Aktuelle Nummer 20 | 2022
25. September 2022 bis 08. Oktober 2022

Editorial

Ein Dorf ohne Kirche?

«Unsere Zeit ist eine brandneue Welt der Gleichzeitigkeit. Zeit hat aufgehört, Raum ist verschwunden ... Wir leben jetzt in einem globalen Dorf ... ein simultanes Happening», resümierte der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan (1911–1980) bereits vor über 50 Jahren. Die modernen Medien liefern eine Vernetzung, die das weite Weltenrund zu einem «Dorf» werden lassen. Früher stand die Kirche mitten in diesem Dorf, denn über Jahrhunderte hegte im Westen die institutionalisierte Religion einen medialen Monopolanspruch der Weltdeutung, bis sie schliesslich durch die Säkularisierung vom «Dorfplatz» in die Kirchen zurückgedrängt wurde. In unserer Zeit spielt Religion in der Öffentlichkeit zweifellos eine untergeordnete Rolle. Was jedoch noch mehr ins Gewicht fällt: Negative Nachrichten und Skandale dominieren die Berichterstattung. Nicht Theologie und das Transzendente werden fokussiert, sondern die Probleme religiöser Institutionen und Systeme wie Fragen der Gleich­berechtigung, Rückständigkeit der katholischen Lehre oder Kindesmissbrauch. Besonders der letzte Punkt macht deutlich: Es ist gut, dass es die Medien gibt, mehr Transparenz kehrt ein, denn wer vertraut schon auf die Selbstheilungskräfte von Institutionen? 

Die Mediatisierung der Religion hat also auch Vorzüge. Das Verschwinden der religiösen Substanz aus der öffentlichen Diskussion ist hingegen eine gefährliche Entwicklung. Aus diesem Grund ist es überlebenswichtig, dass es Medien gibt, die ein substanzielles religiöses und theologisches Fundament gewährleisten können. Diesem essenziellen Auftrag sieht sich auch das «Kirchenblatt» Solothurn voll und ganz verpflichtet. Kuno Schmid, der seit Herbst 2016 als Chefredaktor des «Kirchenblatts» waltete und sich in der vorausgehenden Nummer verabschiedet hat, wirkte stets als aufmerk­samer und kompetenter Berichterstatter und Kommentator. Der Theologe und Religionspädagoge ist kein Mann der lauten Töne; ihm war es in erster Linie wichtig, dass die tatsächliche Mitte nicht durch die Peripherie verdrängt wurde. Er kümmerte sich mit Herzblut darum, dass die Kirche medial im Dorf bleibt.

Lieber Kuno, besten Dank für dein umsichtiges Wirken und deine zuverlässige Organisations- und Schreib­tätigkeit für das «Kirchenblatt». Redaktion und Vorstand des Trägervereins wünschen dir einen im positiven Sinn bewegten Ruhestand. 

Reto Stampfli