Aktuelle Nummer 13 | 2021
20. Juni 2021 bis 03. Juli 2021

Schwerpunkt

«Chance Kirchenberufe»

Der Kirche mangelt es an Personal. Thomas Leist, der die Kampagne «Chance Kirchenberufe» ­leitet, macht viele Gründe dafür aus. Einer davon: Es gebe keine organisierte Nachwuchsförderung in den Pfarreien und Pastoralräumen. Im Interview mit Dominik Thali, Kantonales Pfarreiblatt ­Luzern, berichtet Thomas Leist von seinen Erfahrungen mit Werbeaktionen und der Beratung von ­Interessentinnen und Interessenten. Für ihn selbst ist der Seelsorgeberuf der schönste, den man ­haben kann.  

Dominik Thali: Corona macht viele Leute arbeitslos. Steigt deshalb das Interesse an einem Kirchenberuf?
Thomas Leist: Nein. Anfänglich sagten aber Leute, sie hätten während des Lockdowns Zeit gefunden, sich zu fragen, ob ihre jetzige Tätigkeit für sie noch stimme. Ich hatte vergangenes Jahr rund 100 Beratungen, das sind nur leicht mehr als im Vorjahr. Die Mehrheit betraf zudem nicht seelsorgliche Berufe. Also zum Beispiel Sakristan/Sakristanin, das Pfarreisekretariat oder Haushälterin.  

Die frühere «Informationsstelle Kirchliche Berufe» tritt seit 2013 als «Chance Kirchenberufe» auf. Hat sich dies auf die Nachfrage ausgewirkt?
Ja. Sie ist gewachsen und gleichzeitig unspezifischer geworden. Es kommt also durchaus vor, dass jemand erst im Beratungs­gespräch fragt, ob er für diesen oder jenen Beruf erst in die Kirche eintreten müsse. Man wolle «etwas in Seelsorge» machen, höre ich dann, aber mein Gegenüber hat keine Ahnung davon, geschweige denn eine pfarreiliche Bindung. Früher war das anders, weil sie meist über eine Pfarrei vermittelt worden waren.

Was folgern Sie daraus?
Es ist eigentlich erschreckend, wie selten Personen sagen, mein Pfarrer oder meine Gemeindeleiterin hat mich auf die Idee gebracht, mich bei «Chance Kirchenberufe» zu melden. Das kommt wirklich selten vor. Was mich darauf bringt, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger viel zu wenig Menschen auf einen Kirchenberuf ansprechen mit der Aufforderung: «Du, das wäre doch etwas für dich!» 

Woran liegt diese ­Zurückhaltung?
Die meisten Seelsorgenden sind ja recht zufrieden mit ihrer Tätigkeit. Trotzdem haben sie Mühe, diese anderen zu empfehlen. Aus meiner Sicht sind wir, die Seelsorgerinnen und Seelsorger, unschlüssig, wie es mit der Kirche weitergeht. Ich kann in der Beratung keinem 30-Jährigen mehr unbefangen sagen, er habe für die nächsten 40 Jahre einen sicheren Job, wenn er in der Kirche arbeite. Das wäre naiv. Ich bin mir sicher, dass es immer eine Kirche geben wird. Aber sie wird sich verändern. 

Was tun?
Die Frage ist: Wie verändert das die kirchlichen Berufe und ist es dann tatsächlich noch sinnvoll, allein auf die Seelsorge als Beruf zu setzen. In Deutschland zum Beispiel arbeiten Theologinnen und Theologen noch in ganz anderen Bereichen als in der Kirche. In der Schweiz ist man viel mehr auf die Kirche fixiert.

Wie fliesst das in Ihre Beratung ein?
Die Leute, die zu mir kommen, haben meistens einen Erstberuf. Wir besprechen, ob sie auf diesen zurück könnten, wenn es mit der Theologie nichts wird. Oder welches zweite Standbein daneben passen könnte. Ich betone jedenfalls: Macht oder erwerbt euch nebenher etwas, das uns in der Seelsorge hilft, man notfalls aber auch ausserhalb der Kirche wertschätzt. 

Spüren Sie die schwindende kirchliche Sozialisierung der Menschen in Ihrer Beratungstätigkeit?
Ja. Früher gelangten viele Personen auf Anstoss ihrer Pfarrei an unsere Stelle. Heute steht die Sinnsuche im Vordergrund, man möchte etwas Soziales tun. Aber bringt häufig keine kirchliche Nähe mit. 

