Schwerpunkt

Ein Fest wie Ostern

von Kuno Schmid

Ostern ist ein wichtiger Festtermin. Die einen nutzen das verlängerte Wochenende für Ausflüge, ­andere treffen sich mit der Familie oder feiern die Kar- und Ostertage in der Kirche. Was das Osterfest ausmacht, unterscheidet sich von Familie zu Familie und das Fest wird in der Kirche anders ­begangen als zu Hause. Was macht ein Fest zu einem Fest? Gibt es übergreifende Merkmale, auch wenn Feste unterschiedlich gefeiert werden? Einige kulturkundliche Aspekte zur Feier von ­Festen ­ergeben auch Bezüge zu Ostern. 

Feste als Lebenszusage
Ein Fest ist eine Zeit, die aus den alltäglichen Abläufen und Gewohnheiten herausfällt. Die Mühen und Sorgen des Alltags, Routinen, Termine und Belastungen werden unterbrochen. Für einen Moment scheint alles aufgehoben. Man kann aufatmen und der Sehnsucht nach Glück und gelingendem Leben Raum geben. Das Fest markiert eine Zeit der Lebensfreude und Lebensbejahung. Oft gehören deshalb üppiges Essen zum Fest, als Ausdruck des Überflusses und in Abgrenzung zu Zeiten von Mangel und Not. Ebenso werden übliche Ordnungen aufgehoben zugunsten von Geselligkeit, Musik und Tanz. 

Ostern ist so ein Fest des Lebens. Es gehört zum Frühling, in dem die Natur nach der kalten Winterzeit wieder zu blühen beginnt. Frühlingsfeste lassen sich in vielen Kulturen rund um den ersten Frühlingsvollmond nachweisen. Auch der Ostertermin wird so festgelegt: der Sonntag nach dem ersten Vollmond nach der Tag-Nacht-Gleiche. 

Die Freude auf den Frühling kann man erst recht verstehen, wenn man bedenkt, wie schwierig es früher gewesen sein mag, genügend Vorräte für den Winter haltbar zu machen. Je länger der Winter gedauert hat, desto mehr musste eingeteilt und gestreckt werden. Die Fastenzeit ist da eine willkommene spirituelle Hilfe gewesen, um diese Zeit des Mangels zu überstehen. Mit Ostern kommt Lebensfreude zurück und mit ein paar gesparten Eiern lässt sich das Fest starten

Feste, von Erzählungen ­getragen
Feste haben ihren Ursprung in «heiligen ­Zeiten». Kulturgeschichtlich haben die «­heiligen Zeiten» der Neuausrichtung auf die Gottheit und der Vergewisserung von Lebens­grund und Sinn gedient. Manches hat sich im Brauchtum erhalten. Die zum Fest passenden Erzählungen deuten dieses Brauchtum. Es sind bedeutsame Geschichten, die menschliche Grundfragen, den Ursprung und das Ziel des Lebens oder den Sinn der Gemeinschaft narrativ entfalten. In Festtraditionen zeigt sich so etwas wie das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft. Über Generationen werden mit Brauchtum und Festerzählungen Gestaltungen des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens symbolisch überliefert. 

Schon im alten Orient ist im Frühling gefeiert und für ein ertragreiches landwirtschaftliches Jahr gebetet worden. Im Volk Israel ist eine neue religiöse Bedeutung dazugekommen. Die Erzählung von der Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten erinnert daran, dass der Grund des Lebens in der Errettung und Lebenszusage Gottes liegt. Diese Sinndeutung des Festes gilt für Judentum und Christentum. Für die Christen ist diese Befreiung und Lebenszusage Gottes verbürgt in Jesus Christus. Sein Leben, Sterben und seine Auferstehung werden zum Orientierungspunkt des christlichen Glaubens. Das Oster­fest lädt immer neu ein, sich dieser sinnstiftenden Botschaft zu vergewissern.   

