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Abraham, der Held des Glaubens!?

von Stephan Kaisser

In allen drei monotheistischen Religionen ist das Abrahamsopfer zentral, er war bereit, auf Geheiss Gottes seinen Sohn zu töten. Abrahams Glaube erscheint heute gar nicht mehr vorbildlich, und die Bereitschaft, seinen Sohn zu opfern, geradezu als abscheulich. Steckt hinter dieser befremdlichen Erzählung nicht ein Gottesbild, das mit dem unserem von einem gütigen und barmherzigen Vatergott keinesfalls zusammenpasst? Was lässt sich heute noch dieser Erzählung abgewinnen? 

Judentum, Christentum und Islam werden als Abrahamitische Religionen bezeichnet. In allen drei grossen monotheistischen Religionen gilt Abraham als Vater des Glaubens. Insbesondere wird auf eine Erzählung aus der Genesis (22,1–19) bzw. der 37. Sure des Korans Bezug genommen, worin die Prüfung Abrahams oder, wie es im Judentum heisst, die Bindung Isaaks geschildert wird:

Das Abrahamsopfer in jüdisch-christlicher Tradition
Gott befiehlt Abraham, seinen Sohn zu opfern. An der Opferstätte hält ein Engel Abraham jedoch im letzten Moment davon ab, seinen Sohn zu töten, und er opfert einen Widder. Daraufhin wird Abraham für seine Gottesfurcht belohnt, da er bereit war, solch ein Opfer zu bringen.

In der jüdischen Tradition ist der Ort der Bindung Isaaks Jerusalem, genau der Ort, an dem später der Tempel erbaut wurde, also der heiligste Ort für die Juden. Im Judentum wird am Neujahrsfest (Rosch Haschana) die Bindung Isaaks aus der Tora vorgetragen.

Das Abrahamsopfer in ­muslimischer Tradition
In der muslimischen Tradition ist die Opferstätte Mekka, dort wo die Kaaba steht, der heiligste Ort für die Muslime. Ausserdem wird in dieser Tradition der Erstgeborene Ismael, nicht Isaak, als erwähltes und dann durch ein Schlachtopfer ersetztes Opfer gesehen. Dieses Schlachtopfer ist bis heute ein Kernbestandteil des grössten Festes des Islam, Îd al-Qurban, das Opferfest, und erinnert an das Opfertier, das Abraham Gott als Ersatz für seinen Sohn dargebracht hat (Sure 37, Vers 107).

Die christliche Tradition ist gleich wie die jüdische, und wir hören an unserem höchsten Feiertag, in der Osternacht, von Abrahams Prüfung.

Diese befremdliche Geschichte, in der Gott ein Menschenopfer fordert und dann doch nicht will, ist in den drei abrahamitischen Religionen zentral. Eine schreckliche Geschichte, die provoziert und uns heute die Frage stellt: Macht es Abraham wirklich zum Helden des Glaubens, wenn er bereit ist, für seine Religion zu töten?

Schülerinnen und Schüler ­antworten
Dieser Frage bin ich mit meinen Schülerinnen und Schülern nachgegangen und habe interessante Antworten bekommen: 

Gott musste verhindern, dass Abraham seinen Sohn opfert, denn jede Person ist auf ihre Art wichtig. Die Individualität zählt. (Schülerin, 15 Jahre)

Gott soll für einen Gläubigen das Wichtigste sein. Aber andersherum ist auch der Mensch das Wichtigste für Gott. Darum muss Gott Abraham stoppen. (Schüler, 16 Jahre)

Die Erzählung sagt mir, dass man die eigenen Kinder loslassen muss, wenn sie älter werden. Gott weiss, was er tut, und er will nicht wirklich Menschenopfer. (Schülerin 16 Jahre)

Die Erzählung sagt mir, dass ich mich selbst hinterfragen soll, ob es wirklich Gottes Wille ist, was ich tun will. Ein Opfer für Gott darf niemandem schaden. (Schülerin 17 Jahre)

Gott sogar seinen Sohn zu opfern, zeigt die Loyalität Abrahams zu seinem Gott. Sein Glaube ist so stark, dass er alles für Gott aufgibt, sogar seine Zukunft. (Schüler 16 Jahre)

Eine grosse Bandbreite von Antworten, welche die verschiedenen Aspekte dieser Erzählung berühren.