Was sagen Sie diesen Menschen?
Ich gehe von Berufung im Sinn des heiligen Martin aus. Dieser half dem Bettler, bevor er Christ wurde; erst in der Nacht danach erschien im Christus und sagte ihm, er sei der Bettler gewesen. Das heisst: Eine kirchlich-soziale Tätigkeit kann zu einer Berührung mit Christus führen. Mit anderen Worten: Es kann einem auch erst später den Ärmel reinnehmen. 

Wann sind Sie erfolgreich?
«Chance Kirchenberufe» ist kein Rekrutierungszentrum. Unsere Stelle hat die Aufgabe, Informationen zu allen kirchlichen Berufen bereitzustellen. Wir beraten Menschen, damit sie zu einer für sie sinnhaften Tätigkeit finden. Das gilt auch für solche, die für die Ausbildung zu einem kirchlichen Beruf schon zu alt sind. Bei ihnen kann «Berufung» zum Beispiel heissen: Ich engagiere mich in der Palliativ Care oder in einer Caritas-Aufgabe. Das kann man auch neben seinem Beruf machen. Ich habe viel mit Menschen zu tun, die mir von ihrer Sehnsucht nach Sinn erzählen und voller Eifer sind, etwas Neues anzupacken. Sie wollen etwas verändern, sind hoch motiviert. Da bin ich selbst Feuer und Flamme und schaue, was möglich ist.

Woher kommen diese Menschen? 
Einmal fragte eine Bankerin, die zu mir kam, am Schluss des Gesprächs, wie viel sie denn als Seelsorgerin verdienen würde. Auf meine Antwort hin meinte sie, diese Summe sei just so hoch wie der Bonus, den sie im Vorjahr erhalten habe. Der Lohn hielt sie dann aber nicht ab, das Studium aufzunehmen, und sie ist seit zwei Jahren Pastoral­assistentin. Sie wollte nicht mehr länger ihren Kindern nicht erklären können, was sie auf der Bank tue, weil diese das nicht verstünden. Sie wollte ihnen eine glückliche Mutter sein. 

Kirchlich eher traditionelle ­Jugendliche machen in Lobpreis-­Gruppen wie Adoray oder in der Weltjugendtagsbewegung mit. Suchen solche Jugendliche ebenfalls Ihre Beratung?
Nein. Diese Bewegungen machen in ihrem Kreis zwar gute Arbeit, aber sie bringen ganz selten kirchliche Mitarbeitende hervor.

Wie gelingt die Zusammenarbeit mit den Pfarreien?
Wir haben den Schulterschluss mit den Pfarreien immer noch nicht geschafft. Ich werde nicht zum Predigen eingeladen, selten zu einem Informationsanlass mit unserem «Chancenmobil». Wir werben mit Plakaten und mit Spots im öffentlichen Verkehr, aber kaum je hängt ein Banner an einem kirchlichen Gebäude. Die Pfarreien suchen Personal, aber selten kommen Verantwortliche auf die Idee, dass sie selber etwas dafür tun müssen. Es gibt keine organisierte Nachwuchsförderung der Pfarreien.  

Chance ­Kirchenberufe 

«Bist du auf der Suche nach einem spannenden Beruf? Suchst du eine neue Herausforderung? Oder willst du wieder ins Berufsleben einsteigen nach einer Pause? Lass dich inspirieren auf der Suche nach deiner Berufung. Hier erfährst du, womit Priester, Pastoralassistentinnen, Kirchenmusiker, Sakristane oder Religionspädagoginnen in ihrem oft abwechslungsreichen Alltag beschäftigt sind.» 

www.chance-kirchenberufe.ch 

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Thomas Leist (54) stammt aus Deutschland, hat in Frankfurt Philosophie und Theologie studiert und kam 1996 als Pfarreileiter nach Uitikon in die Schweiz. Seit 2011 leitet er in einem 50-Prozent-Pensum die «Fachstelle Information Kirchliche Berufe», die seit 2013 als «Chance Kirchenberufe» auftritt. Kommenden Sommer tritt er von dieser Aufgabe zurück; die Stelle wurde im Januar ausgeschrieben. – Seit Sommer 2018 teilen sich Thomas Leist und seine Frau Petra die Leitung der Pfarrei Herrliberg.