Schwerpunkt

Die Synode 72

von Urban Fink-Wagner

Für die römisch-katholische Kirche im 20. Jahrhundert war das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) die grösste Umwälzung, ja in wichtigen Punkten eine Revolution: Anerkennung der Gewissens- und Religionsfreiheit, Definition der Kirche nicht mehr als eine Klerikerkirche, sondern als Volk Gottes ­unterwegs usw. Wie aber sollten diese Neuerungen umgesetzt und auf die Basis herunter­gebrochen werden? Die Synode 72 versuchte vor 50 Jahren, diese Neuerungen in die Schweizer ­Diözesen und Pfarreien weiterzutragen.  

Das Zweite Vatikanische Konzil bedeutete für die römisch-katholische Kirche den Schritt in die Gegenwart, und zwar mit Beteiligung von Schweizer Theologen wie Hans Küng oder Johannes Feiner, aber ohne bemerkenswerte Interventionen durch die Schweizer Bischöfe.

Schon ein halbes Jahr nach dem Ende des Konzils lud der damals noch fortschrittliche Churer Bischof Johannes Vonderach zu einer Konzilsfeier in die Churer Kathedrale ein und lancierte die Idee, eine Diözesan­synode abzuhalten. Knapp drei Jahre später griff der Churer Bischofsvikar Alois Sustar – bis zu seinem Weggang 1977 nach Slowenien, wo er 1980 Erzbischof wurde, eine der prägendsten Persönlichkeiten im Bistum Chur – die Idee auf und ventilierte zusammen mit den Bischofsvikaren von Basel und St. Gallen, Otto Wüst und Ivo Fürer, die Idee einer Deutschschweizer Synode. Nur kurze Zeit später beschloss die Schweizer Bischofskonferenz am 10. März 1969, eine gesamtschweizerische Synode durchzuführen. Auf Landesebene steckte man den zeitlichen und thematischen Rahmen ab und bereitete die Diözesansynoden gemeinsam vor, während die Durchführung in den einzelnen Diözesen erfolgen sollte und die Beschlüsse danach gesamtschweizerisch zusammengefasst werden sollten. Ein Rahmenstatut gewährleistete eine parallele Durchführung der einzelnen Diözesansynoden.

Vernehmlassung und Wahl der Synodalen
Die Planungen unter Führung von Alois Sustar und Ivo Fürer als eigentliche «Architekten» der Synode hatten zur Folge, dass diese Synode zu einem kirchlichen Grossereignis wurde. Ende 1969 liessen die Bischöfe über 1,3 Mio. Briefe an die Gläubigen verteilen mit der Aufforderung, Anliegen und Wünsche mitzuteilen. Es gingen mehr als 150 000 Antwortkarten und 10 000 persönliche Briefe an die Bischöfe ein. Jede Diözese liess gegen 200 Synodale wählen, die Hälfte davon aus dem geistlichen Stand, die andere Hälfte Laien, ein Fünftel Jugendliche ab 16 Jahren (!), ein Siebtel Gastarbeiter. Die Laien wurden durch «Elektoren», die in den Pfarreien gewählt wurden, bestimmt. Die Wahlbeteiligung in den Pfarreien war eher schwach, weil die kirchliche Grosswetter­lage im Vergleich zur Konzilszeit zehn Jahre zuvor bereits pessimistischer gestimmt war. Mit der 1968er-Revolution und dem im gleichen Jahr erfolgten Verbot von Verhütungsmitteln durch Papst Paul VI. öffnete sich ein Graben zwischen Kirchenleitung und Kirchenvolk. Viele Priester und Ordensleute verliessen ihr Amt und heirateten, und der Kirchenbesuch nahm trotz der neuen Liturgie ab. 1971 nahm die Affäre Pfürtner ihren Anfang, nachdem der in Freiburg lehrende Professor und Dominikanerpater Stephan Pfürtner anlässlich einer Konferenz in Bern die kirchlichen Moralvorschriften kritisiert und für eine Öffnung der katholischen Sexualmoral plädiert hatte. Das stiess auf den Widerspruch des Freiburger Bischofs Pierre Mamie und der römischen Glaubenskongregation, womit sich die Frage stellte, wie die Kirche mit ihren Wissenschaftlern und der Freiheit in der Wissenschaft umging. Kurz vor Beginn der Synode 72 veröffentlichten ausserdem 33 namhafte Theologen aus ganz Mitteleuropa ein Manifest, «Wider die Resignation in der Kirche», worin der weiterhin bestehende kirchliche Absolutismus kritisiert wurde. 