Die traditionell religiöse ­Perspektive
Abraham ist das Vorbild der Gottergebenheit. Auch wenn er Gottes Wille nicht versteht und dieser seinen eigenen Interessen entgegenläuft, ist er bereit, zu gehorchen. Er opfert Gott sein eigenes Wohlergehen und, was noch schwerer ist, das Wohlergehen seines geliebten Sohnes. Zu solch einem Opfer ist nur der allerstärkste Glaube bereit, der auch in Situationen, die völlig sinnlos und trostlos erscheinen, an Gott festhält. Dieses Vertrauen wird belohnt, indem Gott Isaak verschont und sein Versprechen gibt: Weil du das getan hast (…), will ich dir Segen schenken in Fülle (Gen 22,16 f.). So wird von einigen Theologen diese Erzählung auf den Opfertod Jesu gedeutet, der als «Lamm Gottes» – auch in Jerusalem – als Sühnopfer dargebracht wird.

Die religionsgeschichtliche ­Perspektive
Natur- und Fruchtbarkeitsreligionen im Umfeld Israels kannten Tier- und Menschenopfer: Die Naturkräfte sollten durch Opfer gnädig gestimmt werden. Der Einzelne ist nur ein Teilchen im Kreislauf des «Stirb und werde» und kann zum Wohle der Gemeinschaft geopfert werden. Israel hat ein neues Gottes- und Menschenbild: Gott ist mehr als eine Naturmacht. Er ist auch der persönliche Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Jede/r Einzelne ist Gott wichtig, darum spricht der Engel Gottes: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! (Gen 22,12). Wie jeder Mensch ist auch Isaak gottgewollt und einzigartig und damit nicht austauschbar oder nur Mittel zum Zweck.

Auch in der rabbinischen Auslegungstradition gibt es die Deutung, dass Abraham die Prüfung Gottes missversteht. Abrahams Deutung der Stimme Gottes ist in dieser Tradition ein Irrtum, weil Gott unmöglich etwas befehlen kann, was den grundlegenden Gesetzen der Moral widerspricht. Insofern sei Abraham in gewisser Weise bei der Prüfung durchgefallen, weil er Gottes Wesen nur unvollkommen erfasst habe (vgl. W. Gunther Plaut, Die Tora in jüdischer Auslegung).

Die entwicklungspsychologische Perspektive
Irgendwann muss jede Mutter und jeder Vater ihr/sein Kind loslassen. Je mehr sich Eltern an ihr Kind klammern, umso schmerzvoller ist dies. Kinder finden zu ihrem eigenen Leben nur, wenn auch die Eltern lernen, ihr eigenes Leben zu leben. Gerade weil man doch das eigene Kind von Herzen liebt, nur das Beste für es plant, ist dieses in die Eigenständigkeit zu entlassen so schmerzhaft, es ist wie eine zweite Geburt. Dabei wird deutlich: Nur, was ich loslasse, kann ich letztlich als Geschenk empfangen. Liebe engt nicht ein, sondern befreit. Gott versprach Abraham in Haran ein segensreiches Leben, als er ihn aufforderte sein Elternhaus zu verlassen (Gen 12,1 f.). Seine Eltern mussten ihn damals ziehen lassen. Nun fordert Gott ihn auf, sein Kind loszulassen. Indem er ihn von seinem Kind, das er liebt, trennt, führt er ihn auch zu sich selbst zurück. Das Opfer, das Gott fordert, ist der Geburtsschmerz eines eigentlichen, innerlich geweiteten und selbstständigen Lebens für Abraham und seinen Sohn (vgl. E.Drewermann, Abrahams Opfer, in: Bibel und Kirche, 1984).

Ist Abraham nun ein Held oder ein Fanatiker?
Weder noch. Ich denke, Abraham ist der Vater des Glaubens, sein Glaube ist manchmal stark, manchmal schwach, ist ein Unterwegssein, eine Gottsuche. Darin ist er uns Vorbild und wie die jüdischen Gläubigen wissen wir: Gott wird für uns nie ganz fassbar sein, in keinem Bild, in keinem Namen, in keinem Begriff.  

Der Theologe Stephan Kaisser ist Religionslehrer an der Kantonsschule Solothurn und Mitglied der «Kirchenblatt»-Redaktions­kommission.