Aktuelle Nummer 25 | 2022
04. Dezember 2022 bis 17. Dezember 2022

Jugend

Das Verschwinden des bösen Bildes

von Sophie Deck

Als ich und meine Schwester klein waren, gab es da dieses Bild. Es war riesig, mit Gold eingerahmt und hing im Büro unseres Vaters, direkt über dem Schreibtisch. Wir nannten es das böse Bild, weil die Jungfrau Maria, die darauf abgebildet war, uns böse anstarrte. Böser als unsere Mutter, wenn wir ein Chaos in der Küche hinterlassen hatten. Unser Vater aber mochte das Bild. Er hatte es von unserer Grossmutter geerbt. Und unsere Grossmutter hatte es über ihrem Bett hängen gehabt, sie war eben eine mutige Frau. 

Jedenfalls verschwand das Bild eines Tages. Die offensichtlichen Verdächtigen: ich und meine Schwester. Denn wir hatten es ja das böse Bild genannt. Wer sollte es sonst gewesen sein, meinte unser Vater. Weil wir es aber tatsächlich nicht gewesen waren, begannen wir, den Fall umgehend zu untersuchen, um unsere Unschuld zu beweisen. Und zerstritten uns dabei, weil wir uns gegenseitig verdächtigten. Unser Streit dauerte an, bis unser Vater ein neues Bild aufhängte. Dann vergassen wir das Ganze.

Aber heute Abend habe ich den Fall endlich gelöst. Ungläubig stehe ich vor dem Marien-Bild, das an die Wand im Estrich gelehnt steht. Ich dachte über die Jahre ein paarmal, es wäre doch meine Schwester gewesen oder sogar der Geist unserer Grossmutter. Doch ich lag falsch.

«Mama!» rufe ich durch das Haus und warte ungeduldig, bis ich ihre Schritte höre, zuerst auf der Leiter, dann auf dem Betonboden. «War das Fernando?», frage ich, als sie neben mir steht und zeige auf die eindeutigen, tiefen Kratzer auf der Leinwand. «Oh», sagt meine Mutter, als ihr Blick meinem Zeigefinger folgt, und guckt mich dann schuldbewusst an. «Ach, du kennst doch Papas Grundsatz: Die Katze darf nicht ins Arbeitszimmer! Er hätte sich furchtbar aufgeregt, wenn er das Bild zerkratzt vorgefunden hätte. Also habe ich die Spuren verwischt.» Ich beginne zu grinsen. Meine Schwester und ich waren keine Meisterdetektive, aber dafür waren Mama und Fernando eindeutig Meisterdiebe.