Aktuelle Nummer 08 | 2021
11. April 2021 bis 24. April 2021

Editorial

Macht teilen

Kinder streiten oft. Es kann ganz schön auf die Nerven gehen. Jedes fühlt sich ungerecht behandelt, will seinen Platz haben und seinen Willen durchsetzen. Eltern und Erziehungspersonen sind gefordert, immer wieder zu schlichten und gute Lösungen mit den Kindern auszuhandeln. Das gilt auch für ihre eigenen erzieherischen Massnahmen, die von den Kindern und Jugendlichen nicht einfach hingenommen werden. Es wird widersprochen, es wird argumentiert, es kommt zum Machtkampf. Manche träumen von den guten alten Zeiten, als noch Respekt gegenüber den Autoritäten gegolten hatte. Aber heute müssen die Kinder Aushandlungskompetenz ohne Gewaltanwendung lernen und trainieren. Familien, Spielplätze und Jugendorganisationen sind die Übungsfelder dazu. Die Heranwachsenden sind später darauf angewiesen, denn das ganze gesellschaftliche Zusammenleben ist darauf angelegt. In Paarbeziehungen, im Beruf oder im politischen Leben, überall müssen Ansprüche geltend gemacht, Ordnungen ausgehandelt und gegenseitig Rücksicht genommen werden. Man muss lernen, solidarisch Kompromisse einzugehen, Andersdenkende und Minderheiten zu respektieren und Macht zu teilen. Denn überall dort, wo Macht auf verschiedene Träger verteilt wird, kann die Gefahr des Machtmissbrauchs verringert werden. Das entspricht einer demokratischen Kultur, die mehr ist als Urnenabstimmungen. 

In der Schweiz gibt es Mitbestimmung und Machtteilung auch im kirchlichen Leben. Dies entspricht der demokratischen Mentalität und auch dem Geist des Evangeliums. Die demokratische Parallelstruktur in Form von Kirchgemeinden und kantonalkirchlichen Körperschaften wurde zu einem wichtigen Erfahrungsfeld für geteilte Macht und bedeutet eine grosse Chance für die echte Beteiligung der Gläubigen. Auch wenn manches nicht perfekt läuft, könnte die katholische Weltkirche doch viel von den Schweizer Ortskirchen lernen. Denn zur Bekämpfung von Klerikalismus, Missbrauch und Vertuschungen braucht es auch in der Kirche eine wirkliche Machtteilung und echte Aushandlungskultur. Da kann die Kirche wirklich viel lernen von den Familien und all den Menschen in vielfältig partnerschaftlichen Beziehungen.

Ich wünsche Ihnen viel Geduld in all den täglich geforderten Aushandlungsprozessen.

Kuno Schmid