Aktuelle Nummer 20 | 2022
25. September 2022 bis 08. Oktober 2022

Jugend

Der Garten: eine philosophische Errungenschaft

von Céline Hoog

Die warmen Temperaturen der vergangenen Tage, die länger währende Sonne und die kürzlich erfolgte Zeitumstellung künden es an: Der Sommer naht. Sehnsüchtig erwarten wir die warme Jahreszeit, die langen Nächte im Freien und vor allem eines: endlich wieder Zeit für den Garten!

Der Garten ist dabei keineswegs nur Ort guter Erholung oder Umgebung zur nahrungstechnischen Selbstversorgung. Er ist vielmehr eine jahrtausendealte kulturelle Errungenschaft. Nach biblischer Überlieferung wird der sogenannte Garten Eden mit nichts Geringerem als dem Paradies für den Menschen gleichgesetzt. Im Zen-Buddhismus dient der Garten als Ort der Meditation und Selbstbetrachtung. Spätestens mit Claude Monet wird der Garten auch zum Zentrum bildnerischer Kunst und zum Wahrzeichen impressionistischer Malerei. 

Eine wichtige Bedeutung des Gartens findet sich bereits im antiken Griechenland um 400–300 v. Chr. Der griechische Philosoph Epikur gilt als Begründer der nach ihm benannten epikureischen Philosophie. Seine Schule wird auch als Kepos bezeichnet, was dem griechischen Wort für Garten entspricht. 

Epikur pflegte eine Philosophie, die sich mit der Frage nach dem glücklichen Leben auseinandersetzte. Anders als seine griechischen Vorgänger und Zeitgenossen, darunter Platon und die Begründer der Stoa, konzentrierte er sich dabei nicht auf das immerwährende Leben nach dem Tod, sondern im Fokus seiner Philosophie stand das irdische Leben. Der Mensch und der Körper sowie dessen Bedürfnisse waren Zentrum eines für Epikur glücklichen Lebens. 

Diese praktische Einstellung hing im Wesentlichen mit dem Naturverständnis, das Epikur hegte, zusammen: Epikur gehörte zu den sogenannten Atomisten, die der Überzeugung waren, dass alles aus sogenannten kleinsten untrennbaren (griech. Atomos) Teilchen besteht. Diese Teilchen, die auch den Körper zusammenhalten, würden nach dem Tod vergehen. Für Epikur gab es somit nicht nur kein Leben nach dem Tod, sondern der Tod als solcher sei aus diesem Grund auch nicht zu fürchten, denn solange man lebt, ist der Tod abwesend, sobald er eintrifft, ist das menschliche Leben bereits vergangen. 

Was bedeutet dies für das menschliche Leben? Solange der Mensch da ist, sollte er seine Bedürfnisse nach Lust und Glückseligkeit befriedigen. Epikurs lustorientierte Philosophie stand zeit seines Lebens im Gegensatz zur vernunftorientierten Philosophie im antiken Athen, die man öffentlich auf der Agora pflegte. Diese gegensätzliche Haltung unterstrich Epikur, indem er seine Philosophie «im Verborgenen» lebte – im Garten. 

Der Einfachheit dieser Darstellung liegt allerdings ein interessanter Vergleich zugrunde: Während in der Bibel der Garten das himmlische Paradies darstellt, so ist er im antiken Griechenland Symbol für das irdische Leben schlechthin.

Der Garten: Himmel oder Erde?