Feste des Lebenslaufes
Feste werden nicht nur im Verlauf des ­Jahres gefeiert, sondern auch als Feste des ­Lebenslaufes. Markante Übergänge wie ­Geburt, Erwachsenwerden, Eheschliessung oder Bestattung verlangen nach solch fest­lichen Begehungen, die das eigentliche Ereignis in einer symbolischen Handlung deuten. Menschen haben das Bedürfnis, solche ­Lebenssituationen mit traditionellen oder neuen Formen gemeinsam zu feiern. Meist gibt es vor Ort bestimmte Vorstellungen und Sitten, wie ein solches Fest gestaltet werden soll. Einige erfüllen diese soziale Erwartung, um ihre Zugehörigkeit zu betonen. Andere erfüllen sie nicht, um sich abzugrenzen oder um dadurch einen Beitrag zum ständigen Wandel von Sitten und Bräuchen zu leisten. Jede Generation konstruiert die Festzeiten wieder neu. Dabei spielen die global ausgerichteten Medien und die Integration der zugewanderten Menschen mit ihren kulturellen und religiösen Traditionen eine nicht unbedeutende Rolle. 

Geburt und Tod sind die beiden grössten Übergänge und Marksteine der menschlichen Existenz. Sie grenzen die Lebenszeit ein. Das Leben zu feiern, schliesst auch diese Grenzen mit ein. Ostern als Fest des Lebens thematisiert deshalb auch den Tod und die Hoffnung auf die Auferstehung. Mit der Erinnerung an die Taufe nimmt jede Osternachtfeier das sakramentale Ritual wieder auf, das am Beginn des Lebens gestanden hat und die Zusage Gottes und die Aufnahme in die Gemeinschaft immer wieder neu symbolisch zum Ausdruck bringt. 

Feste der Gemeinschaft
Festgestaltungen sind immer gemeinschaftsbezogen, sogar dann, wenn eine einzelne Person im Mittelpunkt steht. Feste dienen der Gemeinschaftsbildung und unterstützen die Schaffung einer kollektiven Identität. Das haben sich Gruppen, Insti­tutionen und Interessenvertretungen im ­Ringen um Bedeutung und Macht zunutze 
gemacht. Durch Gedenktage, Sportfeste oder Jubiläen sollen der Zusammenhalt innerhalb der angesprochenen Gemeinschaft und die Wirkung nach aussen gestärkt werden. Dazu gehören Fahnen, Abzeichen und besondere Kleider, aber auch Festumzüge oder Prozessionen, welche die Ordnung der Gemeinschaft abbilden. Selbst Protestveranstaltungen oder Demonstrationen verkörpern diesen Typus von gemeinschaftlichen Festen. 

Nebst vielen anderen Elementen bringt die Lichtfeier der Osternacht diesen Gemeinschaftsbezug zum Ausdruck. Mit der urtümlichen Versammlung um das Osterfeuer beginnt die Feier. Durch das Anzünden der Osterkerze bringt der Auferstandene Licht und Leben in die dunkle Welt und schafft Verbundenheit. In der Reihenfolge der kirchlichen Hierarchie oder auch anders wird dieses Licht weitergegeben und als Lichterprozession in die dunkle Kirche getragen. Dort versammeln sich alle zuerst um die brennende Osterkerze und anschliessend zur gemeinsamen Feier der Eucharistie. Die eigene brennende Kerze wird zum Zeichen der Zugehörigkeit.

Zum Festtag etwas Besonderes
Festtage wollen vorbereitet sein. Einladungen werden verschickt, Räume werden dekoriert und mit Blumen geschmückt, besondere Kleider werden angezogen, eine musikalische Darbietung wird einstudiert. Oftmals steht ein besonderes Essen im Mittelpunkt des Festes. Manche Feste zeichnen sich auch durch typische Speisen aus, z. B. Weihnachtsguetzli, Fasnachtschüechli oder Chilbi-Lebkuchen.  

Ostern wird geprägt durch die bunten Ostereier. Sie werden bemalt und oftmals für die Kinder versteckt. Das Ei gilt seit jeher als Symbol des Lebens. Aus dem leblos scheinenden Ei kann sich neues Leben entwickeln. Das passt zum Frühling, und das passt zur Botschaft von der Auferstehung Christi. Manche haben in der ­Fastenzeit auch auf Süsses verzichtet. Erst an Ostern hat es früher wieder Gebäck aus Süssteig gegeben. Seit Schokolade kein Luxusartikel mehr ist, haben die Schokoladen-Osterhasen allmählich die österlichen Gebildbrote und Zöpfe verdrängt.  

Quelle: Monika Schumacher-­Bauer / Kuno Schmid:
Feste und Fest­elemente als schulische Lernanlässe,
in: Sophia Bietenhard / ­Dominik Helbling / Kuno Schmid (Hrsg.):
Ethik, Religionen, ­Gemeinschaft.
Ein Studienbuch, Bern 2013, Seiten 330–337.

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