Die Synode im Bistum Basel
Bischof Anton Hänggi übertrug Anton Cadotsch die Organisation der Basler Synode. Der Solothurner Religionslehrer trug danach als gewählter Präsident in den Jahren 1972 bis 1975 die Hauptverantwortung für die Bearbeitung der Themen in sieben Arbeits- und zwei Zwischensessionen und für deren Koordination mit den anderen Diözesen: (1) Glaube und Glaubensverkündigung heute; (2) Gebet, Gottesdienst und Sakramente im Leben der Gemeinde; (3) Kirchlicher Dienst; (4) Kirche im Verständnis des Menschen von heute; (5) Ökumenischer Auftrag in unseren Verhältnissen; (6) Ehe und Familie im Wandel unserer Gesellschaft; (7) Die Verantwortung des Christen in Arbeit und Wirtschaft; (8) Soziale Aufgaben der Kirche; (9) Beziehung zwischen Kirche und politischen Gemeinschaften; (10) Mission als Verantwortung der Kirche in der Schweiz für Verkündigung, Entwicklung und Frieden; (11) Bildungsfragen und Freizeitgestaltung; (12) Information und Meinungsbildung in Kirche und Öffentlichkeit.

Im Juni 1978 übergab Bischof Anton Hänggi die in gemeinsamem Suchen und in gemeinsamer Beratung entstandenen Texte gedruckt der Öffentlichkeit, nachdem zahlreiche Laien, Ordensleute und Priester dafür viel Zeit und Arbeit aufgewendet hatten.

Schubladisierung der Synode 72
Anton Cadotsch erlebte in der Synode 72 ­eine einmalige innerkirchliche Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen und eine erfreuliche Annäherung an die anderen christlichen Kirchen. 

Vor zwei Jahren zog er folgendes Fazit über die Synode 72: «Einerseits war die Arbeit der Synode für die Synodalen selbst unglaublich wertvoll. Auf der anderen Seite hat die Synode viele Erwartungen enttäuscht, vor allem, weil viele Empfehlungen entweder abgelehnt wurden oder unbeachtet blieben. Insbesondere hatte die gesamtschweizerische Synode der Bischofskonferenz empfohlen, einen gesamtschweizerischen Pastoralrat zu gründen, gedacht als beratendes Gremium für die Bischofskonferenz. Diese stimmte zu, und ich reiste in dieser Sache im Februar 1977 mit den Bischöfen Pierre Mamie und Otmar Mäder zu Papst Paul VI. Er teilte uns mit, dass er diesem Vorhaben nicht zustimmen könne. Das löste vor allem bei den ehemaligen Mitgliedern der Synode, aber auch in der ganzen Schweiz eine grosse Enttäuschung aus. Es entstand der Eindruck, dass der Papst die Synode nicht ernst nehme.» Das spannende Unternehmen Synode 72 blieb leider ohne langfristige Wirkung, weil Rom deren Anliegen schubladisierte und die Nachbearbeitung und Umsetzung in den Pfarreien oft ausblieb. 

Im nachfolgenden, langen Pontifikat vom charismatischen Johannes Paul II., Papst in den Jahren 1978 bis 2005, legte Rom noch weniger Wert auf die Synodalität, sondern die Kirchenleitung zeigte sich hierarchischer, kompromissloser und machtbewusster als unmittelbar nach dem Zweiten ­Vatikanischen Konzil. Das Pontifikat von Benedikt XVI. (2005–2013) änderte nichts an dieser schwierigen und überzogenen ­Hierarchisierung. Erst seit dem Amtsantritt von Franziskus 2013 weht ein neuer Wind.

Die Schublade ist wieder offen
Franziskus öffnete 2021 mit seiner für Herbst 2023 geplanten Weltsynode zum Thema «sy­nodale Kirche» die Schublade wieder und löste einen Prozess aus, der auch im Bistum Basel und in der ganzen Schweiz eine Entwicklung vor Ort in Gang gesetzt hat. Franziskus will eine synodalere Kirche, die durch Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung gekennzeichnet ist und an die Ränder von Kirche und Gesellschaft gehen will.

Die Schublade ist offen; sie kann in einer Kirche, die angesichts der Missbrauchsfälle und der überzogenen Hierarchisierung sowie der damit verbundenen Geringschätzung der Ortskirchen in den letzten Jahrzehnten viel an Glaubwürdigkeit verloren hat, nicht wieder geschlossen werden. Die Texte der Synode 72 verdienen es, angesichts dieser neuen Entwicklung erneut gelesen, gewürdigt und aktualisiert zu werden.