Aktuelle Nummer 20 | 2022
25. September 2022 bis 08. Oktober 2022

Editorial

Man ist was man isst

Das berühmte Feuerbach-Zitat ist zwar letzte Woche an der Grillstelle nicht zum Einsatz gekommen, doch die Diskussion im Angesicht der brutzelnden Bratwürste nahm durchaus existenzphilosophische Züge an. Auslöser waren die Worte: «Ich esse jetzt nur noch das, was mir gut tut!» Diese Aussage klingt ja an und für sich nicht bedrohlich, doch derartige Feststellungen sind nicht selten die untrüglichen Vorboten einer pseudoreligiösen Ernährungserlösungsbotschaft, denn die simple Nahrungsaufnahme hat sich bei immer mehr Zeitgenossen zu einer lebensbestimmenden Grundfrage und Heilslehre entwickelt. Früher kannte ich das Phänomen nur aus den Medien oder vom Hörensagen, doch jetzt ist es mit voller Wucht in meine Lebenswelt eingedrungen. 

Halleluja, ausgeklügelte Auswahlverfahren und neue Trends weisen den Weg zum Vollwertparadies. Essen ist plötzlich kompliziert geworden. Während uns früher noch der persönliche Geschmack und die Saison beim Einkauf im Supermarkt leiteten, dirigieren uns heute allerlei normative Vorstellungen. Hemmungslos schlemmen ist nicht mehr erlaubt, bedenkenlos sich den Bauch mit Leckereien zu füllen, gehört sich nicht. Der unbedachte Satz: «Ich nehme irgendetwas mit Pommes Frites», kann schnell einmal zu einem satanischen Vers verkommen. Wer sich dagegen sogenannt gesund ernährt, auf Tiere und die Umwelt Rücksicht nimmt, darf sich seiner moralischen Überlegenheit gewiss sein. Sag mir, was du isst – und das laut und mit heiligem Eifer gepaart –, und ich sage dir, wer du bist. So kann die Ernährung zu einem säkularen Heilsversprechen werden. Gesunde Ernährung verspricht das ewige Leben; eine trügerische Vision von Selbsterlösung erhebt den bewussten Esser und Körperkultdiener aus der Masse der Fettleibigen und Verdammten. Die richtige Ernährungsweise stellt zwar keine neue Art von Spiritualität dar, aber es ist ein Versuch, dem Leben Sinn und Struktur zu geben. 

An einem gesunden Lebensrhythmus und an achtsamem Konsum ist kaum etwas auszusetzen. Gefährlich wird das Ganze, wie auch im Bereich der Religion, wenn die Bestrebungen fundamentalistische Züge annehmen, ein Kausalzusammenhang zwischen guter Ernährung und Gesundheit gesucht wird. Im Krankheitsfall kann es dann nur an der schlechten Ernährung gelegen haben oder, aus religiöser Sicht betrachtet, der Lebensstil war nicht fromm genug und der Glaube nicht ausreichend. 

Mit kulinarischen Frühlingsgrüssen

Reto Stampfli