Kirche und Welt

Fasten und Eros bei Niklaus von Flüe

Vielleicht war der definitive Abschied des Niklaus von Flüe von seiner Familie gar nicht so schmerzlich und tränenreich, wie er dargestellt wurde. Die ältesten Söhne dürften den Verlust gut verschmerzt haben. Einen Gatten und Vater zu haben, der sich immer mehr zurückzieht, kaum noch einen gemeinsamen Tisch pflegt, war für die Grossfamilie schwer zu ertragen. Letztlich war es ein reifer und freier Entscheid von Klaus und seiner Frau Dorothee, und es geht schlicht und einfach niemand etwas an, seinen moralisierenden Senf dazuzugeben. Und das geschieht leider vermehrt just in einer Zeit, wo man sonst für jede Beziehung und Lebensform Akzeptanz verlangt. Aber da ist noch etwas anderes. Beim Abschied hinterliess Vater Klaus einen vier Monate alten Säugling mit Namen Niklaus. Es erstaunt, dass er zu später Stunde noch ein Kind zeugte. Aber nochmals: Das geht uns nichts an. Dass aus diesem Jüngsten ein studierter Mann und Priester wurde und er in seinem kurzen Leben Pfarrer von Sachseln war, lässt im Nachhinein alles als gut gefügt aussehen. Aber dass Bruder Klaus weniger als ein Jahr vor seinem Weggang, in einer Zeit, wo er eine intensive Enthaltsamkeit auf Nahrung pflegte, noch erotische Bedürfnisse hatte und auslebte, eröffnet eine tiefe Dimension. Wir wissen, dass Niklaus von Flüe Jahre vor seinem Abschied von innerer Unruhe und Depressionen geplagt wurde. Bei seinem Priester-Freund Heimo Amgrund erfuhr er Hilfe. Kann es sein, dass er bei seiner Frau mindestens zeitweise wieder menschlichen Halt und Geborgenheit in gegenseitiger Hingabe suchte und fand? Das macht ihn lebensnah und steht auch nicht im Kontrast zu Spiritualität. Albert Gasser, Ausschnitt aus seinem Luzerner Bruder-Klausen-Vortrag vom 11. Mai 2022