperieren und um einen kantonalen Finanzausgleich zu schaffen, war eine kantonale Struktur notwendig. 1945 entstand die Vereinigung der röm.-kath. Kirchgemeinden als Verein. Dieser bereitete die Errichtung einer Synode nach staatlichem Recht vor. 1950 wurde das Synodenstatut vom Regierungsrat genehmigt. Am 17. Dezember 1950 fand unter Anwesenheit von Bischof Franziskus von Streng und Land­ammann Urs Dietschi die erste Synodalversammlung unter dem Vorsitz von Max Gressly im Rathaus Solothurn statt. 

Auch auf pastoraler Seite gab es kantonale Strukturen. Die seit dem 19. Jahrhundert bestehende kantonale Pastoralkonferenz wurde 1976 ergänzt durch einen Regionaldekan, der den Bischof im Kanton vertrat (heute Bischofsvikariat St. Verena).

Kirchensteuer
Die Kirchensteuern werden von den Kirchgemeinden erhoben und zum grössten Teil vor Ort verwendet. Der Steuerertrag wird gemäss dem von der örtlichen Kirchgemeindeversammlung beschlossenen Budget ausgegeben. Mit den Geldern werden Seelsorgerinnen und Seelsorger der Pfarrei und des Pastoralraums besoldet, der Religionsunterricht finanziert, das Kirchenblatt abonniert, soziale und kulturelle Aufgaben wahrgenommen sowie die örtlichen Kulturgüter wie Kirchen und Kapellen unterhalten. Dadurch erhalten Seelsorgerinnen und Seelsorger die Möglichkeit, ihren pastoralen Dienst wahrzunehmen. Sie begleiten Menschen mit Gesprächen und Feiern durch ihr Leben – von der Taufe bis zur Bestattung. Sie gestalten Gottesdienste und schaffen Angebote für Jugendliche, Erwachsene oder Senioren. Sie sind erste Anlaufstelle für Menschen in Not und ermöglichen Kulturveranstaltungen in kirchlichen Räumen. Die Kirchensteuern gehen nicht nach «Rom», sondern werden hier im dualen Zusammenspiel gebraucht. 

Aus der Region – für die Region
Ein kleiner Teil der Kirchensteuern wird für überregionale Aufgaben verwendet. Darunter fällt der Beitrag an die Gremien des Bistums, damit diese die pastorale Führung wahrnehmen können. Zusammen mit einem Teil der Gelder aus der kantonalen Finanzausgleichssteuer führt die Synode kantonale Fachstellen in den Bereichen Diakonie, Jugendarbeit, Religionspädagogik und Kirchenmusik, die als Support für die Basis und zugunsten der ganzen Gesellschaft wirken.. Die Synode schliesst zudem Leistungsvereinbarungen mit Organisationen ab, die in weiteren Feldern Fachstellen zur Verfügung stellen (Caritas, Jungwacht-Blauring, Ehe- und Lebensberatung). Zudem betreibt die Synode ein kantonales Bildungsportal, fördert das Umweltmanagement «Grüner Güggel» für Kirchgemeinden, setzt zusammen mit der Bistumsleitung das Konzept «Nähe und Distanz» gegen sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld durch, unterstützt regionale spirituelle und kulturelle Zentren wie das Kloster Mariastein, finanziert die pastorale Arbeit der anderssprachigen Seelsorge sowie in ökumenischer Zusammenarbeit die Seelsorge in den Spitälern, Gefängnissen, heilpädagogischen Einrichtungen und für Gehörlose, die Notfallseelsorge oder die kirchliche Sendung «Ökumera» von Radio 32 usw.  

Durch Kirchenaustritte wird der Kreis derer kleiner, die dieses lokale und regionale Angebot der Kirche tragen muss. Auf der Website www.kircheneintritt-so.ch ist der Wiedereintritt jedoch unbürokratisch möglich.  

Quellen: 
www.synode-so.ch
Fink, Urban: Staat und Kirche im Kanton Solothurn – ein Galopp durch die Geschichte, Jahresbericht der Römisch-Katholischen Synode des Kantons Solothurn 2019, S. 14–15.
Kellerhals, Adolf: 50 Jahre Römisch-Katholische Kantonalkirche Solothurn, Olten 1996.